1992 war es um die Psychiatrie in Südtirol schlecht bestellt

Ein denkwürdiges Jubiläum: 25 Jahre Psychiatrie Brixen

Montag, 01. August 2022 | 18:49 Uhr

Brixen – 1992 führte das Istituto di Medicina Sociale eine italienweite Studie durch, aus der für Südtirol Beschämendes hervorging: Unsere war die Region mit der allerschlechtesten psychiatrischen Versorgung. Aosta hatte sechsmal, Ligurien fünfmal mehr Psychiatriebetten auf 10.000 Einwohner, Trient, Friaul und Sizilien hatten drei- bis viermal mehr Mitarbeiter. Nirgendwo war die Psychiatrie so unterentwickelt wie bei uns. Kein Wunder: Sie war am Beginn unserer Autonomie beim Assessorat für Industrie und Handel angesiedelt. Darauf weist Roger Pycha, Primar des psychatrischen Dienstes in Brixen, hin. Um den 1. August werden 25 Jahre Psychiatrie Brixen begangen.

Psychisch Kranke hatten damals wenig Chancen. Für ihre Akutversorgung standen gerade einmal 15 Psychiatriebetten in Bozen zur Verfügung, die mit Schwerstkranken dauernd überbelegt waren. Aus Österreich kam regelmäßig Hilfe durch Professor Hartmann Hinterhuber, der die Uniklinik für Psychiatrie Innsbruck mit ihren 135 Betten auch der Südtiroler Bevölkerung öffnete. 1978 gründete er das erste psychiatrische Wohnheim Südtirols in Sterzing. Und er sensibilisierte Landesrat Otto Saurer für eine beispiellose Aufholjagd in Sachen Humanität. Er arbeitete zunächst allein in Brixen und Bruneck an seinen Wochenenden, sah bis zu 80 Patienten am Tag. Später war er mit einer wachsenden Gruppe Südtiroler Psychiater zusätzlich noch in Meran, Innichen, Sterzing und Schlanders tätig, um zunächst eine ambulante Versorgung der vielen Erkrankten in der Peripherie zu garantieren. Er gilt zu Recht als der Vater der modernen Psychiatrie in Südtirol. Drei von vier Psychiatrieprimaren im Land sind seine Schüler.

Hinterhuber pochte darauf, neben Bozen rasch weitere psychiatrische Abteilungen zu eröffnen. 1994 gelang das in seiner Heimatstadt Bruneck. Und am 1. August 1997 konnte Primarius Josef Schwitzer, seine rechte Hand in Südtirol, die vermutlich schönste psychiatrische Abteilung Italiens in Brixen einweihen. Die wertvolle Vorarbeit dazu hatten die Oberärzte Leopold Gavino und Inge Schifferle geleistet. Sie garantierten bereits einige Jahre lang ein dauerhaft offenes Zentrum Psychischer Gesundheit, zunächst zentral am Domplatz Brixen, später in der Romstraße.

Josef Schwitzer gelang es, die Abteilung für Psychiatrie im beeindruckenden Sanatorium des Krankenhauses Brixen zu platzieren. Es ist ein Ort großer Medizingeschichte, auch der Starorthopäde Lorenz Böhler hat dort gewirkt. Vor allem aber ist es ein magisches Gebäude im Inneren eines weitläufigen Parks mit mehrhundertjährigen Bäumen, ein Ort der Nähe zur Natur, die psychisch heilen helfen soll. Sein Inneres ist entsprechend: hohe Decken und weite Gänge aus der Gründerzeit vermitteln das Gefühl von behäbiger Geräumigkeit, vom Aufgehobensein in einer guten Vergangenheit. Grün-blaue Pastellfarben beruhigen das Auge und besänftigen nervöse Psychiatriepatienten. Nicht zufällig befindet sich auch die gesamte Verwaltung im selben Gebäude.

Auf Josef Schwitzers und Inge Schifferles unermüdliches Betreiben hin gelang eine Lösung, die in ihrer Großzügigkeit den weiter wachsenden Bedürfnissen nach immer mehr Psychiatrie, mehr Behandlung, Begleitung, Besserung und Heilung entgegenkommt.  Auf zwei Stöcke verteilt ist diese einzigartige Abteilung. Der obere Stock muss niemals versperrt werden. Patienten kommt dort besonders viel Bewegungsfreiheit zu. Damit verwirklicht die Psychiatrie Brixen als erste in Südtirol die Idee des „no restraint“, der zwangsfreien Behandlung, auch schon in ihrer Architektur. Selbstverständlich sind da auch Zwangseinweisungen sehr selten. Wenn sie denn vorkommen müssen, geraten Betroffene in der Parterre in hohe Räume, mit Blick auf den Park, der beruhigt. Die Psychiatrie Brixen ist auch die einzige in Südtirol, die in ihrem Innern eine psychologische Abteilung und eine Psychosomatik-Ambulanz aufweist. Dort ist ein entspannendes Ambiente entstanden, in dem Betroffene von Psychotherapeuten gezielt behandelt werden. Auch der rundum genutzte Gymnastikraum zählt dazu. Unter der bewährten Leitung des Chefpsychologen Dr. Hansjörg Schweigkofler sind Ergotherapie, Kunst- und Musiktherapie im Lauf der Zeit dazugekommen. Immer größeren Raum nimmt notgedrungen auch die Behandlung von Essstörungen ein. Als Primar Schwitzer 2017 seinen Ruhestand antrat, wurde er gefeiert. Mit einem Kongress, dessen Titel Programm ist: „Der Mensch im Mittelpunkt“.

Im folgenden Jahr definierten Politik und Spitze des Gesundheitswesens, dass in Anbindung an die Psychiatrie Brixen ein landesweites klinisches Zentrum für Menschen mit Essstörungen entstehen sollte.

Danach kam Corona, und die klinische Arbeit uferte aus. Waren am Zentrum Psychischer Gesundheit Brixen 2019 noch 2000 Patienten in Behandlung, so wurden es zwei Jahre später 2500, trotz der vielen Ausfälle unter den eigenen Mitarbeitern. Die psychosoziale Krise der Pandemie dauert länger und ist noch intensiver als die medizinische. Da wird alles benötigt, was sich zur Linderung psychischer Krankheiten bewährt hat. Und was zu sehr in die Jahre gekommen ist, muss erneuert werden. Das Land hat deshalb, wieder auf Schwitzers und Schifferles Inititative hin, das Psychiatrische Wohnheim in Sterzing gekauft. Es ist inzwischen halb verfallen und vielfach repariert, und vegetiert in einem Substandard-Zustand. Im letzten Herbst fiel bei einem Lokalaugenschein mit Landesrat Massimo Bessone die erlösende Entscheidung: Es soll Ende 2023 abgerissen und größer aufgebaut werden. Für zwölf psychisch Kranke und ihre Betreuer muss zwei Jahre lang eine gute Unterkunft gesucht werden, vielleicht am Krankenhaus Sterzing.

25 Jahre hat die Psychiatrie Brixen nun bestanden. Ein Wermutstropfen trübt das Jubiläum. Der Psychiatrische Dienst Brixen ist der einzige in Südtirol, der noch kein Rehabilitationszentrum für psychisch Kranke besitzt. Zwölf Betreuungsplätze sind seit 1996 vorgesehen und nie entstanden, auch 26 Jahre danach noch nicht. „Was sonst überall zum Betreuungsalltag gehört, müssen wir uns an der Psychiatrie Brixen erfinderisch, mühselig und zum Nachteil der Erkrankten aus den Fingern saugen. Die Sozialdienste helfen uns sehr, diese Last zu tragen. Aber es geht ja nicht nur um uns, die Betreuer, sondern in erster Linie um die Betreuten. Psychisch Kranke in Brixen müssen mit etwas weniger Möglichkeiten als anderswo zurechtkommen. Als Betreuer müssen wir uns täglich vor dem burnout schützen“, erklärt Pycha. Und für Betreuer und Betreute gelte, was Hartmann Hinterhuber ihm geraten habe, als er ihm erklärte, er wolle Psychiater werden: „Sie werden Ihr Ziel erreichen, aber sie brauchen viel Geduld. Das ist das Erste, was Sie lernen müssen.“

Von: mk

Bezirk: Eisacktal

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