Polizei bekämpft vor allem Suchtmittelbreich

Kriminalitätsrate in Wien von 2002 bis 2016 rückläufig

Mittwoch, 06. Juni 2018 | 14:18 Uhr

Die absolute Anzahl von Anzeigen in Wien ist in einem Beobachtungszeitraum von 2002 bis 2016 trotz des Bevölkerungswachstums von rund 280.000 Personen relativ konstant geblieben. Die Kriminalitätsrate ist daher rückläufig. Dies ergab die Studie “Öffentliche Sicherheit in Wien” vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS), die sich auch mit dem Sicherheitsempfinden beschäftigt hat.

Die wenigsten Anzeigen gab es demnach in den Jahren 2015 und 2016 mit 195.000 bzw. 205.000. Im gesamten untersuchten Zeitraum gingen die Raten an rechtskräftigen gerichtlichen Verurteilungen für alle wichtigen Deliktsbereiche kontinuierlich zurück, zeigt das 63 Seiten und 133 Grafiken umfassende “IRKS-Working-Paper”, das seit Dienstag online ist. “Die große Mehrheit aller polizeilich registrierten Straftaten wird durch Anzeigen aus der Bevölkerung bekannt. Nur ein kleiner Teil der kriminalstatistisch erfassten Fälle geht auf proaktive Ermittlungstätigkeit der Polizei zurück (z.B. im Suchtmittelbereich)”, heißt es dazu im Bericht. Daher seien Kriminalstatistiken keine objektiven “Barometer” der Sicherheit, sondern Ausdruck “gesellschaftlicher Kriminalisierungsprozesse”.

Zwei unterschiedliche Erklärungsmodelle ergaben sich bei der Betrachtung der Bezirke, in denen sich die registrierten Straftaten konzentrieren. Ausgehend vom Jahr 2016 war Favoriten in absoluten Zahlen der häufigste Tatort, was sich dahin gehend erklärt, dass dort die meisten Menschen wohnen. Wird jedoch die Zahl der registrierte Straftaten pro Tausend Einwohner berechnet, wird das Stadtzentrum zum gefährlichen “Hot Spot”. Ein Ausdruck, der im IRKS-Report daher dahin gehend relativiert wird, dass es sich hier eigentlich um einen “attraktiven urbanen Anziehungspunkt” handle, der kulturelle und gastronomische Angebote sowie Einkaufsmöglichkeiten biete. Das spiegle sich auch ihn den dort verübten Delikten wie Diebstahl und Körperverletzung – letztere oft durch “spontane Konflikte zwischen zuvor einander nicht bekannten Personen im ‘Nachtleben'”, wie es heißt.

Bei der die Verteilung der Anzeigen im Kontext prekärer Lebensbedingungen ändert sich die relative Bedeutung von Körperverletzungsanzeigen: Je höher das Ausmaß der damit indizierten sozialen Problemlagen ist, umso stärker fällt tendenziell die Bedeutung dieses Delikts im Hinblick auf das gesamte Anzeigenaufkommen aus. Umgekehrt ergibt sich, dass mit sinkendem Ausmaß an Prekarität in einem Bezirk sich die Rate an Wohneinbrüchen naturgemäß erhöht.

Was den Suchtgifthandel betrifft, wurde dieser 2016 bezogen auf die Bevölkerung am häufigsten Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring registriert, wo auch das medial und politisch diskutierte Dealen an Stationen der U-Bahn-Linie U6 Ursache war. “Es ist nicht auszuschließen, dass Medienberichte zusätzlich auch die Anzeigenbereitschaft der Bevölkerung erhöht haben. Die räumliche Konzentration bildet hier indessen vor allem auch Schwerpunkte der polizeilichen Kontrollaktivität ab”, hieß es dazu im Working-Paper.

Dass in diesem Jahr auch zusätzlich im Juni 2016 eine neue Bestimmung im Suchtmittelgesetz (SMG) in Kraft getreten war, die das Dealen im öffentlichen Raum eindämmen soll, erklärt dann die Zunahme an Anzeigen, mit einem ungewöhnlich hohen Anteil an ungeklärten Straftaten, der laut dem Bericht in diesem Jahr über zehn Mal so hoch wie 2011 ausfiel.

Auch auf die derzeit verstärkt präsente Thematik der Divergenz zwischen dem “objektiven” und “subjektiven” Sicherheitsempfinden wird in den insgesamt neun Kapiteln eingegangen. Das Ausmaß des Unsicherheitsempfindens hänge im europäischen Vergleich jedoch nicht von einem objektivierbaren Ausmaß an “Kriminalität” ab, sondern vom Ausbaugrad des Wohlfahrtsstaates und dem Niveau an Verteilungsgerechtigkeit: “Soziale Sicherheit schützt vor Kriminalitätsfurcht”, lautete daher das Fazit.

Von: apa