Hohe Strafe für gebürtigen Inder

15-Jährige vergewaltigt: Fluchtversuch nach Urteil

Montag, 23. Juli 2018 | 17:33 Uhr

Nach seiner Verurteilung zu einer zwölfjährigen Haftstrafe hat der 25-Jährige bei seiner Überstellung in die Justizanstalt Josefstadt einen Fluchtversuch unternommen. Wie die APA in Erfahrung brachte, riss sich der Mann auf der Straße los, als er von drei Polizisten vom Gerichtsgebäude ins Gefängnis gebracht werden sollte. Er konnte aber mit Hilfe eines Passanten überwältigt werden.

Der Sprecher der Wiener Landespolizeidirektion, Paul Eidenberger, bestätigte der APA den Zwischenfall. “Der Mann hat sich plötzlich losgerissen, konnte aber überwältigt werden.” Ein Passant soll dabei den Beamten eine tatkräftige Hilfe gewesen sein, indem er dem Flüchtenden auf der Wickenburggasse ein Bein stellte. Der mutmaßliche Vergewaltiger befindet sich mittlerweile in der Justizanstalt. Vermutlich wird die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt einleiten.

Der Zeitungszusteller soll am 22. Dezember 2017 in Wien-Favoriten in seinem Lieferwagen ein 15-jähriges Mädchen vergewaltigt haben und wurde am Montag am Landesgericht für Strafsachen zu einer zwölfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Darüber hinaus wurde ihm eine finanzielle Wiedergutmachung in Höhe von 13.200 Euro auferlegt.

Zur inkriminierten Vergewaltigung hatte sich der Angeklagte entgegen seiner bisherigen Verantwortung mit einvernehmlichem Sex verantwortet. Das Mädchen, das von ihm zwischen 3.00 und 4.00 Uhr in der Früh auf der Straße aufgelesen wurde, habe sich in seinem Lieferwagen an ihn herangemacht.

“Hätte sie nicht angefangen mich zu berühren, wäre ich nicht auf diesen Gedanken gekommen”, erklärte der 25-Jährige einem Schöffensenat. Die Jugendliche habe ihn während seiner Zustelltour mit einem Handzeichen angehalten, sei zu ihm auf der Beifahrerseite in den Wagen gestiegen und habe ihn dann während der Fahrt “öfters berührt”. Nach der letzten Adresse und nachdem man sich in einer Tankstelle Bier besorgt hatte, habe das Mädchen im Wagen die Musik aufgedreht und “im Sitzen getanzt”, schilderte der indisch-stämmige Mann, der seit 2014 in Österreich lebt. Im weiteren Verlauf habe man sich nach hinten begeben, wo sie ihm auf der Ladefläche die Hose ausgezogen hätte: “Dann haben wir uns hingelegt und es ist zum Geschlechtsverkehr gekommen.”

Bisher hatte der verheiratete Mann Intimitäten geleugnet. Sowohl beim ersten Verhandlungstermin Anfang Mai als auch am 20. Juni, als er zuletzt Kontakt mit dem Gericht hatte, stritt er jeglichen sexuellen Kontakt ab. “Ich hatte Angst”, erklärte er, darauf angesprochen.

Das Mädchen war nach einem Besuch des Christkindlmarktes am Rathausplatz in einen Streit mit seiner Mutter geraten. Die 15-Jährige verließ die Wohnung, irrte im Freien herum und wurde laut Anklage von dem Zeitungszusteller in verweintem Zustand aufgelesen, der ihr versprochen haben soll, sie nach Hause zu bringen. Am Beifahrersitz wurde die 15-Jährige ihrer Darstellung zufolge vaginal vergewaltigt.

Der Fall hatte justizintern kontroversielle Diskussionen ausgelöst. Nach dem ersten Verhandlungstermin Anfang Mai war der bis dahin auf freiem Fuß befindliche Angeklagte vom Landesgericht für Strafsachen wegen Flucht- und Tatbegehungsgefahr in U-Haft genommen worden. Dagegen legte der 25-Jährige Beschwerde ein, der das OLG Folge gab. Der Inder wurde enthaftet, worauf er wenig später ein Flugzeug nach Indien bestieg – angeblich nur, um seine kranke Mutter zu besuchen, wie sein Verteidiger Nikolaus Rast betonte.

Die 15-Jährige, deren Befragung beim ersten Termin abgebrochen werden musste, weil das Mädchen einen Zusammenbruch erlitt, konnte nicht mehr vernommen werden. Wie Gerichtspsychiater Peter Hofmann, der das Mädchen Ende Juni untersucht hat, darlegte, ist diese nicht mehr aussagefähig. “Aktuell ist sie nicht verhandlungsfähig”, betonte Hofmann. Der psychische Leidensdruck eines neuerlichen Zeugenauftritts wäre zu groß, meinte der Gutachter.

Der Expertise des Sachverständigen zufolge hat das, was das Mädchen laut Anklage kurz vor Weihnachten erlebt hatte, ein “sehr schwerwiegendes Krankheitsereignis” bewirkt, erläuterte Hofmann: “Die Kriterien einer schweren Körperverletzung sind erfüllt. Angesichts des Schweregrades gehe ich davon aus, dass das mit einer großen Wahrscheinlichkeit in einen Dauerzustand übergehen wird.”

Das Mädchen wuchs in ungünstigen Verhältnissen auf und hat eine schwierige Kindheit verbracht. Laut Hofmann haben sich bei ihr Züge einer Borderline-Störung entwickelt. Die 15-Jährige hat auch altersuntypische Alkohol- und Drogenerfahrungen hinter sich. Seit dem inkriminierten Vorfall hätte sich zusätzlich eine “ausgeprägte Depression” herausgebildet, stellte Hofmann fest. Bei seiner Untersuchung habe das Mädchen mit “heftigem Weinen” auf Fragen zur mutmaßlichen Vergewaltigung reagiert: “Sie hat zum Ausdruck gebracht, dass sie das derartig anwidert, dass sie nicht drüber sprechen will.”

Wie die juristische Prozessbegleiterin der 15-Jährigen ausführte, traut sich das Mädchen nach wie vor nicht das Haus zu verlassen und hat Angst vor dem Einschlafen. Der Gerichtspsychiater riet dringend zu einer konsequenten Verhaltenstherapie und medikamentösen Behandlung.

“Das Beweisverfahren hat eindeutig ergeben, dass sich der Sachverhalt so zugetragen hat, wie das Opfer ihn der Polizei geschildert hat”, stellte der Vorsitzende am Ende in der Urteilsbegründung fest. Bei einem Strafrahmen von fünf bis 15 Jahren erschienen dem Schöffensenat zwölf Jahre schuld- und tatangemessen. Mildernd wurde die bisherige Unbescholtenheit des Inders berücksichtigt, erschwerend war demgegenüber, “dass Sie keinerlei Reue gezeigt haben”, wie der Richter darlegte. Außerdem nutzte der Zeitungszusteller nach Ansicht des Gerichts “die Wehrlosigkeit des alkoholisierten Opfers aus”, wie der Vorsitzende bemerkte.

“Das ist ein besonders schwerer Fall. Sie haben das Leben und die weitere Existenz des Opfers zerstört”, hielt der Richter fest. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Verteidiger Nikolaus Rast meldete Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung an. Staatsanwältin Gabriele Müller-Dachler gab vorerst keine Erklärung ab.

Von: apa