Der wegen vielfachen Mordes Angeklagte

Mammutprozess um Mordserie von deutschem Krankenpfleger

Dienstag, 30. Oktober 2018 | 17:36 Uhr

Mit einem Geständnis hat am Dienstag in Deutschland der Prozess um die beispiellose Mordserie eines früheren Krankenpflegers begonnen. Der 41-Jährige räumte vor dem Landgericht in niedersächsischen Oldenburg ein, die ihm vorgeworfenen 100 Taten begangen zu haben. “Ja”, sagte er auf die Frage des Gerichts, ob die Vorwürfe zuträfen. Im Vorfeld fand eine Schweigeminute für die Toten statt.

Der Beschuldigte soll in den Jahren 2000 bis 2005 Intensivpatienten in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. “Das, was zugegeben worden ist, so ist es auch”, sagte er mit Blick auf seine früheren Aussagen gegenüber Ermittlern und Gutachtern. Er habe Menschen durch Medikamente in lebensbedrohliche Zustände versetzt und anschließend wiederbelebt, um dadurch den Respekt seiner Kollegen zu erringen. Er habe die Taten wegen der “positiven Rückmeldung” begangen, gab er an.

Der bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilte Angeklagte muss sich wegen 100 weiterer mutmaßlicher Morde verantworten, die bei späteren systematischen Ermittlungen aufgedeckt wurden. Für den Prozess sind Termine bis Mai 2019 angesetzt. Mehr als 120 Angehörige nehmen als Nebenkläger an dem Verfahren teil, das aus Platzgründen in einer Veranstaltungshalle stattfindet. Sie kritisierten die zögerlichen Ermittlungen der Justiz und das Wegschauen der Kliniken in dem Fall scharf.

Allein das Verlesen der umfangreichen Anklageschrift dauerte weit mehr als eine Stunde. Der 41-Jährige habe “aus niederen Beweggründen sowie heimtückisch” getötet, um seinen Fähigkeiten zur Wiederbelebung von Patienten gegenüber seinen Kollegen und Vorgesetzten “zu präsentieren” und “seine Langeweile zu bekämpfen”, fasste Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann zusammen.

Der Mann soll Patienten während seiner Dienstzeiten auf Intensivstationen jahrelang ohne ärztliche Anordnung verschiedene Medikamenten verabreicht haben, um lebensbedrohliche Herz- oder Kreislaufkomplikationen auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Viele der Opfer im Alter von 34 bis 96 starben.

2005 wurde er entlassen und kurz darauf festgenommen, weil ihn eine Kollegin bei einer Tat auf frischer Tat beobachtete. In einem ersten Prozess wurde er dafür 2008 verurteilt, ein zweites Verfahren wegen fünf weiterer Fälle folgte 2014 bis 2015. Dabei gestand er überraschend weitere Morde.

Erst danach kamen systematische Ermittlungen in Gang, drei Jahre lang nahm eine Sonderkommission alle Todesfälle während seiner Tätigkeit an den beiden Kliniken unter die Lupe. Zahlreiche Verstorbene wurde exhumiert und auf Medikamentenrückstände untersucht. Das Ergebnis der Ermittlungen ist der nun beginnende dritte Prozess.

Ob der 41-Jährige eventuell noch weitere Morde beging, lässt sich nach Einschätzung der Ermittler nicht abschließend sagen. Viele verstorbene frühere Klinikpatienten wurden feuerbestattet. Wie glaubwürdig seine Geständnisse sind, ist unklar. Trotz interner Verdachtsmomente konnte er lange ungehindert weiter töten. Mehrere Verantwortliche der Krankenhäuser sind deshalb inzwischen separat angeklagt.

Vertreter der Angehörigen reagierten überrascht auf sein erstes öffentliches Geständnis und dessen Aussagen zu seiner Gemütsverfassung während seiner beruflichen Anfangszeit, die seinen Angaben nach bereits schnell von hohem Stress auf den Intensivstationen gekennzeichnet war. “Heute sieht er wie ein kleiner verletzlicher Massenmörder aus”, sagte deren Sprecher Christian Marbach.

Auch der 41-Jährige stehe wegen des Prozesses “zu Recht unter hoher persönlicher Belastung”. Ein Geständnis zum Auftakt habe er nicht erwartet, sagte Marbach. Es eröffne die Chance, bei der Aufarbeitung “einen großen Schritt zu machen”.

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, der bereits in den ersten beiden Prozessen gegen den ehemaligen Krankenpfleger verhandelt hatte, versprach den Angehörigen Aufklärung. Das Gericht werde alles dazu tun, was es könne. Ob angesichts des komplexen, lange zurückliegenden Geschehens die vollständige Wahrheit gefunden werde könne, sei ungewiss. “Aber wir werden danach suchen, das verspreche ich.” Es gehe um viele Schicksale, und für Angehörige sei es “ein furchtbares Gefühl”, Jahre später von den wahren Todesumständen zu erfahren.

Von: APA/ag.

Kommentare

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2 Kommentare auf "Mammutprozess um Mordserie von deutschem Krankenpfleger"


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Kinig
20 Tage 4 h

von Schläge bis Missbrauch.Ein Mensch Der Sich nicht mehr wehren kann und das Pech hatt so einer od.Einen Pfleger unter die Hände zu kommen…..Habe im Altersheim und Pflegeheim hinter die Kulissen gesehn.Ich sage nur🤯Jeder Einzelfall ist zu viel!!!!!

m69
m69
Kinig
19 Tage 22 h

Es gibt in jedem Beruf schwarze Schafe, nur hier geht es meistens tödlich aus.

R.I.P. Den vielen Opfern

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