Die Kriminellen gehen zumeist äußerst geschickt vor

Jeder kann Opfer von Taschendiebstahl werden

Montag, 13. August 2018 | 14:15 Uhr

Raffinement ist ihr kriminelles Geschäft: Wer glaubt schon, dass der ältere Herr, der mit dem Rücken zugewandt vor einem in der vollen U-Bahn steht, auch derjenige ist, der einem währenddessen die Geldbörse aus der Tasche zieht? Doch Taschendiebe sind wahre Künstler. Das wurde am Montag bei einem Hintergrundgespräch der ARGE Taschendiebstahl in der Wiener Landespolizeidirektion klar.

Die ARGE wurde 2007 ins Leben gerufen und bestand aus einer Ermittlergruppe, die sich ursprünglich mit Kfz-Diebstählen beschäftigte. Anfänglich waren es sieben Beamte, derzeit sind es neun. Ausgelegt ist die ARGE auf zwölf Ermittler, erläuterte Norbert Kappel, Leiter der Arbeitsgemeinschaft. “Die Aufklärungsquote ist dahingegrundelt”, nannte der Ermittler einen der Gründe für die Gründung des Teams. Die Deliktszahlen seien seit 2009 halbiert worden, die Aufklärungsquote lag in den vergangenen drei Jahren bei mehr als sieben Prozent. Das klingt auf den ersten Blick nach eher wenig, ist aber laut Kappel ein internationaler Spitzenwert.

“Opfer eines Taschendiebes kann wirklich jeder werden. Es geht im Prinzip darum, Unaufmerksamkeiten auszunutzen. In der vollen U-Bahn schau ich, wo ich mich hinsetzen kann. Der Tourist widmet dem Stephansdom mehr Aufmerksamkeit als dem, was er mithat”, sagte Kappel. Große Fingerfertigkeit sei ohnehin Voraussetzung. Hat man die, ist es auch lukrativ: 1.000 Euro kann ein Taschendieb pro Tag lukrieren, meinte der Ermittler.

Die Vorgehensweisen sind vielfältig: Einer der größten Ermittlungserfolge der ARGE betraf eine bosnisch-kroatische Tätergruppe, die junge Mädchen – vorgeblich oder zum Teil tatsächlich minderjährig – ausbildete und zum Stehlen in zahlreiche europäische Städte schickte. In Wien waren zur Hochblüte bis zu 15 Täterinnen gleichzeitig aktiv. Herwig Gründl von der ARGE schilderte die Vorgansweise: “In einem einzigen U-Bahnwaggon hielten sich bis zu zehn Täterinnen auf. Zu dritt, oder zu viert blockierten sie jeden Ausgang und stahlen alles, was sie bekommen konnten.”

In dem Fall spielte auch Menschenhandel mit. Eine nachweislich 13-Jährige wurde von den Hinterleuten in Paris in den Flieger nach Wien gesetzt. Ihr wurde beschieden, dass sie zurückfliegen könne, sobald sie genug gestohlen hatte. 2014 wurden 900 Fälle geklärt, die Hintermänner verurteilt. Nachdem 2017 acht Mitglieder der Organisation eingesperrt worden waren, setzte die Gruppe ihren Aktivitäten in Wien praktisch komplett ein Ende. “2018 haben sie es noch einmal mit zwei Mädchen versucht, seither war nichts mehr”, sagte Gründl.

Taschendiebe werden auch im Anschluss an Bankbesuche durchgeführt. Die Opfer sind oft weiblich und betagt. Sie werden beim Abheben größerer Geldbeträge im Foyer oder Kassenraum eines Geldinstituts beobachtet, verfolgt und in Supermärkten beim Einkauf oder in den Stiegenhäusern bestohlen. Mehrere Täter treten in Aktion. Dabei lenkt einer das Opfer ab, während ein Komplize den eigentlichen Diebstahl ausführt. Die Schadenssummen sind beträchtlich: im Schnitt bei rund 3.000 Euro pro Diebstahl, allerdings bis zu 45.000 Euro bei einem Fall. Bei 74 geklärten Delikten betrug der Schaden weit über 200.000 Euro.

Der eingangs erwähnte Modus Operandi wird wiederum serbischen Tätern zugerechnet, die laut Bernhard Pogotz von der ARGE allein arbeiten. Der Täter legt, obwohl er mit dem Rücken zum Opfer steht, eine Jacke auf dessen Tasche und stiehlt darunter die Geldbörse. Eine weitere Vorgehensweise betraf die frühen Morgenstunden an Tagen, an denen die Nacht-U-Bahn verkehrt. Betrunkene und schlafende Opfer werden bestohlen. “Dafür brauche ich eigentlich gar keine Fertigkeiten. Die haben zeitweise die Handys wie Schwammerl abgebrockt”, schilderte Kappel.

Die Opfer sollten vor allem eines tun: ihren Habseligkeiten mehr Aufmerksamkeiten widmen. Der Rucksack sollte in der U-Bahn vom Rücken genommen werden, außerdem ist es nicht unbedingt ratsam, die wertvollen Habseligkeiten gut sichtbar und leicht zugänglich in Außenfächern zu verstauen. Und wenn in einer halbleeren U-Bahn sich gerade bei einem Passanten drei Personen drängen, sollte er sich Platz verschaffen. Misstrauen ist auch angebracht, wenn jemandem bei einem Nadelöhr – U-Bahnausgang, Rolltreppenende oder dergleichen – ein paar Münzen auf den Boden fallen.

Von: apa