Geschockter Blick auf das Ausmaß der Zerstörung

Hunderte Tote nach Unwetterkatastrophe in Kolumbien

Sonntag, 02. April 2017 | 13:42 Uhr

Nach Überschwemmungen und Erdrutschen sind in der kolumbianischen Stadt Mocoa Hunderte Menschen gestorben. Heftiger Regen ließ drei kleine Flüsse in der Anden-Stadt zu reißenden Strömen anwachsen. Hunderte Menschen wurden von Wassermassen mitgerissen, ganze Wohnviertel unter Schlamm begraben. Wegen vieler verschütteter Häuser ist mit steigenden Opferzahlen zu rechnen.

Die Menschen wurden in der Nacht auf Samstag gegen 23.00 Uhr von dem Unwetter überrascht. Erst zuletzt wurden bei Überschwemmungen in Peru rund 100 Menschen getötet – aber dort hatte es nicht ein so katastrophales Einzelereignis gegeben. Bis Sonntagmittag MESZ war von mindestens 206 Toten in Mocoa die Rede. Rund 200 Einwohner wurden verletzt, rund 400 noch vermisst, wie Radio Caracol unter Berufung auf das Rote Kreuz berichtete. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos verhängte den Ausnahmezustand.

Luftbilder zeigten schwere Schäden. Mocoa liegt in der Nähe der Grenze zu Ecuador, rund 630 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Bogota. “Ein großer Teil der Bevölkerung ist von der Lawine quasi mitgerissen worden. Häuser in 17 Vierteln sind praktisch ausradiert worden”, sagte Bürgermeister Jose Antonio Castro. “Mein Haus wurde auch zerstört, der Schlamm steht bis an die Decke”, berichtete Castro.

Die Flüsse Mocoa, Mulato und Sancoyaco hatten sich in der Nacht zu reißenden Strömen entwickelt, die wie Lawinen alles mitrissen, hinzu kamen mehrere Erdrutsche. In der Stadt, die 40.000 Einwohner hat, brach auch die Strom- und Wasserversorgung zusammen. “Lieber Gott, ich will mich gar nicht daran erinnern”, sagte die Anrainerin Marta Ceballos nach der Katastrophe. Schreiende und weinende Menschen seien zu Fuß, mit Autos und Motorrädern geflohen oder im Matsch stecken geblieben. Sie selbst habe ihren ganzen Besitz verloren, berichtete die Straßenhändlerin. “Das Einzige, das ich zum Glück nicht verloren habe, sind mein Mann, meine Töchter und meine Neffen.”

Präsident Juan Manuel Santos sagte eine Kuba-Reise ab, um in die Katastrophenregion zu fahren. “Diese Tragödie lässt alle Kolumbianer trauern”, sagte er. Er beorderte Einheiten der Streitkräfte in die Region, Soldaten nahmen alte Menschen Huckepack, um sie zu retten. Rund 2.500 Helfer waren im Einsatz.

Der Direktor der nationalen Katastrophenschutzbehörde, Carlos Ivan Marquez, sagte, es habe ein Zusammentreffen mehrerer Ereignisse durch das Unwetter gegeben. Viele Menschen harrten wegen der Wassermassen auf Dächern aus, um gerettet zu werden. Erst langsam fielen die Pegel wieder und gaben das Ausmaß der Zerstörung in Mocoa frei.

Angesichts der hohen Zahl an Verletzten könne die Versorgung nicht ausreichend gewährleistet werden, betonte die Gouverneurin des Departements Putumayo, Sorrel Aroca. “Uns fehlt Personal, um den Opfern der Tragödie zu helfen.” Santos versprach, rasch Abhilfe zu schaffen.

Viele Menschen in der Region begriffen nur langsam, was ihnen widerfahren sei, meinte der 69-jährige Anrainer Hernando Rodriguez: “Viele Leute sind auf der Straße, viele Häuser sind zerstört.” Die Bevölkerung sei nicht auf eine solche Katastrophe vorbereitet gewesen, und “wir wissen nicht, was wir jetzt tun sollen”. Berichten zufolge plünderten durstige Menschen auf der Suche nach Trinkwasser bereits Geschäfte.

Papst Franziskus zeigte sich zutiefst betroffen. Er bete für die Opfer und fühle mit den Angehörigen und den Rettern. Vor kurzem hatte der Vatikan mitgeteilt, dass Franziskus im September nach Kolumbien reisen wolle.

In Kolumbien ereignete sich vor 31 Jahren auch die weltweit bisher schlimmste Katastrophe durch eine Schlammlawine. Nach dem Ausbruch des Vulkans Nevado del Ruiz brachte die Lava die Eiskappe des 5.390 Meter hohen Vulkans zum Schmelzen und löste damit im November 1985 eine Schlamm- und Gerölllawine aus, die die Stadt Armero auslöschte, 25.000 Menschen starben. Heute ist der Ort ein riesiger Friedhof.

Von: APA/ag.