Zehntausende gingen in Sao Paulo auf die Straße

Neue Massenproteste gegen Brasiliens Staatschef Bolsonaro

Sonntag, 04. Juli 2021 | 09:32 Uhr

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro gerät in der Coronakrise zunehmend unter Druck. Aus Protest gegen das Krisenmanagement des rechtsextremen Staatschefs gingen am Samstag erneut Zehntausende Menschen auf die Straße. “Bolsonaro Völkermörder” und “Ja zu Impfungen” stand auf den Transparenten der Demonstranten in São Paulo. Wegen eines mutmaßlichen Korruptionsfalls im Zusammenhang mit einer Impfstoff-Bestellung leitete die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen gegen Bolsonaro ein.

Die Gegner des Präsidenten versammelten sich in mehreren Bundesstaaten zu Kundgebungen. “Es wurden schon mehr als 500.000 Menschen ermordet von dieser Regierung”, sagte die in Rio de Janeiro demonstrierende Ärztin Patricia de Lima Mendes mit Blick auf die bereits rund 522.000 Corona-Toten in Brasilien. Dies sei die Folge einer “trügerischen Politik” voller “Lügen”.

Es waren bereits die dritten Massenproteste gegen Bolsonaro seit Ende Mai. Dem Protestaufruf der Opposition folgten am Samstag auch tausende Menschen in anderen Städten, darunter die Hauptstadt Brasília sowie Belém, Recife, Porto Alegre und Maceió, wie auf Bildern brasilianischer Medien zu sehen war. Bolsonaro wird vorgeworfen, die Corona-Pandemie massiv verschlimmert zu haben, indem er die Gefahren des Virus immer wieder herunterspielte und den Nutzen von Corona-Impfungen infrage stellte.

“Die Menschen sind vom Protest im Internet zum Protest auf der Straße übergegangen”, sagte die Demonstrantin Ana Claudia Lima in São Paulo. Der jüngste Vorstoß der Opposition für ein Amtsenthebungsverfahren und die Korruptionsvorwürfe rund um die Impfstoffverträge hätten dazu beigetragen.

Viele der linksgerichteten Demonstranten schwenkten die brasilianische Fahne, die sonst eher auf Kundgebungen von Bolsonaro-Anhängern zu sehen ist. Das Nationalsymbol dürfe nicht den Rechten überlassen werden, sagte die Studentin Barbara Guimaraes. “Es gehört uns allen.”

Neue Nahrung erhält die massive Kritik am Präsidenten durch die am Freitag eingeleiteten Vorermittlungen zu seiner Rolle in einem mutmaßlichen Korruptionsfall. Bolsonaro soll laut der Klage von drei Senatoren über ein “gigantisches Korruptionssystem” im Gesundheitsministerium informiert gewesen sein, aber nichts dagegen unternommen haben. Es geht um Korruption im Zusammenhang mit einem Vertrag über den in Indien hergestellten Corona-Impfstoff Covaxin im Wert von umgerechnet rund 250 Millionen Euro.

Ein Strafverfahren gegen Bolsonaro vor dem Obersten Gerichtshof könnte zu seiner Amtsenthebung führen. Voraussetzung dafür wäre aber eine Anklageerhebung durch den Generalstaatsanwalt Augusto Aras, einen Bolsonaro-Verbündeten.

Dass es am Ende zu einem Verfahren gegen Bolsonaro kommt, ist auch deshalb sehr unwahrscheinlich, da dafür die Zustimmung des Parlaments nötig wäre, in dem der Präsident über eine breite Mehrheit verfügt. Versuche seiner Gegner, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro einzuleiten, sind bisher am Widerstand seiner Verbündeten im Kongress gescheitert.

Am Mittwoch hatten dutzende oppositionelle Abgeordnete einen neuen Versuch gestartet und im Parlament eine Liste mit weiteren Korruptionsvorwürfen vorgelegt, um Ermittlungen gegen den Präsidenten zu erreichen.

Die nächste Präsidentschaftswahl in Brasilien soll kommendes Jahr stattfinden. In jüngsten Umfragen liegt Bolsonaro weit hinter seinem linksgerichteten Herausforderer, dem Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.

Von: APA/AFP

Kommentare

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16 Kommentare auf "Neue Massenproteste gegen Brasiliens Staatschef Bolsonaro"


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p.181
p.181
Tratscher
23 Tage 12 h

Es gibt auch Massenkundgebungen für ihn, nur der Vollständigkeit halber

Zefix
Zefix
Superredner
23 Tage 10 h

sell hotts für hitler a gebm

magari
magari
Grünschnabel
23 Tage 9 h

Ja, es gabe eine Pro-Bolsonaro Kundgebung von Motoradclubs. Nicht wirklich zu vergleichen mit den über 100 Protesten in ganz Brasilien.

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
23 Tage 8 h
Herr Bolsonaro hat Fans. Und muss nun mit Gegnern paktieren, denn: “Vielleicht die größte Bedrohung geht für Bolsonaro von einem Hilfsprogramm aus, das mit dem alten Jahr ausgelaufen ist. Für Millionen arme Brasilianer, bei denen der Präsident besonders populär ist, bedeutete das Programm, dass sie nicht hungern mussten. Nun muss er erneut liefern und dafür seinen Politikstil anpassen, wie der politische Berater Lucas de Aragão von der Beratungsfirma Arko Advice erklärt. Bolsonaro sei zwar bekannt dafür, die Vorschriften zu missachten, aber nun sei Pragmatismus gefragt: „Er wird nie ein Präsident sein, der nach den Regeln spielt, aber er muss seine… Weiterlesen »
falschauer
23 Tage 5 h

das liegt in der natur der dinge

quilombo
quilombo
Superredner
23 Tage 5 h

@Hustinettenbaer, das mit dem Hilfsprogramm ist Unsinn. Bolsonaro hat seine Anhänger in der Oberschicht der Reichen, und bei den Militärs. Die Armen mögen ihn nicht, das wäre auch paradox. War es doch Bolsonaro der weite Teile der Armen in die Misere brachte und einen großen Teil der Mittelschicht in die Armut stürzte. Bolsonaro verachtet die Armen, er rührt keinen Finger für sie.

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
23 Tage 2 h

@quilombo
Herr Bolsonaro, Erdogan, Trump… verachten m. M. die Teilnehmer ihrer Wahlen/Kaffeefahrten. Die Kaste der “Armen” ist sehr groß und heterogen. Und nicht per se dagegen gefeit, sich über den Löffel balbieren zu lassen.

quilombo
quilombo
Superredner
23 Tage 26 Min
@Hustinettenbaer, Bolsonaro hat 32% der Wählerstimmen bekommen. Obwohl das Nichtwählen strafrechtlich verfolgt werden kann und schwere Nachteile bringt, zum Beispiel wird bei jedem Gesuch der Wahlbeweis verlangt, haben 25% nicht gewählt. Das gab es noch nie in der Geschichte Brasiliens. Fakt ist, daß laut Prognosen vor der Wahl 67% der Wähler Lula die Stimme gegeben hätten. Dann wurde Lula mit einem gefälschtem Gerichtsurteil für nicht wählbar erklärt. Seinem schnell aufgestelltem Ersatzkandidaten warf man 2 Tage vor der Wahl vor, ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Nach der Wahl stellte sich heraus, daß das eine reine Erfindung war, aber es war… Weiterlesen »
Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
22 Tage 22 h

@quilimbo
32% der brasilianischen Wähler. Das sind nicht nur Reiche.
Rätselhaft ist auch, dass “[rund 60 Prozent der] weißen Frauen mit formal niedriger Bildung … erneut für Donald Trump [stimmten].” Oder “Bei hispano- und afroamerikanischen Wählern hat Trump hat seine Zustimmung nicht nur halten, sondern insgesamt sogar ausbauen können. Bei den Latinos vor allem in den Schlüsselstaaten Florida und Georgia. Trotz Anti-Mexiko-Rhetorik.”
https://www.zdf.de/nachrichten/politik/us-wahl-trump-waehler-gruppen-themen-100.html

blumenwiese
blumenwiese
Tratscher
23 Tage 12 h

Wers glaubt wird selig !

p.181
p.181
Tratscher
23 Tage 11 h

@blumenwiese

In den Qualitätsmedien erfährt man halt nur das, was man erfahren soll

blumenwiese
blumenwiese
Tratscher
23 Tage 6 h

@p.181 Qualitätsmedien 🤣🤣🤣das ist gut gesagt🤣

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
23 Tage 10 h

…auch der orange Trumpel hat seine ignoranten Fans…bis jetzt haben diese Populisten aber nur Mist gebaut…grosse Klappe, nix dahinter…
🤪

Andreas1234567
Andreas1234567
Universalgelehrter
23 Tage 7 h

Hallo zum Sonntag,

das Bild der Zehntausenden auf der Strasse gegen die “gewissenlose Coronapolitik Bolsonaros ” ist allerdings schon blanke Ironie.Was für eine freche Verlogenheit..

Mich ärgert das, gleichzeitig findet in Brasilien die Copa America statt. Zuschauer sind nicht zugelassen.Keine halbvollen, keine Viertelvollen Stadien, gar niemand darf rein.

Ab dem Halbfinale mit Zuschauern wäre die logische Konsequenz und Reaktion auf diese Bilder, da hätten die Brasilianer wirklich etwas von

Auf Wiedersehen auf dem Fussballplatz

quilombo
quilombo
Superredner
23 Tage 4 h

die Coronapolitik Bolsonaros ist auch nicht der Auslöser der Proteste. Das versucht man hierzulande zu vermitteln. In Wahrheit geht es um den diktatorischen Führungsstil Bolsonaros und seiner Söhne, welche Millionen von Brasilianern den Hunger vor die Tür brachte.

nemo3957
nemo3957
Grünschnabel
23 Tage 11 h

hmmmmm echt komisch ein massenprotest gegen bolsonaro da er zu wenig gegen der pandemie tut?
aber muessten sie nicht aha regeln einhalten?

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