Der Spielraum für weitere geldpolitische Maßnahmen ist stark begrenzt

EZB verschießt Munition wohl noch nicht

Sonntag, 07. April 2019 | 05:05 Uhr

Bei der am kommenden Mittwoch anstehenden Zinssitzung dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) wohl zunächst noch mit weiteren geldpolitischen Maßnahmen abwarten und nicht sofort “ihre ganze Munition verschießen”. Das schätzt Guido Schäfer, Professor für Quantitative Volkswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Bei der vergangenen Zinssitzung im März hatte die EZB angekündigt, angesichts der jüngsten Konjunktureintrübung neue Langzeitkredite an Banken (TLTRO) vergeben zu wollen. Zudem wurde die Staffelung des Negativzinssatzes auf Bankeinlagen bei der EZB (derzeit minus 0,4 Prozent) diskutiert, um die Bankenbranche zu entlasten. Die Kreditinstitute beklagen bereits seit Längerem, dass die Zinsen an ihren Erträgen nagen würden. Seitdem kursieren an den Finanzmärkten wieder verstärkt Spekulationen rund um eine weitere geldpolitische Expansion.

So wurden am Markt jüngst sogar wieder Chancen auf eine Zinssenkung seitens der EZB eingeräumt. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür noch bei sehr geringen zehn Prozent liegt, werden hier dennoch die stark gewandelten Zinserwartungen der Anleger deutlich. Zum Ende des vergangenen Jahres war der Markt noch weitgehend mit einer Erhöhung der Zinsen im zweiten Halbjahr 2019 ausgegangen.

Fakt ist, dass sich die weltweiten Konjunkturaussichten derzeit etwas eintrüben, so Schäfer im Gespräch mit der APA. Ob es aber eine Wachstumsdelle bleibt oder es zu einer Rezession kommt, sei abzuwarten. Der laufende Konjunkturzyklus sei jedenfalls sehr untypisch gewesen, daher sei es nicht leicht, etwas Konkretes vorherzusagen. Zudem bleiben Risiken wie der Brexit weiterhin sehr unberechenbare Faktoren, die es zu beobachten gelte. Insgesamt dürfte die EZB daher vorerst noch mit weiteren Maßnahmen abwarten.

Den Spielraum der Notenbank für weitere geldpolitische Maßnahmen sei derzeit außerdem stark begrenzt. “Das Modell ist ja bereits sehr expansiv”, sagte Schäfer. Der EZB-Leitzinssatz liegt bereits seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Allerdings habe die Zentralbank bisher immer bewiesen, dass sie “wenn sie will, sehr viel machen kann” – auch außerhalb der konventionellen zur Verfügung stehenden Mittel. Zudem sei das Commitment der Zentralbank, eine Destabilisierung oder einen Zerfall der Eurozone zu verhindern, bisher immer sehr hoch gewesen.

Das in Österreich nach wie vor beliebte Bargeld wird sich nicht so schnell abschaffen lassen. Nicht nur erfüllt es Funktionen, die kein anderes Zahlungsmittel erfüllen kann, auch ein Alleingang eines einzelnen Landes wäre bei einem solchen Schritt kaum möglich, betonte Schäfer. In den nächsten zehn Jahren hält Schäfer eine Abschaffung des Bargelds nicht für möglich. Generell geht der Experte nicht davon aus, dass Bargeld abgeschafft wird, sondern eher davon, dass es mit digitalen Alternativen koexistieren wird. Für eine formelle Abschaffung von Bargeld bräuchte es eine gesamteuropäische Entscheidung. Wie ein solcher Entscheidungsfindungsprozess juristisch aber aussehen könnte, sei höchst unklar, so Schäfer.

Von: apa