Avramopoulos' Sorge gilt den jungen Menschen

Europäischer Drogenbericht: Immer mehr Drogentote

Dienstag, 06. Juni 2017 | 14:00 Uhr

In der europäischen Drogenszene gibt es keine dramatischen Veränderungen, wohl aber tragische Tendenzen im Detail: Die Zahl der Todesfälle speziell durch Überdosierungen von Heroin und Opioiden ist zum dritten Mal in Jahresfolge gestiegen. Das sind die Kernpunkte des Europäischen Drogenberichts 2017, der am Dienstag von der EU-Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA) in Lissabon publiziert worden ist.

“Im Jahr 2015 kam es in der Europäischen Union zu schätzungsweise mindestens 7.585 Todesfällen aufgrund von Überdosierungen, bei denen mindestens eine illegale Droge nachgewiesen wurde. Unter Einbeziehung Norwegens und der Türkei beläuft sich die Zahl der Todesfälle auf schätzungsweise 8.441. Dies entspricht einem Anstieg um sechs Prozent gegenüber dem berichtigten Wert des Vorjahres von 7.950 Fällen (…)”, heißt es in dem Report. 78 Prozent dieser Todesfälle stünden mit Opioiden (vor allem Heroin, Morphin, synthetische Opioide) im Zusammenhang.

Die aktuellsten erhältlichen Daten würden jedenfalls einen Anstieg der Zahl der heroinbedingten Todesfälle in Europa belegen. In England und Wales seien bei 1.200 der im Jahr 2015 erfassten Todesfälle Heroin oder Morphin nachgewiesen worden. “Dies entspricht einer Zunahme um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr und um 57 Prozent gegenüber dem Jahr 2013”, schrieben die Experten. Auch in Schottland, Irland und der Türkei sei eine solche Entwicklung zu beobachten.

Neben Heroin sind es aber auch andere Opioide, die an den Überdosierungen – zumeist im Kombination mit anderen Substanzen (Tranquilizer, Alkohol) – beteiligt sind. “… in erster Linie Methadon und Buprenorphin, aber auch Fentanyle und Tramadol”. Während Methadon und Buprenorphin klassische Substitutionsmedikamente sind, stammt Tramadol aus der Schmerzmedizin. Fentanyl als synthetisches Opoid wird in der Anästhesie und in der Schmerzmedizin (z.B. Schmerzpflaster) verwendet. Es ist hundertfach potenter als Morphin und deshalb speziell gefährlich, was Überdosierungen angeht. Ohne wirksame Opioide ist andererseits eine ausreichende Schmerzbehandlung bei schweren chronischen Schmerzen nicht möglich. In Österreich ist bisher eine Fentanyl-Problematik aus medizinischen Quellen nicht beobachtet worden. Das hängt mit der Verschreibungspraxis zusammen. Die Situation in den USA und Kanada ist da offenbar gänzlich anders.

2015 betrug die Mortalitätsrate in Zusammenhang mit Überdosierungen 20,3 Todesfälle je Million Einwohnern (15 bis 64 Jahre). Unter den Männern lag sie mit 32,2 Todesfällen pro Million Einwohnern dreimal höher als bei Frauen (8,4). Die höchsten Todesraten durch Drogenkonsum werden in Nordeuropa registriert, so zum Beispiel in Estland mit 103 Todesfällen pro Million Einwohnern, in Schweden (100) und in Norwegen (76).

Die Produzenten illegaler Drogen sind auf den Zug in Richtung des Gebrauchs hoch potenter synthetischer Opioide längst aufgesprungen. “Seit 2009 wurden auf dem europäischen Drogenmarkt insgesamt 25 neue Opiode festgestellt – davon wurden neun erstmals im Jahr 2016 gemeldet. Hierzu zählen 18 Fentanyle, von denen acht erstmals 2016 gemeldet wurden”, heißt es im Europäischen Drogenbericht 2017. Zwar spielten diese Substanzen auf dem Drogenmarkt in Europa noch eine untergeordnete Rolle, sie stellten aber eine “ernst zu nehmende Bedrohung” dar.

In Österreich weisen zwischen 29.000 und 33.000 Menschen einen risikoreichen Opioid-Konsum auf (Österreichischer Drogenbericht). Diese Zahl ist relativ stabil. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Zahl dieser Drogenkonsumenten von 2004/2005 bis 2015 von rund 10.000 auf 3.000 gesunken. So wie in Europa negativ ist allerdings die aktuelle Tendenz bei den Drogentoten: 2014 gab es mit 122 Todesfällen, die direkt mit Suchtgiftkonsum in Verbindung gestanden sind, ein Minimum (2009 zum Beispiel 206 Todesfälle). Im Jahr 2015 wurden allerdings wieder 153 “Drogentote” registriert. Vor allem ältere und nicht im Substitutionsprogramm betreute Drogenkranke waren betroffen.

“Meine besondere Sorge gilt den jungen Menschen, die mit vielen neuen und gefährlichen Drogen konfrontiert sind”, wurde zu dem neuen Europäischen Drogenbericht der EU-Kommissar für Migration, Inneres und Bürgerschaft, Dimitris Avramopoulos, zitiert. Bei den synthetischen Opioiden (Fentanyl-Derivate) reiche die Herstellung geringer Mengen bereits für viele Tausend Dosen am Schwarzmarkt.

Wegen des Anstiegs der Zahl der Drogentoten verbreitern bereits mehrere EU-Staaten ihre schadensmindernden Maßnahmen neben Opiat-Substitution und Spritzentauschprogrammen. “Überwachte Drogenkonsumräume sollen sowohl Überdosierungen vorbeugen als auch sicherstellen, das im Falle einer Überdosierung professionelle Hilfe geleistet wird. Derzeit werden in sechs EU-Ländern (Dänemark, Deutschland, Estland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande; Anm.) und Norwegen insgesamt 78 solcher Einrichtungen betrieben. Im Jahr 2016 wurden in Frankreich im Rahmen eines sechsjährigen Versuchsprojekts zwei Drogenkonsumräume eröffnet, und auch in Dänemark und Norwegen wurden neue Einrichtungen geschaffen”, heißt es in dem Report.

Eine andere Strategie ist die Bereitstellung des Opiat-Antidots Naloxon, das selbst kein Suchtmittel ist und über die schnelle Blockade der Opiatrezeptoren im Gehirn bei einer Überdosierung lebensrettend sein kann. In Dänemark und Norwegen sind auch schon Nasensprays erhältlich. Mitarbeiter von Drogeneinrichtungen, Opiatkonsumenten und ihre Angehörigen selbst etc. können damit eine Möglichkeit erhalten, im Notfall schnell Hilfe parat zu haben. “Eine jüngst im Vereinigten Königreich (Schottland) durchgeführte Evaluierung des nationalen Naloxon-Programms ergab, dass dieses einen signifikanten Rückgang der Todesfälle im Zusammenhang mit Opioiden im ersten Monat nach der Haftentlassung bewirkt hat”, schrieben die Experten der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle (EMCDDA). Naloxon-Bereitstellung auf verschiedenem Weg gibt es in neun EU-Staaten (z.B. baltische Staaten, Dänemark, Frankreich, Großbritannien). In Österreich werden in Graz derartige Aktivitäten im Rahmen eines Pilotversuchs angedacht.

Eher beruhigt hat sich die Situation rund um neue psychoaktive Stoffe aus den illegalen Drogenküchen, speziell aus China. “Im Jahr 2016 wurden 66 neue psychoaktive Substanzen erstmals über das EU-Frühwarnsystem gemeldet – das entspricht einer Rate von mehr als einer Substanz pro Woche. Zwar weist diese Zahl darauf hin, dass sich das Tempo, mit dem neue Substanzen auf den Markt gebracht werden, verlangsamt – im Jahr 2015 wurden 98 Substanzen entdeckt -, jedoch ist die Gesamtzahl der derzeit verfügbaren Substanzen noch immer hoch”, heißt es in dem Report.

Alexis Goosdeel, Direktor der EMCDDA, sagte dazu: “Unsere jüngsten Erkenntnisse lassen den Schluss zu, dass sich die im Hinblick auf neue psychoaktive Substanzen ergriffenen Maßnahmen, wie etwa neue Rechtsvorschriften und Maßnahmen gegen den Handel in Geschäften vor Ort, in dem diese Produkte vertrieben werden, möglicherweise auf die Vermarktung neuer psychoaktiver Substanzen auswirken. Ungeachtet der positiven Anzeichen für eine Verlangsamung der Entwicklung neuer Produkte ist die Gesamtverfügbarkeit jedoch nach wie vor hoch.” Es seien aber in letzter Zeit einige hochpotente Substanzen auf den Markt gelangt, die mit Todesfällen und schweren Vergiftungen in Verbindung gebracht wurden.

Der Europäische Drogenbericht 2017, der am Dienstag in Lissabon publiziert worden ist, zeigt einen relativ stabilen Gesamtmarkt. Sieben Prozent der Erwachsenen (15 bis 64 Jahre) gebrauchen innerhalb eines Jahres Cannabis. Bei 15-/16-Jährigen zeigen sich zwischen Europa und den USA deutliche Unterschiede im Substanzgebrauch.

Wie sehr Verfügbarkeit, Lebensstil, kulturelle Einflüsse und gesetzliche Regelungen einen Einfluss auf Substanzkonsum haben, zeigt ein Vergleich bei den 15-/16-Jährigen zwischen den USA und Europa, der sich in dem EMCDDA-Report findet: 2015 gaben 49 Prozent von Befragten in Europa aus dieser Altersklasse an, in den vorangegangenen Tagen Alkohol konsumiert zu haben (1995: 57 Prozent). In den USA waren es im Jahr 1995 hingegen 39 Prozent, im Jahr 2015 dann 22 Prozent. Bei etwa gleichen Tabakkonsum-Anteilen im Jahr 1995 (31 Prozent in Europa, 28 Prozent in den USA) gab es bis 2015 eine starke Trennung der Entwicklung (Europa: 23 Prozent; USA: sechs Prozent). In Europa sank der Anteil der Cannabis-Konsumenten (innerhalb von 30 Tagen) von 17 Prozent auf 15 Prozent, in den USA stieg er bei Jugendlichen von fünf auf acht Prozent an.

“Mehr als 93 Millionen Europäer haben bereits einmal in ihrem Leben (“Lebenszeitprävalenz”) illegale Drogen konsumiert (…)”, stellte zu dem Bericht EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos (Migration, Inneres, Bürgerschaft) fest. Diese “Lebenszeitprävalenz” zumindest einmaligen Drogenkonsums sagt aber wenig aus, weil es sich beim Drogengebrauch zumeist nur um ein vorübergehendes Phänomen in einem bestimmten Lebensalter handelt.

Die Experten gehen mit ihren Schätzungen hingegen davon aus, dass 23,5 Millionen EU-Bürger (15 bis 64 Jahre; sieben Prozent dieser Altersklasse) im vorangegangenen Jahr zumindest einmal Cannabis verwendet haben. Hinzu kommen 3,5 Millionen Kokain-Konsumenten (ein Prozent der 15- bis 64-Jährigen innerhalb eines Jahres). MMDA (Ecstasy) nehmen innerhalb eines Jahres 2,7 Millionen Menschen ein (0,8 Prozent), Amphetamine 1,8 Millionen der 15- bis 64-Jährigen (0,5 Prozent). Insgesamt gibt es in der EU rund 1,3 Millionen Menschen mit Hochrisiko-Opioidkonsum unter den Erwachsenen (vor allem injizierender Heroingebrauch).

Das Geschäft mit den illegalen Drogen ist riesig: Für 2013 wurde der Gesamtmarkt auf 24 Milliarden Euro geschätzt. Davon machte der Umsatz mit Cannabisprodukten allein rund 9,3 Milliarden Euro aus. Der Handelswert des von Heroin umfasste rund 6,8 Milliarden Euro auf dem illegalen Markt. 5,7 Milliarden Euro Umsatz machten die Dealer laut den Berechnungen mit Kokain.

Avramopoulos rief zu mehr Anstrengungen im Kampf gegen Drogenmissbrauch auf. Zum Drogenbericht 2017 sagte er am Dienstag in Brüssel, jährlich würden 24 Mrd. Euro in den Drogenmarkt und in die Taschen organisierter krimineller Banden fließen. Eine riesige Herausforderung für Europa sei auch die wachsende Zahl synthetischer Drogen. Davon seien 63 neue solcher Drogen durch das Frühwarnsystem im vergangenen Jahr entdeckt worden. “Das ist im Durchschnitt mehr als eine neue Droge pro Woche”, so Avramopoulos.

Sorge bereitet dem Kommissar, dass die Verfügbarkeit illegaler Drogen hoch bleibe. Es müsse die Strategie sein, geeint und in Zusammenarbeit mit den globalen Partnern den Kampf gegen den Drogenhandel zu verstärken, “vor allem, wenn er unsere Jugend gefährdet”.

Von: apa

Kommentare

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6 Kommentare auf "Europäischer Drogenbericht: Immer mehr Drogentote"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
krakatau
krakatau
Superredner
16 Tage 1 h

Zehntausende von Drogentoten – aber die Dealer die für den Tod dieser Zehntausende schuldig sind können beinahe ungestört ihren “Geschäften” nachgehen. Die Strafen für die, die erwischt werden, sind lächerlich.

ThunderAndr
ThunderAndr
Universalgelehrter
16 Tage 32 Min

Drogentote sollten eingentlich jene sein die mit Drogen handeln nicht jene die sie konsumieren (wenn man mit den Dealern richtig umgehen würde)

Clemmy
Clemmy
Neuling
16 Tage 30 Min

Kein Wunder bei all dem Leistungsdruck der in gewissen Branchen herrscht…

enkedu
enkedu
Universalgelehrter
15 Tage 22 h

Ich hätt eher gesagt das gehört mit zu den Finanzquellen der Parallelgesellschaft.

Ladinerin
Ladinerin
Grünschnabel
15 Tage 20 h

Letztendlich ist jeder für sich selber verantwortlich……Ich entscheide was ich einnehme oder nicht! Die Verantwortung liegt bei mir, wie traurig das auch klingen mag und aus welchem Grunde ich so handle

Staenkerer
15 Tage 17 h

jeder isch heit zu toge informiert über de auswirkungen der drogn, mit spätesten 10 johr konn jeder lesn, mit an computer umgien od./u. googlen (sunscht findn se a olles), desholb konns an mangelnder info. nit liegn, darum wissn de olle wos se tien u. wie gfährlich es isch! desholb muaß i schun a sogn, jeder ist seines “un”glückes schmied …

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