Tante von Benno Neumair erschüttert von der Gewalt

Mit roten Schuhen im Gericht

Mittwoch, 01. Juni 2022 | 11:35 Uhr

Bozen – Der Schwurgerichtsprozess gegen Benno Neumair ist am Dienstag fortgeführt worden. Wie berichtet, hat seine Tante Carla Perselli im Zeugenstand ausgesagt und auf die Fragen der Anklage und später der Verteidigung geantwortet. Dass sie mit roten Schuhen den Gerichtssaal betreten, ist kein Zufall.

„In diesem Fall sind zwei Elternteile ermordet worden. Aber bei dem, was passiert ist, handelt es sich auch um familiäre Gewalt gegen eine Frau und gegen eine Mutter“, erklärte die Schwester von Laura Perselli nach der Verhandlung Medien gegenüber. Die roten Schuhe sind ein Symbol, um das öffentliche Bewusstsein für die Problematik von Gewalt gegen Frauen zu schärfen.

Benno Neumair ist bekanntlich angeklagt, am 4. Jänner vor einem Jahr seine Eltern Laura Perselli und Peter Neumair ermordet und ihre leblosen Körper in die Etsch geworfen zu haben. Der Fall hat in nationalen und internationalen Medien viel Aufsehen erregt. Wochen nach der Tat hat Benno Neumair ein Geständnis abgelegt. Nach den Leichen wurde monatelang gesucht. Carla Perselli hat sich ebenfalls als Nebenklägerin in das Verfahren eingelassen.

Sie selbst verfolge diesen Prozess mit viel Bitterkeit. „Wir verteidigen die Opfer, die selbst keine Stimme mehr haben“, betont Carla Perselli im Interview mit der Zeitung Alto Adige. Gleichzeitig verurteilt sie das sogenannte „Victim Blaming“, das vor allem in Italien verbreitet sei. Italien sei deshalb auch vom Gerichtshof der Europäischen Union verurteilt worden, „denn in Fällen von Gewalt geraten die Opfer in die Situation, sich rechtfertigen zu müssen“.

„Es schmerzt, die Erinnerung an Laura und Peter verteidigen zu müssen. Benno hat die Tat gestanden. Ich frage mich, was vor Gericht noch entschieden werden muss. Ich finde das fürchterlich“, erklärte Carla Perselli.

Wie berichtet, geht sie davon aus, dass die Tat geplant und Geld das Motiv für die beiden Morde gewesen sei. Feststeht, dass sich ihr Leben seit dem Mord an ihrer Schwester und deren Mann völlig verändert hat. „Es ist nötig, sich an eine enorme Leere zu gewöhnen. Ein Loch, das sich mit einem Schlag aufgetan hat. Doch nicht, weil es einen Flugzeug- oder Autounfall gab. Das ist eine Geschichte, die uns völlig überwältigt hat. Es gibt einfach keinen Grund“, betonte Carla Perselli.

Erschüttert zeigte sie sich auch über die Gewalt, mit der der Angeklagte vorgegangen ist. „Um jemanden mit einem Seil zu erwürgen, sind vier bis sechs Minuten nötig. Man darf aber nicht vergessen, dass Benno nach dem ersten Mord einen Teil des Nachmittags am Computer im Internet verbracht hat, um sich darauf zu entschließen, noch einmal zu töten und die Mutter auf dieselbe Weise umzubringen. Anschließend hat er die Leichen ins Auto geschafft und in den Fluss geworfen. Ich war im Leichenschauhaus. Was Benno gemacht hat, war kein Verbergen, sondern ein Zerstören der Leichen. Es klingt, als würde man in einen Horrorfilm katapultiert, doch es ist alles wahr. Es fehlen einem die Worte, man ist zerstört“, so die Zeugin.

Die Verhandlung wurde am Dienstagnachmittag beendet, nachdem ein weiterer Zeuge nicht erschienen war. Der nächste Prozesstag findet am 8. Juni statt. Benno Neumair soll seine Aussage vor dem Schwurgericht Anfang Dezember machen.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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9 Kommentare auf "Mit roten Schuhen im Gericht"


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Hustinettenbaer
25 Tage 1 h

Ich verstehe Schmerz und Wut. 
Ihre Schwester ist tot und vor Gericht wird u.a. gefragt, ob der Neffe sich von den Eltern zurückgesetzt gefühlt haben könnte. 
Jeder der mal als Zeuge bei der Polizei oder vor Gericht war, kennt diese Situation, wenn der Hals vor Zorn schwillt.
Aber was wie “schmutzige Wäsche waschen”, „Victim Blaming“ klingt, ist Teil der Beurteilung der Tat. 

Es ist sicher gut an Gewalt gegen Frauen zu erinnern. Aber auch der Schwager ist tot.

N. G.
N. G.
Kinig
24 Tage 15 h

Ich finde das die Angehörigen ihre Meinung haben sollen aber finde es gar nicht gut diese dermassen in der Öffentlichkeit breit zu treten!

Quaaki
Quaaki
Grünschnabel
24 Tage 23 h

Es zählt vordergründig die Gewalt gegen Frauen, dass er einen Mann auch getötet hat scheint zweitrangig.

Es ist bald wirklich so, dass Männer fast nur mehr als Bancomat gut sind.

Ich finde, man sollte beide gleichermaßen betrauern, oder ist das Leben von Männern wirklich weniger wert?

Doolin
Doolin
Kinig
24 Tage 5 h

…verständlich, dass ihr die Schwester näher ist als der Schwager, muss man annehmen…

andr
andr
Universalgelehrter
24 Tage 21 h

Ich stelle mir schon lange die Frage was es da noch zu verhandeln giebt. Ein Mord im Affekt kann passieren aber 2 Morde nein. Dieser Mann ist für mich sehr gefährlich.

diskret
diskret
Tratscher
24 Tage 23 h

Der junge hat sich nur mit diesen doping zeug so gemacht

mondschein2021
mondschein2021
Tratscher
24 Tage 15 h

Benno hätte sich das alles ersparen können.Was hat ihm das alles gebracht ?

Sag mal
Sag mal
Kinig
24 Tage 6 h

mondschein… müsstest Ihn fragen können.

N. G.
N. G.
Kinig
24 Tage 3 h

Siehst du, das ist der Grund warum hohe Strafen nichts bringen. Weil Menschen vor oder bei der Tat nicht an die Strafe denken. Jeder glaubt nicht erwischt zu werden.
Stell dir vor du hättest was illegales vor weil du beispielsweise Geld brauchst. Dafür gibt es heute 2 Jahr Knast. Gäbe es 3 oder 5, du würdest es trotzdem tun. Wo ist groß der Unterschied. Und würden wir anfangen für jede Kleinigkeit 10 oder 15 Jahre zu geben… Wer bezahlt das? 180€ am Tag!? Zumindest in Deutschland.

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