"Dilettantische" Böllerproduzenten müssen sich vor Gericht verantworten

Prozess in Graz: Zwei Tote bei illegaler Böllerherstellung

Mittwoch, 05. Oktober 2016 | 14:00 Uhr

Am ersten Prozesstag rund um die illegale Böller-Produktion in der Südoststeiermark, die zu einer tödlichen Explosion geführt hatte, ist am Vormittag ein noch größeres Ausmaß der Umstände öffentlich geworden. Das Schöffengericht befragte zu Beginn die am wenigsten beteiligten Angeklagten. Belastende Fotos und Videos wurden gezeigt. Darauf war etwa ein Kleinkind direkt am Produktionstisch zu sehen.

Bereits die Aufnahme der Generalien gestaltete sich für Richterin Barbara Schwarz langwierig und teils kompliziert: So mancher Angeklagter wusste nicht über die Höhe seiner Schulden Bescheid, einer der Pyrotechnik-Händler konnte offenbar nicht zwischen Umsatz und Gewinn unterscheiden. Nach einer Stunde war Staatsanwalt Alexander Birringer am Wort und fasste die Anklage zusammen: “Im Zuge einer illegalen Herstellung von Böllern kam es am 17. September 2014 zu einer Explosion, bei der zwei Menschen starben.” Ein 33-Jähriger soll für die Produktion verantwortlich sein. Seit 2012 soll er selbst Böller hergestellt haben. Das geschah zuerst im eigenen Keller und im Haus seiner Eltern, später mit Unterstützung zweier Brüder sowie ab 2014 auf deren Anwesen in Kapfenstein.

Beteiligt waren auch ein Pyrotechnik-Händler aus der Südsteiermark sowie sein Vater. Sie hatten die Böller bestellt, transportiert, zwischengelagert und verkauft. Transporte soll laut Anklage auch ein 67-jähriger Pensionist und Inhaber eines Pyrotechnik-Geschäfts durchgeführt haben. Ihm wird auch falsche Beweisaussage vorgeworfen – ebenso der Lebensgefährtin eines Todesopfers sowie anderen Bekannten im Umfeld der Böller-Produktion.

Laut Birringer war die Herstellung der Blitzknallsätze dilettantisch, improvisiert und barg immenses Gefährdungspotenzial. Wegen der nicht fachgerechten Abläufe und der unsachgemäßen Handhabung sei es dann am 17. November 2014 zur Explosion von 25 Kilogramm Böllern in einem Wirtschaftsgebäude der beiden Brüder in Kapfenstein gekommen. Der jüngere der beiden – er war 29 Jahre alt – starb, ebenso der Vater, der gerade in der Nähe war. Der ältere Bruder – er ist heute 35 Jahre alt – erlitt leichte Verletzungen. Er zählt zu den Angeklagten.

Der Staatsanwalt führte aus, dass nur durch “glückliche Umstände” keine weiteren 175 Kilogramm explodiert sind. Er führte auch an, dass durch die weitgehend unkooperativen Aussagen der Verdächtigen Beamte bei der Aushebung weiterer Lagerstätten in beträchtlicher Gefahr waren.

Der Verteidiger des 33-jährigen mutmaßlichen Kopfs der Gruppe meinte, sein Mandant sei seit dem Unfall ein gebrochener Mann. Er trage die Verantwortung dafür, dass sein bester Freund und dessen Vater starben. Er sei geständig – mit Ausnahme des Vorsatzes. Auch weitere Beschuldigte bekannten sich nur teilweise oder gar nicht schuldig. Umfassend geständig war die Lebensgefährtin des getöteten Bruders. Sie muss sich wegen Falschaussage verantworten. Die Frau gab zu, bei der ersten Befragung nicht alles gesagt zu haben, was sie wusste: “Ich wollte nicht diejenige sein, die alles sagt. Ich wollte nicht der Buh-Mann sein. Die sind für mich ja wie Verwandtschaft.”

Dann zeigte Richterin Schwarz ein sichergestelltes Video, bei der die Detonation eines einzigen Böllers zu sehen ist. Einer der Brüder steckte ihn in einen etwa 40 Zentimeter starken und ebenso hohen Holzblock. Kurz nachdem er in Deckung geht ist zu sehen, wie die Wucht der Explosion das massive Holzstück zerreißt und die Teile meterweit weg und aus dem Bild springen. Wenige Sekunden danach ist die Stimme eines kleinen Mädchens zu hören, das offenbar in der Nähe war. Es handelte sich um die Tochter der Lebensgefährtin.

Die Richterin fragte die Angeklagte, warum sie denn die Machenschaften nicht angezeigt habe. “Wer zeigt denn seinen eigenen Freund an?”, meinte die Frau. Daraufhin sagte die Richterin: “Ist es besser, dass er nun tot ist?” “Damit muss ich nun eh leben”, gab die Beschuldigte eher wortkarg zu. Auf einem der sichergestellten Beweisfotos ist einer der Bastler zusammen mit dem kleinen Mädchen in der “Werkstatt” zu sehen. Es wirkt, als wollte sie ihm beim “Zustoppeln” der Böller mit einer in Eigenbau gefertigten Druckluft-Maschine helfen. Für die Richterin gab es dem Fotos nichts mehr hinzuzufügen.

Anschließend wurde einer der Abnehmer, ein Pyrotechnik-Händler und ehemaliger Polizist, befragt. Er bestritt eine Falschaussage und meinte, er sei von seinen ehemaligen Kollegen von der Kriminalpolizei nicht nach den Böllern gefragt worden. Die Aussage sorgte für Heiterkeit beim Schöffengericht – zumal er als ehemaliger Beamter sich ja auskenne, worum es bei solchen Befragungen gehe. Trotz eines abgehörten Telefonats, das ihn belastet, blieb er bei seiner Verantwortung: “Ich wollte niemanden begünstigen. Das hat mir viel Geld gekostet. Es war schlimm für die ganze Branche.” “Eure Umsatzeinbrüche interessieren da herinnen so sehr wie wenn in China ein Radl umfällt. Euch interessieren nur die Umsätze. Aber da sind zwei Menschen gestorben”, fuhr ihm die Richterin dazwischen.

Vor der Mittagspause wurde noch ein weiterer Angeklagter befragt. Der 24-Jährige gestand bei der Produktion von etwa 5.000 Böllern geholfen zu haben. Ausbildung habe er keine dafür. Damals besaß er noch einen Pyrotechnik-Ausweis für die Klasse F3. Zu dem sei er durch den 67-jährigen Angeklagten gekommen. Er habe den Pensionisten danach gefragt und der habe ihm einfach einen Zettel ausgedruckt. Mit dem ging er zur Bezirkshauptmannschaft und die hätten ihm danach den Ausweis geschickt. “Ich habe aber keine Ausbildung dafür gemacht. Ich war nur öfter bei ihm einkaufen. Er hat mich nur gefragt, ob ich mich ein bisserl auskenne”, schilderte der 24-Jährige. Laut dem Ausdruck soll er aber zumindest bei zehn Großfeuerwerken assistiert haben, was der Angeklagte aber sicher nicht getan hat, sagte er. Der Gerichtssachverständige erklärte, dass der 67-Jährige kein Lehrgangsträger sei und daher die ausgedruckte Bescheinigung keine Gültigkeit habe. Die Richterin zeigte sich überrascht, dass das von der Behörde nicht geprüft wurde.

Von: apa