Kritik aus der Politik an den Tests reißt nicht ab

Volkswagen will Tierversuche für die Zukunft ausschließen

Dienstag, 30. Januar 2018 | 18:18 Uhr

Nach der massiven Kritik an umstrittenen Diesel-Abgastests mit Affen will Volkswagen (VW) künftig auf Tierversuche verzichten. “Wir wollen Tierversuche für die Zukunft absolut ausschließen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert”, sagte der VW-Generalbevollmächtigte Thomas Steg der “Bild”-Zeitung. Steg betrifft auch die erste personelle Konsequenz: VW gab seine Beurlaubung bekannt.

Steg werde bis zur vollständigen Aufklärung der Vorgänge von seinen Aufgaben entbunden. “Wir sind dabei, die Arbeit der 2017 aufgelösten EUGT genau zu untersuchen und alle nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen”, sagte Konzernchef Matthias Müller. “Herr Steg hat erklärt, die volle Verantwortung zu übernehmen. Dies respektiere ich.”

Der Autobauer lasse prüfen, was nach den Versuchen mit den Affen geschehen sei, in welchem Zustand sie übergeben wurden und wie es ihnen heute gehe, sagte Steg zuvor. Auch Müller hatte die Versuche als inakzeptabel bezeichnet. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh forderte erneut vom Vorstand vollständige Aufklärung und personelle Konsequenzen – ohne Ansehen von Personen.

Osterloh kritisierte am Rande der Verhandlungen zum VW-Haustarif in Hannover: “Anscheinend ist einigen bei Volkswagen der ethische und moralische Kompass abhandengekommen.” Er machte klar, dass die Beschäftigten von Volkswagen Versuche mit Menschen und Tieren rundheraus ablehnen: “Hier sind die Grenzen von anständigem und integrem Verhalten eindeutig überschritten worden.” Er werde sich auf der Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums in der kommenden Woche “hier eindeutig und unmissverständlich positionieren”.

Die Abgasversuche sind unterdessen auf breite Ablehnung gestoßen. Die EU-Kommission zeigte sich “schockiert”. Die Kommission nehme zur Kenntnis, dass die deutschen Behörden diese nun untersuchen würden. Die Abgastests seien eine Angelegenheit für nationale Behörden, betonte ein Sprecher der Kommission in Brüssel.

Auch die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks kritisierte die Tests scharf: Die Versuche seien verantwortungslos, sagte Hendricks in Brüssel. “Es ist immer wieder verwunderlich, dass es in der Autoindustrie einzelne oder mehrere Firmen gibt, die sich der Verantwortung ihres Handelns nicht bewusst sind.” Der deutsche Justizminister Heiko Maas sagte der “Passauer Neuen Presse”: “Was da berichtet wird, ist einfach schockierend. Wer solche Tests in Auftrag gibt, scheint jeglichen Maßstab verloren zu haben.”

In den Niederlanden wird die Wirkung von Abgasen bereits seit Jahren an Menschen und Tieren getestet. Anders als in Deutschland würden Testpersonen dort aber nicht konzentrierten Dieselgasen ausgesetzt, sagte die Staatssekretärin für Umweltfragen, Stientje van Veldhoven, am Dienstag in Den Haag. Das Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt (RIVM) teste verschiedene Arten von Straßenluft auf die Gesundheit. “Wir untersuchen den Effekt der Luft, die Menschen einatmen auf dem Fahrrad, beim Einkaufen oder Laufen”, sagte die Staatssekretärin. Die Versuche stünden unter strenger Kontrolle einer medizinisch-ethischen Kommission. Sie seien für die Testpersonen nicht gefährlich.

Beim RIVM hatte es von 2006 bis 2012 mehrere Untersuchungen zu Dieselabgasen gegeben. Dabei seien verdünnte Abgase eines Dieselmotors benutzt worden, bestätigte auch der Toxikologe Paul Born im niederländischen Fernsehen. “Ich habe das selbst auch gemacht für das RIVM. Manchmal mit Mäusen und Ratten – und ja, manchmal auch mit Menschen.” Die Tests waren nach den Worten des Wissenschafters nötig, um die Wirkung auf das Gehirn zu beweisen.

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates sorgte sich inzwischen um den Imageschaden für die seriöse Forschungsarbeit. “Dass die Forschung durch die Autoindustrie gesponsert worden ist, kann auch das Vertrauen in die Forschung untergraben”, sagte Peter Dabrock dem Sender hr-info. Die Aufregung um eine Schadstoffstudie des Aachener Universitätsklinikums hänge damit zusammen, “dass die Forschung ausgerechnet von jemandem gesponsert worden ist, der größter Profiteur dieser Forschung sein kann – das hat ein Geschmäckle.”

Das führe zu der Frage, wie die Forschungsförderung in Deutschland generell geregelt werden sollte. “Die Autoindustrie macht ein ums andere Mal Vertrauen kaputt”, kritisierte der Ethik-Professor der Universität Erlangen.

Die Vorsitzende der beim Wiener Bundeskanzleramt angesiedelten Bioethikkommission, Christiane Druml, wünscht sich angesichts der durch die deutsche Autoindustrie finanzierten Diesel-Abgastests an Menschen und Affen eine Orientierung an den Standards der medizinischen Forschung. Die aktuellen Schlagzeilen brächten leider einen Imageschaden für die Forschung mit sich, sagte Druml zur APA.

Geht es um medizinische Fragestellungen, gebe es nahezu weltweit hohe Standards “mit transparenten, vernünftigen, ethisch begründeten Regelungen” für die Durchführung von wissenschaftlichen Studien, sagte Druml. “Weniger geregelt” seien die zahlreichen Bereiche, die nicht im engeren Sinne in den Bereich der Medizin fallen, “aber letztlich die körperliche Integrität der Versuchspersonen betreffen”. Dass die Untersuchungen in Deutschland jetzt so hohe Wellen schlagen, sei “mehr oder weniger ein Schlag ins Gesicht” für das Ansehen der Wissenschaft.

Von: APA/dpa