Medizin-Nobelpreis an drei Forscher

Medizin-Nobelpreis für Hepatitis-C-Forscher

Montag, 05. Oktober 2020 | 15:37 Uhr

Der Nobelpreis für Medizin geht heuer an Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) für ihre Beiträge zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus. Das gab das Nobelpreiskomitee am Montag in Stockholm bekannt. In Summe machten die drei Forscher “wegweisende Entdeckungen, die zum Nachweis eines neuen Virus führten – Hepatitis-C”, so die Begründung. Ihre Arbeit habe “Millionen Leben gerettet”, so Gunilla Karlsson Hedestam vom Karolinska Institut.

Dank der Entdeckungen der drei Preisträger könne Hepatitis-C jetzt zwar in sehr vielen Fällen geheilt werden, es sei aber weiter ein großes globales Gesundheitsproblem, hieß es seitens des Komitees. Als “natürlich überfällig” bezeichnete der Hepatologe Michael Trauner von der Medizinischen Universität Wien die Zuerkennung gegenüber der APA: “Das war einer der absolut durchbrechenden Erfolge in der Medizin.”

Das Virus kann sowohl eine akute als auch chronische Hepatitis verursachen. Der Schweregrad kann dabei von einer leichten, einige Wochen dauernden bis hin zu einer schweren, lebenslangen Erkrankung reichen. Viele chronisch Erkrankte bekommen Leberzirrhose oder Leberkrebs. Das Hepatitis-C-Virus (HCV) wird durch infiziertes Blut übertragen: Dies kann etwa bei intravenösem Drogenkonsum, durch Bluttransfusionen oder bei Sexualpraktiken erfolgen. Der häufigste Übertragungsweg in Österreich ist laut “gesundheit.gv.at” heute intravenöser Drogenkonsum, etwa wenn Spritzen von mehreren Personen benutzt werden.

Erst die Erkenntnisse, an denen die heuer ausgezeichneten Wissenschafter maßgeblich beteiligt waren, konnten aufklären, woher die Erkrankungen rührten. Davor grassierte die Krankheit, mit deren chronischer Form auch heute laut der WHO noch über 70 Millionen Menschen zu kämpfen haben, ungehindert. Pro Jahr gibt es geschätzte 400.000 Hepatitis-C-Tote. Gerade in Europa ist HCV relativ weit verbreitet, heute grundsätzlich aber gut behandelbar. Mit antiviralen Substanzen liege die Heilungsrate bei Hepatitis-C bei 95 bis fast 100 Prozent, so Trauner. Allerdings haben bei weitem nicht alle Betroffenen weltweit Zugang zu einer Therapie. Eine effektive Impfung gegen das Virus gibt es noch nicht, die Forschung gehe aber weiter, sagte der Wiener Hepatologe.

Obwohl Ende der 1960er-Jahre Baruch Blumberg das Hepatitis-B-Virus entdeckt hatte – eine Leistung für die er 1976 den Medizin-Nobelpreis erhielt -, konnte weiter ein Teil der über das Blut weitergegebenen schweren und chronischen Lebererkrankungen nicht erklärt werden. In den 60er-Jahren lag das Risiko, etwa durch eine Bluttransfusion während einer Operation mit einer chronischen Hepatitis infiziert zu werden, teils bei bis zu 30 Prozent, heißt es.

Der 1935 in New York geborene Harvey J. Alter begann an den National Institutes of Health (NIH) das Auftreten der mysteriösen Krankheit bei Menschen zu studieren, die zuvor Bluttransfusionen erhalten hatten. An der dortigen Abteilung für Transfusionsmedizin zeigte er, dass viele der Infektionen nicht von den bisher bekannten Viren ausgelöst wurden. Gleichzeitig war klar, dass durch Blutgaben zu dieser Zeit viele Menschen mit den Erreger infiziert wurden. Alter konnte in den späten 1970er-Jahren zeigen, dass der vermutliche Virus-Erreger durch die Verabreichung von Blut auf Schimpansen übertragen wird. Seine Erkenntnisse führten zu der Bezeichnung “Non-a, non-b”-Hepatitis.

Über ein Jahrzehnt entzog sich das Virus jedoch dem wissenschaftlichen Zugriff. Dann kam der 1949 geborene Michael Houghton ins Spiel: Er stammt aus Großbritannien und steuerte Ende der 1980er-Jahre seine Arbeiten im Dienste des US-Pharmaunternehmens Chiron bei. In Kleinarbeit und mit neuen Forschungsmethoden suchte er nach Erbgut-Spuren des bis dahin unidentifizierten Virus in Proben von Schimpansen und Menschen. Schlussendlich fanden der Virologe und Kollegen die RNA eines neuen Virus aus der Flaviviren-Gruppe, das fortan Hepatitis-C genannt wurde. Houghtons Team entwickelte daraufhin auch einen Test, der die Suche nach dem Erreger in Blutspenden ermöglichte. So konnte in der Folge die Übertragung über Blutpräparate eingedämmt werden.

Den finalen Nachweis, dass das Virus auch tatsächlich die so oft beobachteten Erkrankungen auslöste und wie sich der Erreger vermehrt, lieferte dann der 1952 in Sacramento im US-Bundesstaat Kalifornien geborene dritte Preisträger, Charles M. Rice. Aufgrund seiner Arbeit wurden die bis dahin nicht eindeutig erklärbaren Infektionen eindeutig dem neuen Virus zugeordnet. Die Entdeckungen der Preisträger führten auch zur raschen Entwicklung von Medikamenten gegen das Hepatitis-C-Virus.

Für Karlsson Hedestam haben Alter, Rice und Houghton “das Fundament geliefert, um den Kampf gegen das Virus zu beginnen”. Sie hätten der Welt die Hoffnung beschert, die Krankheit zu kontrollieren und möglicherweise auch zu eliminieren. “Wir können den Forschern nur unendlich dankbar sein, dass sie das ermöglicht haben”, sagte die Obfrau der Hepatitis Hilfe Österreich (HHÖ), Angelika Widhalm, zur APA.

Zwei der neuen Medizin-Nobelpreisträger mussten von der Nobelversammlung erst wachgeklingelt werden. “Als ich sie einmal erreicht habe, waren sie extrem überrascht und wirklich glücklich und fast sprachlos”, sagte Thomas Perlmann vom Nobelkomitee während der Preis-Bekanntgabe. Mit der heutigen Verlautbarung wurde die diesjährige Nobelpreis-Woche eröffnet. Am Dienstag erfolgt die Bekanntgabe der Preisträger für Physik- und am Mittwoch jene für Chemie.

Das Preisgeld wurde heuer erhöht: Pro Kategorie gibt es zehn Millionen schwedische Kronen (rund 950.000 Euro) und damit eine Million Kronen mehr als zuletzt. Übergeben werden die Preise alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

Von: apa

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