Bittere Lehren einer Tragödie – ein Kommentar

Mehr Eigenverantwortung wagen

Donnerstag, 14. Juli 2022 | 01:05 Uhr

Bozen/Canazei – „Warum hat sie niemand gewarnt?“, klagt die Schwester von Erica Campagnaro an. Gemeinsam mit ihrem Mann Davide Miotti zählt Erica Campagnaro zu den Opfern des Gletscherabbruchs. Angesichts der Tragödie – das Paar hinterlässt zwei minderjährige Kinder – sind die Trauer und die Wut verständlich.

Alto Adige

Auf der anderen Seite könnte man mit der Gegenfrage antworten, ob es überhaupt hätte die Aufgabe der „anderen“ sein sollen, die Alpinisten am Aufstieg auf die Marmolata zu hindern. Der zuständige Oberstaatsanwalt hat Fahrlässigkeit als Ursache für die Tragödie bereits ausgeschlossen.

Die beiden Fragen berühren in Wahrheit die „Natur“ des Berges und den Umgang mit ihm. Der Mensch tendiert dazu, die Natur beherrschen zu wollen. Bei einigen führt dies leider zur falschen Vorstellung, dass der Berg wenig mehr als ein Fitnesscenter an der frischen Luft sei. Aber auch wenn Aufstiegsanlagen und breite, gesicherte Wege noch so sehr das Gefühl vermitteln mögen, sich auf einer „Autobahn zum Gipfel“ zu bewegen, bleibt der Berg doch immer ein Ort latenter Gefahr.

Facebook/Corpo Nazionale Soccorso Alpino e Speleologico – CNSAS

Zu Recht weist Bergsteigerlegende Reinhold Messner darauf hin, dass die Querung unterhalb eines Gletschers immer ein erhöhtes Risiko beinhaltet und es ratsam sei, zu Mittag wieder bei der Hütte zu sein. In der Tat geschah das Unglück am Sonntagnachmittag. Auf ihre Sicherheit bedachte Bergsteiger sind sich bewusst, dass Bergsport immer mit einem Restrisiko verbunden sein wird. Um es auf ein absolutes Minimum zu reduzieren, bedienen sie sich ihrer Erfahrung oder bei Bedarf der Ratschläge erfahrenerer Kollegen mit Ortskenntnissen. Routen und Zeiten werden daher so geplant, dass Risiken überschaubar bleiben.

Facebook/Corpo Nazionale Soccorso Alpino e Speleologico – CNSAS

Diese Alpinisten wissen, dass es ihre ureigenste Aufgabe ist, die Gefahren, die am Berg lauern, richtig einzuschätzen, und dass sie diese Verantwortung nicht anderen überlassen können. Der Respekt vor dem Berg und eine gewisse Demut vor der grandiosen Herrlichkeit der Natur helfen dabei, Fehler zu vermeiden.

Aber es ist gerade diese Wildheit, die den Reiz der Berge ausmacht und die so viele Menschen anzieht. Anstatt Verbote auszusprechen und Absperrungen zu errichten, sollten wir lieber den Respekt vor der Natur und die hehre Tugend der Eigenverantwortung pflegen. Auch dies sind bittere Lehren aus einer Tragödie.

Von: ka

Bezirk: Bozen

Kommentare

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5 Kommentare auf "Mehr Eigenverantwortung wagen"


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Kingu
Kingu
Superredner
26 Tage 17 h

Reine Leichtsinnigkeit und keinen Respekt vor der Natur, so würde ich es mir eher erklären. Man muss nicht auf jeden Berg und jeden noch vorhandenen Gletscher mit seiner Anwesenheit beehren, speziell in der Sommerzeit sind diese gefährlich und auch im Winter nicht ungefährlicher. In meinen Augen sind Gletscherwanderungen und was Messner mit seinem Bruder damals betrieben haben, einfach sein Leben sinnlos riskieren und auch sich bewusst in eine Gefahr bringen, wo andere einen womöglich noch herausholen müssen. Auch die Leute der Bergwacht mussten beim Rettungseinsatz/Bergungseinsatz vermeidbar in Gefahr wegen andere bringen.

N. G.
N. G.
Kinig
26 Tage 4 h

In einem Punkt muss ich dir widersprechen. Es ist nicht sinnlos! Alles was der Mensch tut, selbst das was nur für seine persönliche Befriedigung macht, ist sinnvoll! Davon lebt er eigentlich. Was für dich sinnlos erscheint, ist für andere alles. Also, mehr Respekt vor dem was andere gut finden.
Nur, übt man so ein Hobby aus, dann muss man die Verantwortung selbst tragen und NICHT dauernd Schuldige suchen! Selbst mit Bergführer muss ich selbst wissen was ich da mache!

Kingu
Kingu
Superredner
24 Tage 21 h

@N. G. sinnlos in dem Sinne, es gibt auch andere Möglichkeiten sich in der Natur fortzubewegen und diese zu genießen, ohne andere und sich selbst in Gefahr zu bringen. Auch ist nicht alles was man Mensch tut sinnstiften oder rational, weil er selbst tiefirrational handelt und ein Kleinhirn besitzt, welches mehr auf uns Einfluss hat als manche denken. Genau deswegen suchen manche die Gefahr immer wieder, bis es ihr letztes Mal war.

N. G.
N. G.
Kinig
24 Tage 20 h

@Kingu Der Mensch wird immer seine Grenzen testen und darüber hinaus gehen wollen. Ob sinnvoll oder sinnlos, spielt dabei keine Rolle. Alles andere wäre nicht Leben und hätte uns keinen Fortschritt gebracht!

Ich glaube du hast noch nie das pure Adrenalin in deinen Adern gespürt, denn sonst wüsstest du wovon ich und all die Leute die das oder ähnliches tun reden.

Wenn ich mich, der Höhenangst hat, irgendwo runter stütze, macht das doppelt so viel Spass , als hätte ich keine. Das ist “LEBEN”! Es ist komplett sinnfrei, gefährlich aber es macht Spass! Also, jedem das Seine ..!

falschauer
22 Tage 14 h

deine worten sagen einem dass du lieber auf der promenade spazierst und die passion zu den bergen absolut fehlt, aber das ist dein gutes recht, nur solltest du anderen nicht absprechen ihrer leidenschaft zu frönen, natürlich mit der entsprechenden erfahrung, mit der geigneten ausrüstung, mit der vorsorglichen einstellung zu der natur und der angesprochenen eigenverantwortung…berg heil!

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