Angeklagter behauptet Erinnerungslücken

Prozess um an Drogen gestorbene 19-Jährige gestartet

Dienstag, 25. Juli 2023 | 16:05 Uhr

Von: apa

Am Dienstag hat am Landesgericht der Prozess gegen einen im Tatzeitpunkt 17-Jährigen begonnen, der im Zuge einer Afterparty in Wien-Döbling den Zustand einer infolge von Suchtgift und psychotropen Substanzen wehrlosen 19-Jährigen ausgenutzt haben soll, um mit ihr den Beischlaf zu vollziehen. Als er am nächsten Tag feststellte, dass die junge Frau infolge einer Überdosis keine Lebenszeichen mehr von sich gab, soll er sie aus der Wohnung geschafft und abgelegt haben.

Die Anklage lautet auf sexuellen Missbrauch einer wehrlosen Person (§ 205 Absatz 1 StGB) und Imstichlassen einer Verletzten mit Todesfolge (§ 94 Absatz 2 StGB). Einen Tag nach seinem 18. Geburtstag bestritt der bisher unbescholtene junge Mann vor einem Schöffensenat (Vorsitz: Martina Hahn) beide Anklagepunkte. Vor dessen Befragung wurde die Öffentlichkeit auf Antrag der Verteidigung und mit dem Einverständnis des Staatsanwalts für die Dauer der Beschuldigteneinvernahme ausgeschlossen. Die vorsitzende Richterin verwies auf das “berechtigte Interesse des Angeklagten”, der im Tatzeitpunkt noch Jugendlicher gewesen sei.

Wie ein Polizeibeamter am Nachmittag als Zeuge schilderte, wurde die leblose junge Frau in der Nacht auf den 6. Dezember 2022 gegen Mitternacht in einer Wohnhaus-Anlage im Eingangsbereich unweit eines Stiegenaufgangs gefunden: “Sie ist halb im Stiegenhaus gelegen.” Die junge Frau war spärlich bekleidet, wobei die Kleidung teilweise verrutscht war, und hatte keine Schuhe an. Schon allein deshalb sei man von einem gewaltsamen Tod ausgegangen, erinnerte sich der Beamte.

Schleifspuren hätten zu einer Wohnung geführt, auf das Klopfen der Polizei hin habe der Angeklagte geöffnet: “Er hat gesagt, er hat damit nichts zu tun. Vom Gefühl her hat er aber etwas zu verbergen gehabt. Aber er war relativ cool. Er war zeitlich und örtlich orientiert.” Fast zeitgleich habe man erfahren, dass sich der Bruder des Angeklagten zwischenzeitlich an den Polizeinotruf gewandt und gemeldet hatte, in dessen Wohnung sei “etwas komisch”. Daraufhin habe man die Wohnung näher untersucht und einen Ausweis der Toten gefunden. Der damals 17-Jährige wurde wegen Mordverdachts festgenommen.

“Es ist ein sehr tragischer Tod im Drogen-Milieu, der den Angeklagten nicht kalt lässt. Er macht sich Tag und Nacht darüber Gedanken, was passiert ist bzw. passiert sein könnte”, hatte Markus A. Reinfeld, der Verfahrenshelfer des Angeklagten, eingangs der Verhandlung erklärt. Die “Schlussfolgerungen” der Staatsanwaltschaft seien nicht richtig. Was die inkriminierte sexuelle Handlung betrifft, “haben wir niemanden, der uns sagt, dass es nicht einvernehmlich gewesen sein könnte”. Sein Mandant könne sich aufgrund der damaligen Berauschung an nichts erinnern, außer ihm und der 19-Jährigen hätte sich zuletzt niemand mehr in der Wohnung befunden. Zum Vorwurf, der 18-Jährige habe nicht die Rettung gerufen, als er bemerkte, dass die 19-Jährige keine Lebenszeichen mehr zeigte, hielt Reinfeld fest: “Womöglich hat er es erst bemerkt, als sie schon tot war.” Den genauen Todeszeitpunkt kenne man ja nicht, man wisse nur, dass es “schon Stunden zu spät” gewesen sei, als die Rettung gerufen wurde. “Hätte er überhaupt bemerken können, dass sie Hilfe braucht? Hätte es überhaupt etwas gebracht”, fragte sich der Verfahrenshelfer unter Verweis auf den von erheblichem Suchtmittelkonsum beeinträchtigten Zustand des Angeklagten.

Dieser behauptet Erinnerungslücken, die laut Staatsanwalt Wolfram Bauer aber “medizinisch nicht nachvollziehbar” seien. “Das sind Schutzbehauptungen”, führte Bauer ins Treffen, wobei er sich diesbezüglich auf das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Peter Hofmann stützte. Während dessen Gutachtenerstattung wurde wiederum die Öffentlichkeit ausgeschlossen. “Er (der Angeklagten, Anm.) hat Erinnerungsfetzen”, hatte zuvor der Rechtsvertreter des 18-Jährigen erklärt, “das ist so, wenn man ständig konsumiert”.

Der Bursch hatte sich am ersten Dezember-Wochenende des Vorjahrs mit mehreren Freunden bzw. Bekannten in der Wohnung seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter zu einer ausgiebigen Party getroffen. Diese litt an Schizophrenie, ihr Sohn war seit dem dritten Lebensjahr in staatlicher Obsorge untergebracht. Mit zwölf kam er erstmals in Kontakt mit Drogen, eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann brach er ab. “Es war ein Kommen und Gehen”, berichtete der Staatsanwalt über die Party, bei der reichlich Alkohol und verbotene Substanzen im Spiel gewesen sein dürften. Am 4. Dezember – einem Sonntag – schaute ein DJ nach einem Set in Begleitung der 19-Jährigen vorbei, die der Angeklagte bis dahin nicht kannte. Sie dürfte sich auch von den Substanzen – vor allem Benzodiazepin-Tabletten – bedient haben, die der Angeklagte bereit gestellt haben soll. Laut dem Obduktionsgutachten dürfte die junge Frau schon im Vorfeld einiges konsumiert gehabt haben.

Fest steht, dass sie in der Wohnung irgendwann das Bewusstsein verlor bzw. einschlief, worauf der damals 17-Jährige sie laut Anklage missbraucht haben soll. Die Anklagebehörde stützt sich dabei auf ein DNA-Gutachten. Danach legte sich der Angeklagte schlafen.

Anstatt Hilfe zu holen und die Rettungskette in Gang zu setzen, soll der damals 17-Jährige am Ende des folgenden Tages die Regungslose aus der Wohnung geschafft und abgelegt haben – “in Panik”, wie ihm der Staatsanwalt zubilligte. Dort wurde sie gegen Mitternacht gefunden. Hausbewohner bemerkten die am Boden liegende junge Frau und alarmierten die Rettung. Obwohl die Rettungskräfte noch an Ort und Stelle mit einem Defibrillator-Einsatz um ihr Leben kämpften, kam für die 19-Jährige jede Hilfe zu spät.

Nach der Aussage des Angeklagten wurde die Öffentlichkeit wiederhergestellt und die Bekannten und Freunde des 18-Jährigen als Zeuginnen und Zeugen befragt, die bei ihm “aftern” waren, wie sich ein 19-Jähriger ausdrückte. Der Angeklagte sei “angsoff’n und beeinträchtigt” gewesen, “aber ich hab’ ihn schon in schlimmerem Zustand gesehen”. Der 19-Jährige betonte, der Angeklagte habe “hundertprozentig nicht” die ums Leben gekommene Frau in die Wohnung geholt. Diese Initiative sei von einem anderen Burschen ausgegangen: “Der wollte etwas mit ihr machen.” Unmittelbar bevor die 19-Jährige in die Wohnung kam, hatte der Zeuge diese bereits wieder verlassen.

Länger blieb ein 18-Jähriger. Die 19-Jährige sei “sehr zu” gewesen, als sie in der Wohnung erschien, habe nicht mehr gerade gehen können und gelallt: “Man konnte sich mit ihr nicht wirklich unterhalten.” Bis auf den Angeklagten, der am Sonntagvormittag “hyperaktiv” gewesen sei, “waren alle tot vom Fortgehen, müde, nicht mehr ansprechbar.” Der Angeklagte habe dagegen alkoholische Getränke gemixt (“Die Mischung war nicht sehr genüsslich”) und diese herumgereicht und zum Trinken aufgefordert. Die 19-Jährige habe sich schließlich mit ihrem damaligen Begleiter auf eine Decke gelegt und eine halbe Stunde oder Stunde geschlafen.

Bevor er die Wohnung verließ, habe man bei der 19-Jährigen noch den Puls gemessen, gab der 18 Jahre alte Zeuge zu Protokoll. Das sei insofern nicht ungewöhnlich gewesen, als man ja wissen müsse, “was mit jemandem ist, wenn er so zu ist. Sicher ist sicher”. Zu diesen Zeitpunkt sei dann auch der Angeklagte “extrem zu” gewesen – eine Folge der hochprozentigen Alkoholmischung. Da bei der 19-Jährigen noch der Puls zu spüren gewesen sei, “habe ich mir überhaupt keine Sorgen gemacht, als wir gegangen sind”.

Zwei für das Verfahren wesentliche Zeugen – ein Brüderpaar, einer davon der damalige Begleiter der 19-Jährigen – kamen ihrer Ladung nicht nach. Sie sollen bis September auf Urlaub sein, hieß es. Die Verhandlung ist auf zwei Tage anberaumt, der Prozess wird am 8. August fortgesetzt.