Der Angeklagte bedauert sein Verhalten "zutiefst"

Angeklagter im BVB-Prozess gestand Tat

Montag, 08. Januar 2018 | 16:22 Uhr

Im Prozess um einen Splitterbombenanschlag auf die Mannschaft des deutschen Fußballvereins Borussia Dortmund am 11. April 2017 hat der Angeklagte die Tat gestanden, aber jede Tötungsabsicht bestritten. “Ich bedauere mein Verhalten zutiefst”, sagte der 28-jährige Sergej W. am Montag vor dem Dortmunder Schwurgericht.

“Ich kann es mir selbst nicht erklären.” Der Angeklagte räumt jedoch ein: Er war es, der am 11. April 2017 drei selbst gebaute Sprengsätze zündete und einen Anschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund verübte. Und er war es, der mit geliehenem Geld auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie wettete, um reich zu werden. Sergej W. betont jedoch: “Ich wollte niemanden verletzen oder schwer verletzen und erst recht niemanden töten.”

Er habe einen Anschlag vortäuschen wollen und dafür die Sprengvorrichtungen “extra so konzipiert, dass keine Personenschäden zu erwarten waren”. Tatsächlich wurde im Inneren des Busses jedoch BVB-Abwehrspieler Marc Bartra schwer am Arm verletzt. Ein Motorrad-Polizist erlitt ein Knalltrauma und ist bis heute dienstunfähig.

Sergej W. hat im Prozess vor dem Dortmunder Schwurgericht kein Geständnis im Sinne der Anklage abgelegt. Oberstaatsanwalt Carsten Dombert wirft ihm unter anderem 28-fachen Mordversuch vor. Rechtsanwalt Alfons Becker, der die Spieler von Borussia Dortmund im Prozess vertritt, hält die Erklärung des Angeklagten, er habe einen Anschlag nur vortäuschen wollen, für “nicht vorstellbar”.

Verteidiger Carl Heydenreich schildert später die angeblichen Hintergründe der Tat. Geradezu lebensmüde sei sein Mandant im Frühjahr vergangenen Jahres gewesen. Seine Lebensgefährtin habe sich trennen wollen, da habe Sergej W. keinen Sinn mehr in seinem Leben gesehen. Mit den Bomben habe der 28-Jährige “realitätsnah einen ernsthaften Anschlag darstellen” wollen, um mit den zuvor erworbenen Optionsscheinen von einem fallenden Aktienkurs zu profitieren, sagt der Verteidiger. “Er wollte seinen Eltern etwas hinterlassen, falls er aus dem Leben scheiden würde.”

Die Metallstifte, mit denen der Attentäter die Sprengsätze gespickt hatte, waren nach Ansicht des Ermittlers “keine Industrieware, sondern handgefertigt”. Ein physikalischer Gutachter habe später errechnet, dass die Geschoße ab einer Aufprallenergie von 79 Joule tödliche Verletzungen hätten hervorrufen können. Tatsächlich hätten die Stifte eine Energie von 135 Joule entfaltet.

Laut Anklage wettete W., der im Alter von 13 Jahren aus Russland nach Deutschland kam, mit Optionsscheinen auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie. Bei dem Anschlagwaren insgesamt drei Splitterbomben gezündet worden, als der Mannschaftsbus des BVB gerade am Teamhotel zum Champions-League-Spiel gegen AS Monaco abfuhr.

Sergej W. soll in der Woche vor dem Anschlag um mehr als 26.000 Euro Optionsscheine und Kontrakte gekauft haben – und schloss mit diesen sozusagen eine Wette auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie ab. Wäre der Kurs tatsächlich auf einen Euro abgerutscht, hätte der 28-Jährige über eine halbe Million Euro Gewinn gemacht. Der BVB ist der einzige Fußballverein in Deutschland, dessen Aktien an der Börse gehandelt werden. Sergej W. wurde zehn Tage nach der Tat festgenommen.

Von: APA/dpa