30 Jahre Streitbeilegung – ein Kommentar

Insel des Friedens in stürmischer Zeit

Donnerstag, 16. Juni 2022 | 01:31 Uhr

Bozen – Drei Jahrzehnte sind seit jenem Tag vergangen, an dem Italien und Österreich vor den Vereinten Nationen ihren Streit beigelegt haben.

Genauso wie damals, als die beiden Nachbarn am 11. Juni 1992 den formellen Abschluss der Südtirol-Verhandlungen vollzogen haben, fehlt es auch heuer nicht an Kritik. Gegner bemängeln den Zustand der heutigen Autonomie und beanstanden, dass einige Zuständigkeiten seit der Streitbeilegung vom Staat beschnitten worden sind. Viele von ihnen vertreten nicht ganz zu Unrecht die Ansicht, dass die Beendigung des jahrzehntelangen Ringens um die Autonomie der „Grabstein der Selbstbestimmung“ gewesen sei.

LPA/Ivo Corrà

Ein Teil der Kritik ist berechtigt. Von Menschenhand gemacht, kann die Autonomie nie perfekt sein, wobei der Zwist um diese oder jene Zuständigkeit auch in Zukunft fortdauern wird. Gerade aber die Selbstbestimmungsbefürworter sollten daran erinnert werden, dass es kein Recht auf Abspaltung, sehr wohl aber eines auf kulturelle und politische Autonomie gibt. Ohnehin ist es eine Illusion zu glauben, dass ein Staat, der gleich welcher Größe fast immer Teil übergeordneter Wirtschafts- und Sicherheitsorganisationen wie der EU oder der NATO ist und als solcher gemeinschaftlichen Regeln unterliegt, in seinen Entscheidungen „frei“ sein kann.

LPA/Ivo Corrà

Südtirol gilt international als Beispiel erfolgreicher zwischenstaatlicher Konfliktlösung. Damals hat der Krieg in Jugoslawien die Streitbeilegung überschattet. Heute hingegen ist es der Krieg in der Ukraine, der ihr dreißigjähriges Jubiläum in den Hintergrund drängt.

Beide Kriege mahnen uns, dass friedliche Konfliktlösungen keine Selbstverständlichkeit sind und dass es weltweit nicht an Potentaten mangelt, die nur den eigenen Sieg als Lösung eines Streits anerkennen, wobei es einerlei ist, wenn der Friede nachher jenem gleicht, der auch auf Friedhöfen herrscht.

Damals wie heute ist Südtirol eine Insel des Friedens in stürmischer Zeit. Anstatt Energie darauf zu verschwenden, das Haar in der Suppe zu suchen, sollten wir lieber an unserem Erfolgsmodell weiterbauen.

Von: ka

Bezirk: Bozen

Kommentare

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2 Kommentare auf "Insel des Friedens in stürmischer Zeit"


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traktor
traktor
Kinig
10 Tage 3 h

wo steht geschrieben das es kein recht auf abspaltung gibt???
ist es doch 1918 genau zu so einer gekommen!!!
also eine unrechtsgrenze oder?
das volk soll in entscheiden und nicht ein paar gekaufte sesselfurzer….

Neumi
Neumi
Kinig
8 Tage 23 h

Du meinst die Unteilbarkeit des Staates? Ich bin mir ziemlich sicher, die steht in der italienischen Verfassung.
Die Bundesrepublik Österreich wurde 1955 gegründet (die erste Republik Österreich 1918 – ohne Südtirol), die Republik Italien 1946 (vorher war es ein Königreich).

Eine Entscheidung gab es schon mal, damals durfte auch Trient mit entscheiden.
Wir wurden schon öfter hin und her geschoben, wir waren ja auch mal (ab 1805) bei Bayern.

Die Anti-Italienische Haltung in allen Ehren, aber man hift niemandem, wenn man die Tatsachen verdreht.

Aber “Unrechtsgrenze” kommt wohl hin, wir wurden an Italien verkauft, das kann man nicht schönreden.

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