Heftige Ausschreitungen auch in der Stadt Eindhoven

Schock in den Niederlanden nach Corona-Krawallen

Montag, 25. Januar 2021 | 13:35 Uhr

Am Tag nach den schweren Krawallen von Gegnern der Corona-Maßnahmen in den Niederlanden bieten viele Städte ein Bild der Verwüstung. Straßen und Plätze waren übersät mit Glasscherben, ausgebrannten Autos und Steinen. Ministerpräsident Mark Rutte verurteilte die Gewalt scharf. “Das ist absolut unzulässig, das hat nichts zu tun mit Protesten, sondern ist kriminelle Gewalt”, sagte Rutte am Montag in Den Haag. Die Polizei erwartete weitere Unruhen in den kommenden Tagen.

Der rechtskonservative Politiker Rutte verteidigte die nächtliche Ausgangssperre, an der sich die Proteste entzündet hatten, als notwendige Maßnahme im Kampf gegen das Coronavirus. In mehr als zehn Städten im Land waren am späten Sonntagabend Proteste eskaliert. Polizisten waren mit Feuerwerk und Steinen von den Randalierern angegriffen worden, in einem Fall auch mit einem Messer. Autos wurden in Brand gesteckt, Gebäude beschädigt und Geschäfte geplündert, eine Corona-Teststation wurde niedergebrannt.

Mehr als 130 Menschen seien festgenommen worden, teilte die Polizei am Montag mit. Sie sprach von den schlimmsten Krawallen in 40 Jahren und rechnete mit weiteren Unruhen in den kommenden Tagen. Polizeichef Willem Woelen sagte laut der Zeitung “de Volkskrant”, es gebe “Gewalt von einer Intensität, die wir seit Jahren nicht mehr gesehen haben”. In den kommenden Tagen würden zusätzliche Sicherheitskräfte abgestellt, um die Sicherheitsmaßnahmen verstärken zu können.

Über die sozialen Netzwerke war zu Protesten gegen die Ausgangssperre aufgerufen worden. Die Polizei geht in ersten Analysen davon aus, dass unterschiedliche Gruppierungen sich an der Gewalt beteilig hatten. Dazu gehörten Corona-Leugner, Fußball-Hooligans und Neo-Nazis. Am Samstagabend war erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie eine Ausgangssperre in Kraft getreten.

Die Ausschreitungen hatten am Sonntagnachmittag in Amsterdam und Eindhoven begonnen. Demonstranten hatten Polizisten mit Feuerwerk und Steinen angegriffen. Mit Wasserwerfern und Tränengas hatte die Polizei zuvor verbotene Demonstrationen aufgelöst. In Amsterdam zog die Polizei einen Schutzriegel um die Residenz von Bürgermeisterin Femke Halsema, wie der Lokalsender AT5 berichtete.

Am Abend kurz vor Beginn der Ausgangssperre um 21 Uhr hatten sich die Unruhen dann auf andere Städte im ganzen Land ausgeweitet. Erst gegen Mitternacht hatte die Polizei die Lage unter Kontrolle.

Polizisten wurden mit Steinen und Feuerwerk angegriffen. Autos wurden in Brand gesteckt, Gebäude demoliert. In Enschede wurde ein Krankenhaus mit Steinen beworfen – große Schäden blieben aus, wie das Krankenhaus mitteilte. Auch Journalisten wurden angegriffen. Die Polizei nahm eine unbekannte Anzahl Personen fest. Große Unruhen wurden unter anderem aus Tilburg, Stein, Roermond, Den Haag, Eindhoven und Apeldoorn gemeldet.

Bei Protesten am Samstagabend war bereits ein Corona-Testzentrum in der nördlichen Ortschaft Urk in Brand gesteckt worden. Gesundheitsminister Hugo de Jonge sagte, damit hätten die Brandstifter “alle Grenzen” überschritten.

Besonders heftig waren die Krawalle in Eindhoven, im Osten des Landes. Der Bahnhof wurde demoliert, Läden geplündert. Die Polizei trieb die Menge mit Hilfe von Tränengas auseinander. Die niederländische Bahngesellschaft NS rief Reisende auf, den Eindhovener Hauptbahnhof zu meiden. Der Zugverkehr wurde kurzzeitig unterbrochen.

“Hooligans kamen aus allen Ecken des Landes, sie hatten sich über die sozialen Medien verabredet”, sagte der Bürgermeister von Eindhoven, John Jorritsma. “Wenn man auf diese Weise das Land in Brand steckt, dann ähnelt das einem Bürgerkrieg.”

Das Ausgangsverbot zwischen 21.00 Uhr und 04.30 Uhr war am Samstag in Kraft getreten. Verstöße werden mit einem Bußgeld von 95 Euro geahndet. Es ist die erste Ausgangssperre in dem EU-Land seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie soll zunächst bis zum 9. Februar in Kraft bleiben. Das Parlament hatte die Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus mit knapper Mehrheit genehmigt. Zwar war die Zahl der neuen Positiv-Tests in den Niederlanden zuletzt rückläufig. Sorgen bereitet aber die Mutation des Virus, die erstmals in England aufgetaucht war. Insgesamt haben die Niederlande bisher 944.000 Positiv-Tests verzeichnet. 13.540 Menschen starben, die positiv getestet wurden.

In Dänemark wurden am Wochenende drei Männer festgenommen, die bei Protesten gegen die Corona-Maßnahmen eine Puppe verbrannt haben sollen, die Ministerpräsidentin Mette Frederiksen darstellen sollte. Den Verdächtigen im Alter zwischen 30 und 34 Jahren werden nach Angaben der Polizei ein “Angriff auf die Regierung” und Gewaltandrohung angelastet. Mehrere hundert Menschen hatten am Samstagabend in Kopenhagen gegen die derzeitigen Lockdown-Maßnahmen demonstriert. Sie riefen “Freiheit für Dänemark, wir haben genug!”. Trotz der wütenden Sprechchöre verlief die Demonstration überwiegend friedlich.

Auch in Israel kam es am Sonntagabend zu Ausschreitungen bei Protesten gegen die Corona-Regeln. Betroffen war vor allem die von Strengreligiösen bewohnte Stadt Bnei Brak. Dort setzten Randalierer einen Bus in Brand und versuchten, ein Gebäude der Feuerwehr zu stürmen. Die Polizei setzte Medienberichten zufolge Blendgranaten gegen die Randalierer ein. Viele Strengreligiöse befolgen die Regeln zur Pandemie-Bekämpfung nicht.

Von: APA/dpa/Reuters/AFP