Der Prozess interessiert die Massen

Angeklagter bestreitet Mord im U-Boot-Prozess

Donnerstag, 08. März 2018 | 15:57 Uhr

Die schwedische Journalistin Kim Wall ist nach Angaben des mordverdächtigen Erfinders Peter Madsen an Bord seines U-Bootes erstickt. Er habe etwas reparieren wollen, habe deshalb einen Kompressor und zwei Motoren gestartet und sei durch ein Luk nach draußen geklettert, sagte der 47-Jährige am Donnerstag zum Prozessauftakt vor Gericht.

Er habe das Luk nicht wieder öffnen können, wohl weil sich ein Unterdruck im Boot gebildet habe. “Ich konnte Kim da unten rufen hören”, sagte er. Erst nach einer Weile habe er das Luk wieder öffnen können. Ihm sei warme Luft entgegengekommen. Wall habe leblos im Boot gelegen.

Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht an den beschriebenen Unfall. Sie wirft dem 47-Jährigen vor, Wall an Bord seines selbst gebauten U-Boots gefesselt, misshandelt und ermordet zu haben, bevor er ihre Leiche zerstückelte und in Plastiksäcken im Meer versenkte.

Zum Vorwurf des sexuellen Missbrauchs plädiere der 47-Jährige auf unschuldig, sagte seine Anwältin am Donnerstag vor Gericht in Kopenhagen. Schuldig bekannte sich Madsen zum Vorwurf, die Leiche der Frau zerteilt und über Bord geworfen zu haben. Er hatte dies zuvor in Verhören gestanden.

Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen zitierte vor Gericht aus einem psychologischen Gutachten, wonach Madsen “extrem unzuverlässig” und “hochgradig sexuell abartig” sei. Der 47-Jährige weise narzissistische und psychopathische Züge auf, sei manipulativ und habe einen “schweren Mangel an Mitgefühl und Reue”.

Wall hatte Madsen am 10. August vergangenen Jahres auf dessen U-Boot besucht, um ein Interview mit ihm zu führen. Einen Tag später sank das U-Boot in der Köge-Bucht vor Kopenhagen, Madsen wurde gerettet. Er gab zunächst an, die Journalistin am Vorabend wohlbehalten an Land abgesetzt zu haben.

Teile von Walls Leiche wurden später im Meer entdeckt, sie wiesen Schnitt- und Stichverletzungen auf. Madsen machte in Verhören widersprüchliche Äußerungen zum Schicksal der Journalistin. Unter anderem gab er an, sie sei gestorben, als ihr die Luke des U-Boots auf den Kopf gefallen sei. Ihr später gefundener Schädel wies jedoch keine entsprechenden Verletzungen auf.

Im Gerichtssaal anwesend waren auch die Eltern von Kim Wall. Auf einem Bildschirm wurden die letzten SMS gezeigt, die die 30-Jährige von Bord des U-Boots an ihren Freund geschickt hatte, bevor es auf Tauchfahrt ging. “Ich lebe übrigens noch”, schrieb sie am 10. August um 20.15 Uhr augenzwinkernd. “Wir gehen jetzt runter. Ich liebe Dich!!!!!!” Eine Minute später schickte sie eine letzte Nachricht: “Er hat Kaffee und Kekse mitgebracht.”

Die Anklage wirft Madsen neben Mord schweren sexuellen Missbrauch sowie Leichenschändung vor. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft folterte und tötete der 47-Jährige die junge Frau, um seine sexuellen Fantasien auszuleben. Er habe den Mord geplant und eigens Messer, spitze Schraubenzieher, Plastikschnüre und Rohre an Bord gebracht, um seinen Plan in die Tat umsetzen zu können.

Eine Autopsie der zerstückelten Leiche brachte keine Klarheit über die Todesursache. Die Ermittler gehen davon aus, dass Madsen Wall erwürgte oder ihr die Kehle durchschnitt. Zeugen, darunter mehrere Ex-Freundinnen, beschreiben den Erfinder als Anhänger brutaler Sado-Maso-Praktiken. Eine in seiner Werkstatt gefundene Computerfestplatte enthielt Fetisch-Videos, die zeigen, wie Frauen gefoltert, geköpft oder lebendig verbrannt werden. Madsen bestreitet, dass die Festplatte ihm gehört.

Der Prozess ist bis zum 25. April angesetzt. Insgesamt 37 Zeugen sind geladen, darunter Gerichtsmediziner und andere Experten.

Kim Wall arbeitete als freie Journalistin und war stets auf der Suche nach ungewöhnlichen Geschichten. Nach ihrem Tod gründeten ihre Familie und ihre Freunde eine Stiftung in ihrem Namen. Sie soll Journalistinnen bei Auslandseinsätzen unterstützen und für deren Sicherheit sorgen. Ein erstes Stipendium soll am 23. März ausgezahlt werden, Kim Walls Geburtstag.

Von: APA/dpa/ag.