Nachtquartier für 25 obdachlose Menschen

Bozens Zivilgesellschaft sperrt dormizil wieder auf

Donnerstag, 06. Oktober 2022 | 15:55 Uhr

Bozen – Es ist jedes Jahr dasselbe: Mit dem nahenden Winter kommt die Kälte und für die wohnungs- und obdachlosen Frauen und Männer in Bozen stehen keine menschenwürdigen Unterkünfte bereit. Mehr als 100 Menschen ohne Dach über dem Kopf gehen in der Landeshauptstadt einem eisigen Winter auf Parkbänken, unter Brücken, in Abbruchhäusern und Zelten am Rand der Flüsse entgegen. Erneut ist es die Zivilgesellschaft, die einspringt. Neun Privatpersonen stellen im kommenden Winter mit Unterstützung von fast 100 Freiwilligen 25 obdachlosen Menschen in der Landeshauptstadt ein warmes Bett im kalten Winter bereit. Aufgesperrt wird dormizil am 17. Oktober, dem Welttag zur Beseitigung der Armut. Das Nachtquartier bleibt bis nach Ostern täglich von 19.00 Uhr abends bis 8.30 Uhr am Morgen geöffnet. Die Haselsteiner Familien-Privatstiftung hat dem Verein housing first bozen dafür das dreistöckige Gebäude in der Rittner Straße 25 bereitgestellt. Das Haus wird im kommenden Jahr umgebaut, um wohnungs- und obdachlosen Menschen langfristig Wohnraum in kleinen Einheiten zu ermöglichen. Es dürfe nicht sein, dass in einer reichen Stadt wie Bozen mindestens 100 Menschen auf der Straße dem Erfrieren ausgesetzt sind, betonten die Vereinsmitglieder heute bei einer Pressekonferenz.

Politik und Verwaltung haben es auch heuer wieder verabsäumt, für den Winter ausreichend menschenwürdige Schlafplätze bereitzustellen. Wieder wird eine Notschlafstätte in Bozen Süd eröffnet, die obdachlose Menschen an den Stadtrand drängt, ihnen keine Privatsphäre bietet, sehr teuer ist, nur den Winter überbrückt und keinen langfristigen Wohnraum schafft. Das kleinere Nachtquartier dormizil hingegen ist im Stadtzentrum angesiedelt. Es öffnet am 17. Oktober anlässlich des Welttags zur Beseitigung der Armut seine Tore und bleibt bis 15. April 2023 jede Nacht geöffnet. Die obdachlosen Menschen können in Zwei- und Dreibettzimmern schlafen. Das Nachtquartier wird ausschließlich von Freiwilligen in jeweils zweiköpfig besetzten Turnussen geführt. Sie schenken ein offenes Ohr und Begegnung auf Augenhöhe. Abends sperren sie dormizil um 19.00 Uhr auf und stellen den obdachlosen Menschen Tee, Kekse und eine Mikrowelle zum Aufwärmen ihrer Speisen bereit. Ab 22.00 Uhr ist Nachtruhe. Am Morgen werden die Freiwilligen vom Frühstücksteam abgelöst, damit sie ihrer Arbeit nachgehen können. Die Bewohnerinnen und Bewohner können zwischen 7.30 und 8.00 Uhr frühstücken und verlassen das Haus um 8.30 Uhr.

Im Oktober 2020 haben Magdalena Amonn, Paul Tschigg, Christian Anderlan, Sigrid Bracchetti, Norbert Pescosta, Wolfgang Aumer, Martina Schullian, Verena von Aufschnaiter und Birgit Bragagna Spornberger den Verein „housing first bozen“ gegründet. Der Verein will Wohnungs- und Obdachlosigkeit in der Landeshauptstadt nachhaltig bekämpfen, neue Lösungsansätze nach Südtirol bringen und die Gesellschaft zum herausfordernden Thema Obdachlosigkeit sensibilisieren. Von diesem Engagement überzeugt, stellte die Haselsteiner Familien-Privatstiftung in der Rittner Straße 25 ihre dreistöckige Immobilie unkompliziert und kostenlos für 30 Jahre bereit.

Im vergangenen Winter haben 137 Freiwillige aus ganz Südtirol obdachlosen Menschen in Bozen fast sechs Monate lang ein warmes Bett im kalten Winter geschenkt. 35 wohnungs- und obdachlose Menschen haben dort gelebt. Manche waren vom ersten Öffnungstag an dort, andere haben Arbeit und Unterkunft gefunden und sind aus-, manche in andere Städte weitergezogen. Die Freiwilligen haben im dormizil insgesamt 172 Nacht- und Frühstücksdienste geleistet. 4.300 Nächtigungen wurden insgesamt gezählt. Viele Freiwillige haben sich bereiterklärt, auch heuer wieder mitzuarbeiten. Dennoch werden weitere Freiwillige gesucht. Sie können sich über volunteers@dormizil.org melden.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

3 Kommentare auf "Bozens Zivilgesellschaft sperrt dormizil wieder auf"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Wunder
Wunder
Tratscher
1 Monat 28 Tage

Hut ab!!!
Danke für euer Engagement!

So ist das
1 Monat 28 Tage

Danke, bitte aber mehr Plätze schaffen. 🙏

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 27 Tage

Danke, aber bitte daran denken, dass Menschen auch im Sommer einen Schlafplatz brauchen wenn sie wieder sinnvoll in die Gesellschaft integriert werden sollen. Nachts auf der Strasse schlafen und tagsüber einer Arbeit nachgehen ist ein Ding der Unmöglichkeit und trägt nicht dazu bei, dass obdachlose Menschen aus dem Teufelskreis herauskommen.

wpDiscuz