Der lockere Umgang mit der Krankheit begünstigt ihre Ausbreitung

Selbstgefälligkeit bedroht Erfolg von Anti-Aids-Maßnahmen

Freitag, 20. Juli 2018 | 01:00 Uhr

Die wirksame antiretrovirale Therapie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten geholfen, HIV/Aids weltweit zurückzudrängen. Doch es besteht die Gefahr, dass das Ziel, die Immunschwäche-Pandemie bis 2030 zu besiegen, nicht erreicht wird. Mehr und andere Anstrengungen sind dazu notwendig, mahnten 40 Experten im Vorfeld der Internationalen Aids-Konferenz (23. bis 27. Juli) in Amsterdam.

2020 sollen 90 Prozent der von HIV-Betroffenen über ihre Infektion Bescheid wissen, 90 Prozent davon in Behandlung sein und bei wiederum 90 Prozent das Virus im Blut durch die Unterdrückung der Virus-Vermehrung nicht mehr nachweisbar sein. Das ist das Ziel von UNAIDS im Rahmen des “90-90-90”-Programms zur Beendung der Pandemie. Doch die Fachleute unter Führung der Internationalen Aids-Gesellschaft schrieben in der britischen Medizinfachzeitschrift “The Lancet”: “Die HIV-Pandemie ist nicht auf Kurs, wenn es um deren Ende bis zum Jahr 2030 geht. Die aktuellen Strategien, die Verbreitung von HIV unter Kontrolle zu bekommen, reichen nicht aus (…).”

HIV/Aids sei weiterhin eine Epidemie mit 38,5 Millionen Infizierten (2015/2016) weltweit. 2015 seien allein zwei Millionen Neudiagnosen gestellt worden. Im Jahr darauf starben noch immer rund eine Million Menschen an Aids. Seit Beginn des Seuchenzuges in den 1980er-Jahren wurden rund 35 Millionen Opfer registriert.

Laut den Fachleuten hat sich die Situation so geändert, dass die Anti-Aids-Strategie angepasst werden muss. “Weltweit entfallen 44 Prozent der HIV-Infektionen auf gesellschaftlich marginalisierte Gruppen (homosexuelle und bisexuelle Männer, Personen, die Drogen injizieren, Sexarbeiter, Transgender und die Sexualpartner von Angehörigen dieser Gruppen). Das Gesundheitssystem kommt nicht gut an diese Personen heran”, hieß es in einer Aussendung des “Lancet”. Hinzu komme, dass die Gesundheitssysteme vieler Länder nicht auf die Betreuung von Jugendlichen ausgerichtet seien. Im südlichen Afrika hätten beispielsweise 15- bis 24-jährige Frauen das größte HIV-Infektionsrisiko. Unter ihnen sei Aids die vierthäufigste Todesursache.

“Die Zahl der Neuinfektionen geht zwar zurück, aber viel zu langsam, um das UNAIDS-Ziel von nur noch 500.000 Neuinfektionen im Jahr 2020 zu erreichen. Von 2010 bis 2017 reduzierte sich die Zahl der Neuinfektionen um 16 Prozent auf 1,8 Millionen pro Jahr, blieb aber deutlich höher bei den jungen Frauen als bei den jungen Männern”, stellten die Fachleute fest. Das könnte leicht erneut zur vermehrten Übertragung der Immunschwächekrankheit führen. Statt anzusteigen seien die aufgebrachten Finanzmittel mit jährlich rund 19,1 Mrd. US-Dollar (16,30 Mrd. Euro) in den vergangenen Jahren gleich geblieben. Das wären um jährlich rund sieben Milliarden Dollar (5,97 Mrd. Euro) zu wenig. Die Zahl von derzeit rund 21 Millionen mit den notwendigen Medikamenten versorgten Patienten müsse weiter steigen (im Jahr 2000 waren es weltweit erst rund 680.000 gewesen).

Wahrscheinlich müssen laut den Fachleuten in Zukunft von Land zu Land unterschiedliche Strategien gegen HIV/Aids umgesetzt werden. Würde man beispielsweise in einem Land wie Kenia mit 1,6 Millionen HIV-Infizierten im kommenden Jahrzehnt jedes Jahr zehn Prozent der Bevölkerung in einem Kombi-Programm auf HIV, erhöhten Blutdruck und Diabetes testen und könnte man danach die Behandlungsrate gegen HIV bis 2028 auf 78 Prozent steigern, ließen sich 216.000 Neuinfektionen und 244.000 Aids-Todesfälle verhindern. In einem Land wie Russland wiederum könnte die HIV/Aids-Epidemie unter den intravenös Drogen konsumierenden Suchtkranken durch die Bereitstellung der antiretroviral wirkenden Medikamente und durch Nadeltauschprogramme um die Hälfte gesenkt werden. An oberster Stelle müsse überall sein, dass die HIV/Aids-Maßnahmen direkt in das gesamte Gesundheitswesen eines Landes eingebaut und intensiviert werden.

Von: apa

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