Von: mk
Bozen – Im Fall des zweijährigen Buben aus Neapel, der nach einer fehlgeschlagenen Herztransplantation am Wochenende gestorben ist, laufen die Ermittlungen weiter auf Hochtouren. Unterdessen haben mehrere Medien Protokolle von Chatnachrichten zwischen Krankenschwestern auf WhatsApp veröffentlicht, wie die Nachrichtenagentur Ansa berichtet.
Es ist 16.06 Uhr am 23. Dezember. Das Herz, das aus Bozen stammt und dem kleinen Domenico im Monaldi-Krankenhaus in Neapel eingesetzt wurde, schlägt nicht. Eine Krankenschwester, die das Krankenhaus bereits verlassen hat, erkundigt sich bei Kollegen nach dem Stand der Dinge.
„Es geht nicht … null … es ist wie ein Stein“, lautet die Antwort der Oberschwester. Die Kollegin erwidert: „Um Himmels Willen, das müssen sie auf ihr Gewissen nehmen.“ Die sind Teil der Unterlagen im Rahmen der Ermittlung zum Tod des kleinen Domenico Caliendo. Die die Zeitungen Il Mattino, La Repubblica und Il Messaggero haben darüber berichtet.
Mehrere Dialoge verhelfen zu einer Ahnung, was sich an jenem Nachmittag vor Heiligabend im Operationssaal abspielte. In einer weiteren Konversation fragt dieselbe Krankenschwester eine Kollegin: „Wie weit seid ihr?“ Die Antwort: „Sie haben das Herz in Trockeneis transportiert. Es ist eingefroren, vielleicht kann er es gar nicht implantieren. Es ist ein Riesenchaos.“
Eine erneute Nachricht eine Viertelstunde später: „Habt ihr es gelöst? Ist er (der Chirurg) ausgerastet?“ Die Antwort verdeutlicht die Verzweiflung im OP: „Um es aufzutauen, haben wir es in warmes Wasser gelegt. Wenn es wieder anspringt, ist es ein Wunder.“ Auf die Frage, ob der leitende Herzchirurg das Herz dennoch einsetzen wolle, folgt die Antwort: „Wahnsinn. Was soll ich dir sagen? Ja, er setzt es gerade ein.“
Wie berichtet, war das Spenderherz zuvor in Bozen entnommen und dann nach Neapel transportiert worden. Dafür wurde Trockeneis mit minus 78 Grad statt herkömmlichen Eiswürfeln verwendet, was Medienberichten zufolge dazu geführt habe, dass das Herz „verbrannt“ ist.
Für Diskussionen sorgt zudem der Transportbehälter: Medienberichten zufolge wurde eine handelsübliche Kühlbox des Typs „Fiesta“ des Herstellers Gio’ Style verwendet. Moderne, temperaturgesteuerte Einweg-Transportsysteme des Typs „Paragonix“, die rund 6.000 Euro kosten und im Krankenhaus Monaldi vorhanden sein sollen, kamen offenbar nicht zum Einsatz.
Die Staatsanwaltschaft von Neapel hat derzeit sieben Personen ins Ermittlungsregister eingetragen. Warum bestehende Protokolle nicht konsequent eingehalten oder kontrolliert wurden, ist Gegenstand der Untersuchung.
Spezialisten hatten das Kind nach der misslungenen Transplantation als nicht mehr transplantierfähig eingestuft. Der Bub ist in der Folge verstorben.
Neue Details werden bekannt
Neue Details aus den Ermittlungsakten werfen zusätzlich ein erschütterndes Licht auf die Vorgänge im Operationssaal am 23. Dezember. Eine anwesende Kardiotechnikerin schilderte im Rahmen einer Anhörung vor der Staatsanwaltschaft am 24. Februar, dass die Entnahme von Domenicos Herz bereits abgeschlossen gewesen sei, als der Transportbehälter mit dem Spenderorgan zum ersten Mal geöffnet wurde. In meiner gesamten Laufbahn war es das erste Mal, dass ich einen leeren Brustkorb sah“, gab sie laut einem Bericht von Alto Adige online zu Protokoll.
Der Zeugenaussage zufolge wurde erst nach der Explantation bemerkt, dass das Spenderherz im Trockeneis des Transportbehälters vollständig eingefroren war. Die Kühlbox mit dem Spenderherz sei kurz vor 14.30 Uhr eingetroffen. Etwa fünf oder sechs Minuten später betrat eine Ärztin den Saal, worauf der Deckel des Behälters geöffnet wurde. In diesem Moment bemerkte man offenbar, dass „etwas nicht stimmte“ – zu einem Zeitpunkt, als Domenicos eigenes Herz bereits entnommen worden war.
Die Zeugin erklärte, dass der leitende Chirurg die Herzentnahme bereits abgeschlossen habe, als der Transportbehälter noch ungeöffnet gewesen sei. Bei früheren Eingriffen seien das Abklemmen der Gefäße und die Entnahme des alten Herzens erst erfolgt, nachdem das neue Organ begutachtet worden war, um dessen Zustand nach dem Transport sicherzustellen.
Eine Kollegin habe ihr berichtet, dass im Inneren des Behälters „alles gefroren“ gewesen sei. Es folgten dramatische Szenen: Über 20 Minuten lang soll das Team versucht haben, das gefrorene Organ – unter anderem mit warmem Wasser aus Spritzen – aufzutauen. Der leitende Chirurg soll die Aussichtslosigkeit der Lage mit den Worten kommentiert haben: „Das wird keinen einzigen Schlag mehr tun.“
Das bereits geschädigte Spenderherz wurde dennoch implantiert, nahm seine Funktion jedoch nie auf. Anschließend wurde der kleine Patient an eine Herz-Lungen-Maschine (ECMO) angeschlossen. Die Staatsanwaltschaft prüft nun, ob die Missachtung dieser Sicherheitsvorgaben direkt zum Tod des Jungen führte.




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