Ski-Internat deckte angeblich Täter

Vorwürfe gegen Skihauptschule Neustift: Pädagoge suspendiert

Montag, 04. Dezember 2017 | 20:24 Uhr

In der Debatte über Missbrauch im österreichischen Sport haben nun ehemalige Schüler und die Mutter eines Betroffenen in der Tageszeitung “Der Standard” berichtet, dass die Taten in der damaligen Skihauptschule Neustift in den 70er-Jahren keine Einzelfälle und der Schulleitung bekannt waren. Der Täter sei sogar gedeckt worden und blieb im Schuldienst, lautet der Vorwurf.

Der Heimleiter war demnach offenbar ein Pädophiler. “Das war ein Mordstheater an der Schule. Alle wussten es damals”, erzählte die Mutter eines ehemaligen Schülers dem Standard. Er kam offenbar jede Woche zu den Buben ins Bett. Ihr Sohn habe sie jedoch angefleht, nichts zu unternehmen, um seinen Traum von der Karriere als Skifahrer nicht zu gefährden.

Laut einem Protokoll einer Sitzung des TSV war die Absetzung des Heimleiters schon 1976 Thema in den höchsten Gremien des Verbandes. Doch erst 1979 wurde er offenbar abgesetzt, da sich die Schule im Herbst nach einem neuen Heimleiter umsehen musste, wie der TSV bereits vergangene Woche bekannt gegeben hatte. Warum der Mann noch drei weitere Jahre im Schuldienst verbleiben konnte und wohin er nach 1979 ging, sei noch unklar.

Der Tiroler Skiverband (TSV) nahm indes die Trainer und Lehrer der Schule in Schutz. “Trainer und Lehrer haben nichts mitbekommen”, sagte TSV-Präsident Werner Margreiter am Montag im Gespräch mit der APA. “Die Skihauptschule war eine ganz normale Schule. Der Skiverband stand zwar in enger Verbindung damit, hat aber eigentlich nur das Training übernommen”, erklärte Margreiter. Der Heimleiter selbst sei seines Wissens nach lediglich dem Direktor unterstanden. Die damaligen Zuständigkeiten müssten aber erst eruiert werden, fügte er hinzu.

Aus Sitzungsprotokollen, die man mittlerweile gesichtet habe, gehe hervor, dass das Heimleiter-Ehepaar im Herbst 1976 kurz vor Schulbeginn gekündigt hatte, meinte Margreiter. Warum es zu der Kündigung kam, gehe aus den Protokollen aber nicht hervor. Auch, dass der Heimleiter danach noch weitere drei Jahre bis 1979 im Schuldienst verblieben sein soll, konnte Margreiter nicht bestätigen.

Der ehemalige Direktor der Schule hat sich indes zu Wort gemeldet. Dieser habe schriftlich gegenüber dem jetzigen Direktor der Schule angegeben, von den Vorfällen damals nichts gewusst zu haben, berichtete die “Tiroler Tageszeitung” in ihrer Online-Ausgabe.

Der Mann stand der Schule von 1969 bis 1981 vor. Zudem müsse man laut dem ehemaligen Direktor richtig stellen, dass das Internat in seiner Zeit nichts mit der Schule zu tun gehabt hätte, sagte der jetzige Direktor, Thomas Wirth, der “TT”. Zu den Schilderungen von Betroffenen wollte der ehemalige Direktor nichts sagen. Der Pädagoge gab laut dem Bericht zudem deutlich zu verstehen, dass er in Ruhe gelassen werden möchte.

Der Ex-Heimleiter der Skihauptschule Neustift lebt laut “Standard” nun in Vorarlberg. Er sei mehr als verwundert über die Anschuldigungen gegen ihn, denn die Vorwürfe stimmten allesamt nicht. “Das sind alles Vorverurteilungen”, sagte der Mann auf Anfrage.

Wenn man ihm Nähe zu Schülern unterstelle, dann müsse man die damaligen räumlichen Verhältnisse im Neustifter Internat – “da könnte man ewig lang darüber reden” – kennen: ein altes Bauernhaus, ein einziges Bad mit einem Boiler für 15 Schüler. Die Heimleiterwohnung sei keine Wohnung, sondern nur ein Zimmer gewesen. “Da Nähe interpretieren? Das kann man machen oder auch nicht.” Auf die Frage, ob er sich Schülern sexuell genähert habe, antwortete der Mann: “Dazu sage ich nichts.”

Als Heimleiter sei er 1976 von sich aus gegangen. “Weil ich nach sieben Jahren Arbeit rund um die Uhr genug hatte. Ich hab mir eine Wohnung in Zirl gekauft und bin dorthin gezogen”, zitiert das Medium den Befragten. Vier Punkte hätte er zu den Schilderungen der Skirennläuferin Nicola Werdenigg, die mit ihrer Aussage den Fall ins Rollen gebracht hat, klarzustellen:

“Erstens: Es hat kein Aufnahmeritual gegeben. Zweitens: Ich habe Schülern nie Alkohol verabreicht. Drittens: Schüler waren nie in meinem Zimmer, um in der Gruppe zu onanieren. Viertens: Es hat keinen Zwang gegeben, weder zum Essen noch zu sonst etwas.” Vollkommener Nonsens sei die Aussage, er habe im Biologieunterricht gesagt, Mädchen sollten öfter die Wäsche wechseln.

Ein ehemaliger Schüler widersprach dem aber und bestätigte die bisherigen Schilderungen: “Dass sich der Heimleiter an Schülern vergeht, war allgemein bekannt. Es ist überhaupt nicht vorstellbar, dass die Lehrer das nicht wussten. Er wurde gedeckt. Er hat jede Situation genützt, um Kinder zu massieren und unpassend zu berühren. Beim ersten Mal war es schwierig zu deuten. Beim fünften, sechsten Mal konnte man es begreifen. Ich habe es immer vermieden, mit ihm alleine zu sein.”

Ein ehemaliger Lehrer wiederum beschreibt die Zustände in Neustift in den 1970er-Jahren als “großes Provisorium”. In der 1969 als Schulversuch gegründeten Einrichtung wurde “alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet”. Der Heimleiter sei zu Schulbeginn 1976 plötzlich nicht mehr da gewesen. Dass es gegen den Mann Missbrauchsvorwürfe gegeben habe, sei ihm damals nicht bewusst gewesen, sagte der Lehrer.

Erst nachdem P. 1979 endgültig die Schule verlassen habe, seien derartige Gerüchte aufgekommen. “Doch niemand fühlte sich zuständig, eine Anzeige zu erstatten.” Er mache sich Gedanken, ob er es nicht hätte sehen müssen. Der Heimleiter, an der Skihauptschule Neustift auch als Lehrer tätig, unterrichtete später an der Pädagogischen Akademie in Feldkirch, wechselte damit vom Landes- in den Bundesdienst.

Prinzipiell sei es nach Missbrauchsfällen bei Bundesschullehrern ausgeschlossen, dass sie in einem anderen Bundesland wieder als Lehrer aufgenommen werden, hieß es auf Anfrage des “Standard” aus dem Ministerium. Bei Pflichtschullehrern entscheiden die Länder. Das Ministerium hatte bisher keinen Einblick, welche Pflichtschullehrerinnen und -lehrer in welchem Bundesland unterrichten. Mit der Einführung der Bildungsdirektionen ändere sich das.

Am Dienstag wird sich der Tiroler Skiverband in einer Sitzung mit der Causa beschäftigen. Auch die Vorstandsmitglieder der Skihauptschule Neustift sollen im Landhaus beraten.

Das Land Tirol zog indes erste Konsequenzen. Ein in den 1990er-Jahren an der Skihauptschule im Schul- und Trainingsbereich tätiger Pädagoge wurde nach einer Prüfung vorläufig suspendiert, teilte das Land am Montagabend mit. Dem Pädagogen wird vorgeworfen, anzügliche Gespräche mit Schülern und Schülerinnen geführt zu haben und sie im Zuge von Massagen und Sicherungsarbeiten im Training und Sportunterricht “unpassend berührt” zu haben.

“Wir unternehmen alle möglichen Anstrengungen, um erhobene Vorwürfe lückenlos aufzuklären und Konsequenzen zu ziehen”, erklärte Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP). Bis zur Klärung der strafrechtlichen und disziplinärrechtlichen Verantwortung bleibe der betroffenen Pädagoge vorläufig suspendiert. Die Bildungsabteilung des Landes Tirol und der Landesschulrat haben in den vergangenen Tagen Akten von den 1970er-Jahren bis heute durchforstet. Dabei sei man auf den nunmehrigen Fall gestoßen, hieß es.

Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg, die die Debatte ins Rollen gebracht hatte, sagte indes gegenüber der “Tiroler Tageszeitung”, dass sich bei ihr inzwischen 40 bis 50 Leute gemeldet hätten. Dabei sei es nicht mehr um Kleinigkeiten gegangen, meinte sie, Details wollte sie jedoch nicht bekannt geben. Auf APA-Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft haben sich bis Montagvormittag keine weiteren Personen bei der Anklagebehörde gemeldet.

Werdenigg geht auch davon aus, dass mehrere Sportarten von der Debatte betroffen sein werden. “Es kann in sehr vielen Sportarten noch etwas kommen. Es ist ganz gut, dass es nicht nur auf den Skisport alleine beschränkt ist”, sagte sie in der ORF-Sendung “Bundesland Heute” (Tirol). Mit der Sportart habe das nichts zu tun. “Das ist in Verbänden und Vereinen, das liegt im Sportsystem, im Training, in den Aufbau-Strukturen”, so Werdenigg.

Am Dienstag wird sie nun am Landeskriminalamt Tirol aussagen. “Ich vertraue darauf, dass man das von rechtsstaatlicher Seite sehr gut lösen wird”, erklärte die Olympia-Vierte in der Abfahrt 1976 in Innsbruck dazu.

Von: apa

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1 Kommentar auf "Vorwürfe gegen Skihauptschule Neustift: Pädagoge suspendiert"


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Tabernakel
11 Tage 15 h

Feine Nachbarn. Den Pass können die behalten.

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