Ein Klient entging wegen der Tests dem Gefängnis

Psychotherapeut wegen falscher Drogen-Tests verurteilt

Donnerstag, 22. März 2018 | 16:17 Uhr

Dass man mit gefälschten Drogen-Tests dem Gefängnis entgehen kann, hat am Donnerstag ein Prozess am Wiener Landesgericht bewiesen. Ein Psychotherapeut wurde zu neun Monaten bedingt und einer Geldstrafe von 5.580 Euro verurteilt, weil er einem suchtgiftabhängigen Mann und einem verdeckten Ermittler gegen Entgelt monatlich bescheinigte, “clean” zu sein, ohne dass die zwei Harnproben abgeben mussten.

Um den betreffenden Verein, der seit 2006 auf Basis einer Rahmenvereinbarung mit dem Justizministerium therapeutische Maßnahmen anbietet und durchführt, gab es seit längerem Gerüchte. Man könne dort Drogen-Tests kaufen, munkelte man in gewöhnlich gut informierten Kreisen. Ein Behandlungsplatz bei dem Verein ist besonders bei Häftlingen begehrt, die nach dem Motto “Therapie statt Strafe” um einen Strafaufschub ansuchen, um ihre Drogenabhängigkeit stationär oder ambulant behandeln zu lassen. Schließlich wurde bei dem Verein ein verdeckter Ermittler eingeschleust, der den angeklagten Psychotherapeuten dann auch prompt überführte. So kam der Fall ins Rollen.

Nach dem bereits rechtskräftigen Urteil wegen Begünstigung, Geschenkannahme und Fälschung eines Beweismittels wird das Justizministerium den bestehenden Vertrag mit dem Verein überdenken. “Ob und welche Konsequenzen es geben wird, wird geprüft”, kündigte Ressortmediensprecherin Britta Tichy-Martin gegenüber der APA an. Für die therapeutische und medizinische Behandlung Suchtmittelabhängiger – darunter fallen auch die Kosten für das Maßnahmen-Paket “Therapie statt Strafe” – hat die Justiz 2016 8,41 Millionen Euro aufgewendet. Zahlen für das abgelaufene Jahr liegen noch nicht vor.

Ein heute 24 Jahre alter Mann war 2013 wegen mehrerer Delikte vom Wiener Landesgericht verurteilt worden. Statt seine Strafe in einer Vollzugsanstalt anzutreten, ließ er lieber seine Sucht behandeln. Wie er nun Richterin Elisabeth Reich schilderte, wusste er, “dass man bei dem Verein eine Scheintherapie machen kann”. Ein Kollege habe ihm das erzählt. Zwischen Juli 2014 und Mai 2015 ging er daher regelmäßig zum Angeklagten: “Ich hab’ gar nix besprochen. Ich musste keinen Harn abgeben.”

Obwohl er der Justiz versprochen hatte, den Drogen abzuschwören, hätte er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters wieder welche genommen, gestand der 24-Jährige. Die Justiz erfuhr davon nichts. Der Psychotherapeut bestätigte ihm nämlich Monat für Monat, dass der Mann “sauber” war. Dafür habe der Therapeut 150 Euro pro Sitzung verlangt, “die fünf Minuten gedauert hat”, offenbarte der Zeuge.

So viel Geld hatte der Süchtige allerdings nicht: “Ich hab’ ihm jedes Mal 100 Euro gegeben. Mehr kann ich mir nicht leisten.” Für einen positiven Abschlussbefund – ein solcher ist erforderlich, damit die aufgeschobene Strafe endgültig in eine bedingte mit Probezeit umgewandelt wird – hätte der Angeklagte dann 500 Euro verlangt. Er habe sich das Geld von seiner Mutter ausgeborgt und davon dem Therapeuten im Februar 2015 den Großteil – 300 Euro – übergeben, berichtete der Zeuge.

Der Angeklagte bestritt entschieden, von dem Mann Geld genommen zu haben, was ihm die Richterin nicht abnahm. Der Zeuge sei “glaubwürdig”, stellte sie in der Urteilsbegründung klar. Der Therapeut hatte überdies behauptet, seine monatlichen Berichte ans Gericht wären inhaltlich nicht wirklich unrichtig gewesen: “Es geht um einen Therapieprozess. Da können auch Rückfälle stattfinden.” Er müsse daher nicht jeden Harnbefund mit einem Drogennachweis erwähnen: “Manchmal würde man es schreiben, manchmal nehme ich die Schablone und schaue es mir noch an.”

Die Richterin konfrontierte den Angeklagten mit Passagen aus seinen Berichten an die Justiz. Der Patient halte sich “vorbildhaft an die Auflagen”, sei auf einem “guten, ernsthaften Weg”, seine Drogen- und Harntests würden “durchgehend negative Harnbefunde” aufweisen, hieß es dort. “Sie haben gelogen”, bemerkte die Richterin zusammenfassend.

Der verdeckte Ermittler trat im April 2015 an den Verein heran und gab gegenüber dem Angeklagten vor, er sei unter Kokaineinfluss in eine Verkehrskontrolle geraten und benötige nun eine Bescheinigung fürs Verkehrsamt, dass er nicht süchtig sei, um nicht seinen Führerschein zu verlieren. Der Psychotherapeut reagierte darauf mit den Worten “Auf den Harntest für die Behörde scheiße ich”, wie am Ende sogar der Angeklagte zugab, nachdem er zunächst noch der Richterin weismachen wollte, der Agent Provocateur hätte ihn “zur Ausstellung eines negativen Harntests eingeladen” und er hätte sich aufgrund eines “Freundschaftsdienstes” bloß dazu hinreißen lassen.

Der Ermittler suchte monatlich die Räumlichkeiten des Vereins auf, bezahlte 200 Euro und bekam dafür ohne weiteres einen Befund, dass er “sauber” sei. Auf die Frage, warum er sich auf das eingelassen habe, verwies der Angeklagte auf seinen angeschlagenen Gesundheitszustand: “Es ging mir nicht ums Geld. Ich wollte ihn einfach loswerden. Ich wollte meine Ruhe haben.” Er hätte sich Anfang 2015 “in einem Ausnahmezustand befunden”. Er sei 35 Jahre in der Suchttherapie tätig gewesen: “Das hat natürlich abgefärbt. Ich schlitterte in ein Burn Out. Ich habe bemerkt, ich konnte mit dem Klientel nicht mehr arbeiten. Ich war fertig.”

Selbst als der Therapeut im Urlaub in Griechenland war, um sich seelisch aufzurichten, erhielt und bezahlte der Ermittler für die falschen Befunde. Diese stellten ihm – jeweils einmalig – der aktuelle Geschäftsführer des Vereins sowie ein jüngerer Mitarbeiter aus. Die dafür lukrierten 400 Euro wurden dem Angeklagten nach dessen Rückkehr übergeben.

Er habe seinem Vorgänger “einen Gefallen tun wollen” und sich “nichts dabei gedacht”, obschon er “ein mulmiges Gefühl hatte”, sagte der nunmehrige Geschäftsführer im Zeugenstand. Er sei nach dem Motto “Augen zu und durch” vorgegangen: “Es war nachlässig von mir.” Weil ihm und dem jüngeren Mitarbeiter nicht nachzuweisen war, dass sie mehr als ein Mal ohne Harnprobe einen negativen Harn-Test ausgestellt hatten, wurden ihre Verfahren von der Staatsanwaltschaft diversionell erledigt. Ihnen blieb eine Hauptverhandlung und damit eine allfällige Vorstrafe erspart.

Der Wiederholungstäter hatte nach Bekanntwerden der gegen ihn gerichteten Vorwürfe – der verdeckte Ermittler fasste seine Erkenntnisse im Sommer 2015 in einem Bericht an die Strafverfolgungsbehörden zusammen – sein Anstellungsverhältnis bei dem Verein verloren. Er ist mittlerweile nicht mehr in der Suchttherapie tätig. Offen ist, ob ihm seine Berufsberechtigung entzogen wird.

Von: apa