"Irma" zog eine Spur der Verwüstung nach sich

“Irma” tobte mit weniger Kraft, ist aber weiter gefährlich

Montag, 11. September 2017 | 22:43 Uhr

Bei seinem Durchzug durch den US-Bundesstaat Florida hat sich “Irma” am Montag zwar abgeschwächt und wurde von einem Hurrikan zu einem Tropensturm herabgestuft. Dennoch gaben die US-Behörden längst keine Entwarnung. Weitere Sturzfluten und Überschwemmungen drohten. Aus Kuba, das “Irma” zuvor heimgesucht hatte, wurden zehn Todesopfer gemeldet. Damit stieg die Gesamtzahl der Opfer auf mindestens 40.

In Florida galt die Bucht von Tampa an der Westküste mit ihren weißen Sandstränden, großen Hotels und Millionen von Menschen nach wie vor als besonders gefährdet. Um 08.00 Uhr Ortszeit (14.00 Uhr MESZ) befand sich das Auge des Sturms nach Angaben des Nationalen Hurrikan-Zentrums (NHC) 170 Kilometer nördlich der Großstadt. Die Windgeschwindigkeiten betrugen weiterhin bis zu 110 km/h.

Für Tampa, die Stadt Jacksonville im Nordosten von Florida sowie zahlreiche andere Regionen des Bundesstaates galten weiterhin Sturmflutwarnungen. Gouverneur Rick Scott ermahnte die Bürger: “Bleiben Sie drinnen. Bleiben Sie in Sicherheit”, schrieb er auf Twitter. “Sogar 15 Zentimeter Wasser, die sich bewegen, können Sie mitreißen.”

“Hier hat man nur noch vom Hurrikan gesprochen”, berichtete Ruth Hofer, eine in Bradenton bei Tampa wohnende Wienerin. Im Fernsehen, auf Facebook und per SMS, überall wurde gewarnt und aufgeklärt, was zu machen ist. Die Polizei sei durch die Straßen gefahren und habe Obdachlose in Sicherheit gebracht. “Ich lebe jetzt seit über vier Jahren hier und habe die Bewohner an der Golfküste noch nie so nervös erlebt.”

“Wir haben uns am Samstag in der Früh entschlossen, zu Freunden nach Sarasota zu fahren und dort auf den Hurrikan zu warten. Unser Haus hat nur einen Stock und wir hatten Angst vor Hochwasser”, erzählte die 42-Jährige. Sie sei mit all ihren zwischen Naples und Bradenton wohnenden Freunden pausenlos in Kontakt gewesen. “Naples hat es leider getroffen, aber sonst war es ein Wunder. Wir sind Marco Island zu Dank verpflichtet”, dort habe sich der Sturm sehr abgeschwächt.

Trotz der abgeflauten Winde sorgte “Irma” im als “Sonnenschein-Staat” bezeichneten Florida für chaotische Zustände. Zahllose Straßen, oft mitten in den Stadtzentren, waren überschwemmt, geparkte Autos versanken in den Fluten. 6,2 Millionen Menschen waren von Stromausfällen betroffen. Die Flughäfen von Miami und Fort Lauderdale blieben geschlossen.

Die Behörden hatten zuvor eine der größten Evakuierungsaktionen der US-Geschichte angeordnet. Rund 6,3 Millionen Einwohner – mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Florida – wurden verbindlich aufgefordert, ihre Wohngebiete zu verlassen.

Besonders hart von dem Sturm getroffen wurden offenbar die Florida Keys, die der Südspitze des Bundesstaates vorgelagerte Inselkette. Dort war “Irma” am Sonntag mit der zweitstärksten Hurrikan-Stufe 4 aufgeprallt, bevor der Sturm später an Kraft verlor. Das Weiße Haus geht davon aus, dass Bewohner der Florida Keys möglicherweise über Wochen nicht auf die Inselgruppe zurückkehren können. Es werde dauern, bis sich die Gegend von dem Sturm erholt habe, sagte der Heimatschutzberater von US-Präsident Donald Trump, Tom Bossert, am Montag in Washington.

Man habe Grund zur Annahme, dass einige der Zugbrücken, die die Straßen zwischen den Inseln verbinden, verbogen seien. Die Inselgruppe liegt vor der Südspitze Floridas und hat rund 70.000 Einwohner. Die einzige Landverbindung zwischen den Inseln und dem Festland ist der Overseas Highway, der im weiteren Verlauf zum großen Teil aus Brücken besteht.

“Irma” hinterließ auf den Keys gewaltige Verwüstung. Auf Bildern waren zerstörte Häuser zu sehen, sie hatten sich zum Teil von ihren Fundamenten gelöst. Boote wurden aufs Land gespült, Bäume knickten ein. Es kam zu Stromausfällen. Um die Rettungsmaßnahmen zu unterstützen, schickte das Verteidigungsministerium einen Flugzeugträger zu den Inseln.

Andere Teile von Florida kamen hingegen wohl relativ glimpflich davon. Dies galt etwa für die Metropole Miami an der Atlantikküste, wo am Montag bereits die Aufräumarbeiten begannen.

Am Golf von Mexiko, also an der Westseite von Florida, löste “Irma” zunächst sogar das Phänomen aus, dass die Wellen von der Küste weggesogen wurden. Meteorologen warnten allerdings, dass dort später bei einem möglichen Drehen der Winde noch hohe Sturmfluten auf die Ufer prallen könnten. Bis Montag kamen durch “Irma” in den USA mindestens drei Menschen ums Leben. Sie starben bei Verkehrsunfällen in Florida, die durch den Sturm ausgelöst wurden.

US-Präsident Donald Trump rief für Florida offiziell den Katastrophenfall aus. Dies bedeutet, dass der Kongress ermächtigt ist, Gelder aus dem Bundeshaushalt für die Nothilfe freizugeben. Trump kündigte auch an, “sehr bald” nach Florida zu reisen. Erst kürzlich hatte er die Bundesstaaten Texas und Louisiana besucht, wo der Hurrikan “Harvey” im August schwere Verwüstungen angerichtet hatte.

Der Zivilschutz in Kuba teilte unterdessen mit, dass dort zehn Menschen infolge des Sturms getötet worden seien. Manche der Opfer ertranken in den Fluten, andere wurden durch Stromschläge, einstürzende Bauwerke oder den Absturz eines Balkons auf einen vorbeifahrenden Bus getötet. Von anderen Karibikinseln waren zuvor bereits insgesamt 27 Todesopfer gemeldet worden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron besucht am Dienstag die von “Irma” massiv beschädigten Karibikinseln Saint-Martin und Saint-Barthelemy. Der Staatschef will Experten und Hilfsgüter mitnehmen. Saint-Martin teilt sich in einen französischen und einen niederländischen Teil, genannt Sint Maarten. Weite Teile der Insel wurden vom Hurrikan zerstört oder beschädigt. Mindestens zehn Menschen kamen auf französischer Seite um, die niederländischen Behörden zählten mindestens vier Todesopfer.

Viele Bewohner wollen Saint-Martin und Saint-Barthelemy verlassen. Alte Menschen oder Familien mit kleinen Kindern haben dabei Vorrang, wie der französische Premier Edouard Philippe am Montag in Paris sagte. Ziele seien die Karibikinsel Guadeloupe oder das Mutterland Frankreich. Es könnten pro Tag 2.000 bis 2.500 Menschen in Sicherheit gebracht werden, falls die Verkehrsverbindungen wiederhergestellt seien. Philippe kündigte an, ein Marineschiff werde den südfranzösischen Hafen Toulon in Richtung Karibik verlassen. Das Schiff habe unter anderem eine große Krankenstation an Bord.

Von: APA/dpa/ag.