Wütende Demonstranten stürmten am Freitag ein Bezirksrathaus

Mindestens 30 Tote nach Brand in Londoner Hochhaus

Freitag, 16. Juni 2017 | 22:19 Uhr

Nach dem Hochhausbrand in London ist offiziell von mindestens 30 Toten die Rede. “Leider wird die Zahl noch steigen”, hieß es seitens der Polizei. Mit Postern und in sozialen Medien suchen Angehörige und nach Vermissten. Tausende fanden sich am Freitagabend zu einer Solidaritätskundgebung unter dem Motto “Justice for Grenfell!” (Gerechtigkeit für Grenfell) im Regierungsbezirk Westminster ein.

Mit Bannern, Plakaten und Sprechchören machten die Demonstranten vor dem Ministerium für Kommunen ihrer Wut auf die Regierung Luft. Die Behörde ist unter anderem für den Wohnungsbau verantwortlich. Die Demonstranten skandierten “May muss gehen!”, als sie Richtung Downing Street – dem Sitz der Premierministerin – marschierten. Nach dem Unglück geben viele Bürger der britischen Regierung eine Mitschuld an dem Feuer in dem Hochhaus im Stadtteil Kensington.

Die Polizei hatte May hatte am Freitag nach einem Besuch in der Nachbarschaft des ausgebrannten Hochhauses vor wütenden Demonstranten in Sicherheit bringen müssen. Ein Fotograf berichtete, zornige Menschen seien Mays Auto hinterher gelaufen und hätten sie angebrüllt. May hatte sich mit Opfern des Brandes und Anrainern getroffen. Sie kündigte fünf Millionen Pfund an Hilfen an.

Im Stadtteil Kensington stürmten Demonstranten das Bürgermeisteramt. “Wir wollen Gerechtigkeit”, skandierten sie. Die Menschen bahnten sich ihren Weg durch die automatische Tür des Gebäudes und versuchten, auch in die oberen Stockwerke gelangen. Die Polizei hielt sie auf.

May steht wegen ihrer Reaktion auf den Großbrand mit mindestens 30 Toten unter Druck. Auch Mitglieder ihrer eigenen Konservativen Partei werfen ihr vor, sich unter anderem zu spät mit den Opfern getroffen zu haben. Diese wurden von dem Oppositionsführer Jeremy Corbyn, Bürgermeister Sadiq Khan und der 91-jährigen Königin Elizabeth II. besucht.

Mehr als 70 Menschen werden noch vermisst, wie Medien berichteten. Ob einige der Vermissten unter den bereits geborgenen Toten waren, war unklar. Die Polizei warnte, dass manche Leichen möglicherweise nie identifiziert werden könnten. 24 Menschen werden noch in Krankenhäusern der britischen Hauptstadt behandelt. Der Zustand von zwölf Patienten sei derzeit kritisch, teilte die Gesundheitsbehörde mit. Rettungsteams suchten mit Drohnen und Spürhunden nach weiteren Opfern in dem Gebäude.

Alle Bewohner des Hochhauses sollen bis zum Wochenende eine neue Wohnung erhalten, sagte Megan Hession von der Bezirksverwaltung in Kensington und Chelsea. Zahlreiche Menschen hatten auch die vergangene Nacht noch in Turnhallen und Hotels verbracht.

Das erste Opfer der Brandkatastrophe wurde in der Zwischenzeit identifiziert. Es handelt sich um einen syrischen Flüchtling namens Mohammed Alhajali. Bruder Omar brach in Tränen aus, als er von der Flucht der beiden aus dem 14. Stock berichtete. Omar dachte, dass sein Bruder entkommen konnte, er hatte ihn allerdings aus den Augen verloren. Nun wurde bekannt, dass Mohammed es nicht ins Freie geschafft hat. Kurz vor seinem Tod hatte er noch mit Omar telefoniert: “Warum hast du mich allein gelassen. Ich sterbe. Ich kann nicht atmen.”

Auf der Suche nach der Feuerursache können bisher weder Brandstiftung noch ein technischer Defekt ausgeschlossen werden. Es verstärkten sich die Vermutungen, die Brandursache könnte mit der jüngsten Renovierung des 24-stöckigen Gebäudes zusammenhängen. Das Hochhaus aus den 1970er-Jahren wurde bis zum vergangenen Jahr für umgerechnet 9,9 Millionen Euro aufwendig renoviert. Vor allem die Fassade wurde saniert und gedämmt. Die “Daily Mail” berichtete allerdings, dass das Feuer in der Wohnung eines Taxifahrers im vierten Stock ausgebrochen sei. Scheinbar geriet ein Kühlschrank in Brand.

Unterdessen wurden in den Medien immer mehr Details zu der Fassadenverkleidung bekannt, die in ihrer nicht feuerresistenten Form für Gebäude von mehr als zwölf Metern Höhe in den USA demnach verboten ist. Es handelt sich um Aluminium-Panele namens Reynobond der US-Firma Arconic. Mit Kunststofffüllung koste sie 24 Pfund (27 Euro) und sei damit nur zwei Pfund billiger als die feuerfeste Variante, berichtete die “Times”.

Angebracht wurden die Fassadenteile von der Firma Harley Facades, die in einer Erklärung mitteilte, dass sie keine Verbindung zwischen dem Brand und der Außenverkleidung sehe. Auch die für die Renovierung zuständige Firma Rydon versicherte, bei der Sanierung seien alle Brandschutz- und Sicherheitsvorschriften eingehalten worden.

Der “Daily Telegraph” zitierte einen Brandschutzexperten, wonach die Panele wie ein “Windkanal” gewirkt hätten. Die Fassade mit ihren Hohlräumen habe “wie ihr eigener Kaminzug gewirkt”, sagte Arnold Turling. Wie die Zeitung weiter berichtete, hatte das Gebäude zudem keine zentrale Sprinkler-Anlage und keine Feuerschutztüren.

Premierministerin Theresa May besuchte die Opfer des Unglücks im Krankenhaus. Sie wollte später am Freitag ein Treffen mit Regierungsvertretern zu Hilfsmaßnahmen für die Opfer leiten. Die Premierministerin war zuvor heftig in die Kritik geraten, weil sie bei ihrem Besuch am Grenfell Tower am Donnerstag nicht mit Opfern des Unglücks gesprochen hatte. Der Oppositionsführer und Labour-Chef Jeremy Corbyn hatte unterdessen Betroffene getröstet.

May hatte eine “umfassende Untersuchung” der Katastrophe angekündigt. Der Minister für Gemeinden und Kommunalverwaltung, Sajid Javid, sagte dem Rundfunksender BBC: “Etwas ist hier falsch gelaufen, etwas ist drastisch falsch gelaufen.” Ähnliche Gebäude würden nun auf vergleichbare Gefahren hin untersucht, vor allem hinsichtlich der Außenverkleidung.

Königin Elizabeth II. und Prinz William trafen unterdessen Opfer und Helfer der Brandkatastrophe. Die Queen und ihr Enkel besuchten eine Notunterkunft in einem Fitnesscenter im Stadtteil Kensington in der Nähe des Brandorts. Schon am Donnerstag hatte die Monarchin den Mut der Feuerwehrleute und die “unglaubliche Großzügigkeit” der freiwilligen Helfer gewürdigt.

Von: APA/dpa/ag.