Eine dreitätige Staatstrauer wurde ausgerufen

Dutzende Tote bei Waldbränden in Griechenland

Dienstag, 24. Juli 2018 | 20:39 Uhr

Das schlimmste Flammeninferno in Griechenland seit mehr als einem Jahrzehnt hat mindestens 74 Menschen getötet, darunter viele Kinder. Sie starben, weil Waldbrände am späten Montagnachmittag rasend schnell durch den kleinen Badeort Mati etwa 29 Kilometer östlich der Hauptstadt Athen fegten. Vielen versperrten hohe Flammen und dichte Rauchschwaden den Weg zum Meer.

Hunderte Menschen flohen dorthin, um von der Küstenwache und vorbeifahrenden Booten aufgenommen zu werden. Allein auf einer Klippe unweit vom Strand fanden Rettungskräfte 26 Leichen, darunter die von Jugendlichen, die sich teilweise wohl umklammert hatten und dicht nebeneinander lagen.

“Sie hatten versucht, eine Fluchtgasse zu finden, aber leider haben es diese Menschen und ihre Kinder nicht mehr rechtzeitig geschafft”, sagte der Leiter des Roten Kreuzes in Griechenland, Nikos Economopoulos, dem Sender Skai TV. “Instinktiv haben sie sich umarmt als sie das Ende nahen sahen.”

Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras rief eine dreitägige Staatstrauer aus. “Griechenland geht durch eine unsagbare Tragödie”, sagte er in einer Fernsehansprache.

Am Dienstagabend kamen erste Einsatzkräfte aus dem EU-Katastrophenschutz in Griechenland an. Dabei handelte es sich um 64 Helfer aus Zypern, wie ein Sprecher der EU-Kommission sagte.

Weitere Länder sicherten Hilfe zu, darunter Spanien, Bulgarien, Italien, Kroatien und Portugal. Sie werden – falls nötig – Löschflugzeuge, Einsatzkräfte, Ärzte oder Fahrzeuge senden. Bei den verheerenden Feuern sind nach jüngsten Angaben mindestens 74 Menschen gestorben. Sie verwüsteten in der Nacht zum Dienstag unter anderem einen Ferienort östlich von Athen.

Griechenland hatte die anderen EU-Mitgliedsstaaten bereits am Montagabend um Hilfe gebeten. Wird ein EU-Land von einer Katastrophe getroffen, kann es eine solche Unterstützung nach dem EU-Katastrophenschutzverfahren erbitten.

Auch Schweden bekommt derzeit wegen der dortigen Waldbrände Hilfe aus anderen EU-Ländern, unter anderem aus Deutschland. Die Hilfeleistungen werden teilweise von der EU und teilweise von den Ländern finanziert.

“Waldbrände kennen wir”, sagte der Österreicher Peter Eipeldauer, der seit zehn Jahren in Xylokastro, einer Gemeinde im Norden der griechischen Halbinsel Peloponnes, lebt der APA. “Aber dass es auf so vielen Plätzen gleichzeitig brennt, das kennen wir nicht.” Konstantinos Tzivanopoulos, Grazer mit griechischen Wurzeln, schilderte: “Es hatte eine immense Hitze.” Der Wind habe die Feuer “in alle Richtungen verteilt”.

Mati liegt in der Region Rafina, die vor allem bei griechischen Urlaubern beliebt ist. Viele Kinder verbringen dort den Sommer in Ferienlagern. Am Dienstag bot sich den Rettungskräften in der Früh ein Bild der Verwüstung: Zum Teil stieg immer noch weißer Rauch auf, ausgebrannte Fahrzeuge standen vor drei- bis vierstöckigen Wohnblocks, die Brandschäden aufwiesen. Die Feuerwehr warnte, dass die Flammen immer noch nicht ganz unter Kontrolle seien, auch wenn sie sich dank nachlassender Winde nur noch langsam ausbreiteten. “Mati existiert als Siedlung nicht mehr”, sagte ein Frau im TV. “Ich bin froh, am Leben zu sein.”

Mehr als 3.000 Feuerwehrleute, fünf Flugzeuge und zwei Hubschrauber waren im Einsatz gegen die Flammen. Regierungssprecher Dimitris Tzanakopoulos erklärte, in der Region Attika seien gleichzeitig 15 Brände an drei verschiedenen Fronten ausgebrochen.

Die Behörden baten angesichts der Lage um Hilfe bei anderen Ländern der Europäischen Union. Zypern schickte 60 Feuerwehrleute und Spanien mobilisierte zwei Löschflugzeuge für die Brandbekämpfung in Griechenland. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter, die EU werde “keine Mühen scheuen, um Griechenland und dem griechischen Volk zu helfen”.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich in einem Telegramm an Tsipras bestürzt. Griechenland könne sich der deutschen Unterstützung bei der Brandkatastrophe sicher sein. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte in Tweets auf Französisch und Griechisch ebenfalls Hilfe an.

Das Feuer in Mati könnte noch verheerender sein als die Brandkatastrophe auf der Halbinsel Peloponnes im August 2007, bei der Dutzende Menschen starben. Neben den mindestens 74 Toten nun wurden auch 187 Menschen den Behörden zufolge verletzt. Auch darunter waren viele Kinder. Elf Menschen befanden sich auf Intensivstationen. Das jüngste Todesopfer war ein vermutlich sechs Monate altes Baby, das an einer Rauchgasvergiftung starb.

“Bewohner und Besucher in der Region konnten nicht rechtzeitig fliehen, obwohl sie nur ein paar Meter vom Meer entfernt in ihren Häusern waren”, sagte eine Feuerwehrsprecherin. Die Küstenwache rettete nach eigenen Angaben gemeinsam mit anderen Helfern rund 700 Menschen. Aber auch vier Leichen seien aus dem Wasser gezogen worden. Wie viele Menschen genau vermisst wurden, war unklar. Die Küstenwache suchte die Strände nach möglichen Überlebenden ab, wie ein Regierungssprecher mitteilte.

Die Ursache des Feuers war zunächst nicht bekannt. Auch in anderen Teilen des Landes wüten derzeit unkontrollierte Feuer. Hunderte Wohnhäuser und Autos wurden zerstört. Wichtige Straßenverbindungen wie am Montag die Autobahn Athen-Korinth, die auf die Peloponnes führt, wurden zwischenzeitlich gesperrt. Der Zugverkehr wurden teilweise eingestellt. Über Athen zogen Rauchschwaden hinweg.

Die Brandgefahr ist nach dem relativ trockenen Winter derzeit besonders hoch. Allerdings haben mehrere Behördenvertreter erklärt, es sei seltsam, dass viele Großbrände gleichzeitig ausgebrochen seien. Sie wollen daher eine unbemannte Drohne aus den USA einsetzen, um verdächtige Vorkommnissen zu überwachen.

Von: APA/ag./dpa