Palu wurde mit voller Wucht getroffen

Indonesien bat nach Tsunami-Katastrophe um Hilfe

Montag, 01. Oktober 2018 | 14:55 Uhr

Nach der verheerenden Erdbeben- und Tsunamikatastrophe hat Indonesien um internationale Hilfe gebeten. Präsident Joko Widodo habe der Regierung erlaubt, internationale Katastrophenhilfe anzunehmen, teilte ein Regierungsvertreter am Montag mit. Die Zahl der Toten ist weiter völlig unklar. Bisher wurden 844 Leichen identifiziert. In Medienberichten ist aber von mehr als 1.200 Toten die Rede.

Befürchtet wird, dass die Zahl der Toten noch deutlich steigt: Das Schicksal von tausenden Bewohnern abgelegener Gebiete ist weiterhin unklar. Mindestens 48.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, die Behörden erklärten einen zweiwöchigen Notstand. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen 191.000 Menschen Nothilfe. Unter den Betroffenen seien 46.000 Kinder und 14.000 ältere Menschen, wie das UN-Büro für humanitäre Hilfe (Ocha) am Montag mitteilte.

Auch am Montag hatten die Helfer Probleme, über zerstörte Straßen, Brücken und Häfen zu den Hilfsbedürftigen vorzudringen. In den meisten Gebieten gab es nach wie vor keinen Strom, lebenswichtige Medikamente wurden knapp. Oftmals fehlte schweres Räumgerät, um Überlebende aus eingestürzten Gebäuden zu bergen. Das Militär flog Generatoren ein, weil der Strom an vielen Orten immer noch unterbrochen ist.

Allein in den Trümmern eines Hotels der verwüsteten Küstenstadt Palu werden bis zu 60 Verschüttete vermutet. Bisher konnten zwei von ihnen lebend geborgen werden. Mehr als 800 Menschen sollen in der Stadt ums Leben gekommen sein, als die sechs Meter hohe Flutwelle viele Gebäude mitriss.

Auch Lebensmittel, Wasser und Treibstoff gingen zur Neige. In ihrer Not plünderten Einwohner die Geschäfte. “Es gibt keine Hilfe. Wir brauchen Lebensmittel, uns bleibt keine andere Wahl”, sagte ein Einwohner von Palu, während er seinen Korb mit Waren aus einem leer stehenden Geschäft füllte.

Zahlreiche Einwohner beschwerten sich darüber, dass sie von den Behörden zu wenig Hilfe bekämen. “Hier hilft uns niemand, nicht einmal mit einem Glas Wasser”, sagte ein Mann namens Mahmud. Ein anderer Mann, Amir Sidiq, meinte: “Hier ist überhaupt niemand von der Regierung oder einer anderen Organisation, um die Beisetzung der Leichen zu organisieren. Wir machen das alles selbst.”

Schwer traumatisierte Überlebende suchten unterdessen verzweifelt nach vermissten Angehörigen. Zu ihnen gehört Adi, dessen Frau von einer Welle fortgerissen wurde. Sie wurden am Strand von Palu vom Tsunami überrascht. Sie hätten sich umarmt, doch “als die Welle kam, verlor ich sie”, berichtete Adi. “Sie trug mich 50 Meter fort, ich konnte nichts mehr halten”.

Am Montag wurden Massengräber für die Toten ausgehoben. In den Hügeln von Palu wurden die ersten Opfer bestattet. Die Behörden gaben Anweisung, genügend Platz für 1.300 Opfer zu schaffen. Mit den Massenbeisetzungen wollen die Behörden die Ausbreitung von Krankheiten verhindern.

Aus drei Haftanstalten von Sulawesi entkamen unterdessen rund 1.200 Insassen. Zwei der Gefängnisse stehen nach Angaben des Justizministeriums in Palu. Die Häftlinge seien nach dem Beben in Panik aus den hoffnungslos überfüllten Anstalten ausgebrochen, sagte die Ministeriumsvertreterin Sri Puguh Utami. “Für sie war das sicherlich eine Frage von Leben und Tod.”

In dem ebenfalls betroffenen Gebiet Donggala setzten hunderte Gefangene das Gefängnis in Brand, um zu ihren Angehörigen zu gelangen. Die meisten Häftlinge saßen laut Ministerium wegen Korruption und Drogendelikten in Haft. Fünf wegen Terrors Verurteilte waren demnach nur wenige Tage vor der Katastrophe aus Donggala verlegt worden.

Die geflohenen Häftlinge sollen sich nach dem Erdbeben auf Sulawesi den Behörden stellen. Die indonesische Regierung habe ihnen ein Ultimatum von einer Woche gesetzt, sagte der für Sicherheit zuständige Minister Wiranto am Montag. Die Suche nach den 769 Häftlingen habe keine Priorität, weil die Behörden mit den Rettungsarbeiten nach dem Erdbeben und dem Tsunami vom Freitag ausgelastet seien.

Immer noch nicht sind die Retter an Sulawesis Westküste in die Gebiete vorgedrungen, die in unmittelbarer Nähe des Zentrums des schlimmsten Bebens lagen. Es hatte am Freitagabend die Stärke 7,4 erreicht. Insbesondere in der Gemeinde Donggala weiter oben im Norden werden noch zahlreiche Opfer befürchtet.

Nach Angaben des Außenministeriums in Wien dürften keine Österreicher von der Naturkatastrophe betroffen sein. “Unsere Botschaft in Jakarta steht in Kontakt mit den indonesischen Behörden – sowohl in der Hauptstadt als auch in den betroffenen Regionen”, sagte Ministeriumssprecher Peter Guschelbauer zur APA. “Bisher gibt es keine Hinweise, dass Österreicher zu Schaden gekommen seien.”

Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) brachte unterdessen ihr Mitgefühl mit den Betroffenen zum Ausdruck. Ihre Gedanken seien bei den Hinterbliebenen, schrieb sie am Montag auf Twitter. In der Kurznachricht kündigte sie auch die finanzielle Unterstützung Österreichs für die Wiederaufbau an.

In Österreich haben nach Rotem Kreuz, Caritas und World Vision weitere Organisationen Spendenaufrufe gestartet. Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) will mit lokalen Partnerorganisation Betroffene unterstützen, Care kündigte ein Nothilfe-Programme für 70.000 Menschen in der Region Donggala an, die Kindernothilfe will Kinder und ihre Familien schnell mit dem Nötigsten versorgen.

Indonesien liegt auf dem Pazifischen Feuerring, der geologisch aktivsten Zone der Erde. Für die mehr als 260 Millionen Einwohner sind Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüche keine neue Erfahrung. Beim Mega-Tsunami an Weihnachten 2004 starben dort mehr als 160.000 Menschen, so viele wie in keinem anderen Land der Region. Insgesamt kamen damals in den östlichen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans etwa 230.000 Menschen ums Leben.

Von: APA/ag.