Landesrat Schnabl kündigte eine Prüfung an

Vorwürfe gegen weitere NÖ Kinder- und Jugendwohneinrichtung

Samstag, 09. Dezember 2017 | 15:48 Uhr

Rund um angebliche Missstände in einer Kinder- und Jugendwohneinrichtung in Niederösterreich berichtete “profil” am Samstag in einer Vorab-Aussendung, dass es in einer Wohngemeinschaft im Bezirk Krems-Land zu “Selbstmord-Versuchen, Sexualdelikten, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und Diebstählen” gekommen sei. Jeder Vorwurf werde geprüft, so Landesrat Franz Schnabl (SPÖ) auf APA-Anfrage.

Das Nachrichtenmagazin berief sich auf ein ihm vorliegendes Schreiben des örtlichen Polizeiinspektors an die Bezirkshauptmannschaft Krems. 2016 habe die Polizei 33 Mal in das Heim mit sechs Kindern und Jugendlichen ausrücken müssen. Der Träger, Therapeutische Gemeinschaften (TG), wollte laut “profil”-Aussendung auf die 33 polizeilichen Maßnahmen aus “datenschutzrechtlichen Gründen” nicht näher eingehen.

Der Träger erklärte: “Aufgrund einer datenschutzrechtlichen Vereinbarung in den Verträgen mit dem Land NÖ dürfen wir weder eine Anzahl von Delikten bestätigen noch zu den Delikten selber eine Stellungnahme abgeben.”

Bisher hatten Jugendliche und ehemalige TG-Mitarbeiter öffentlich von Erniedrigungen durch Betreuer berichtet. Alle angeblichen Missstände sollen von einer vor wenigen Tagen eingerichteten Sonderkommission untersucht werden. “Egal welche Vorwürfe im Raum stehen, jedem einzelnen wird mit 100 Prozent Akribie und Gewissenhaftigkeit nachgegangen”, erklärte Landesrat Schnabl am Samstag auf Anfrage. Jeder einzelne Missstand werde abgestellt und verfolgt werden. Ein Zwischenbericht der Sonderkommission soll laut Schnabl voraussichtlich am 18. Dezember präsentiert werden.

Schnabl verwies auch auf die neu eingerichtete Hotline für Beschwerden im Zusammenhang mit privaten Einrichtungen der vollen Erziehung der Kinder- und Jugendhilfe. Diese ist seit Donnerstag unter der Nummer 0800-100-353 werktags von 8.00 bis 17.00 Uhr erreichbar.

Die in den Einrichtungen der TG untergebrachten Kinder und Jugendlichen seien “schwerst traumatisiert und in psychischen Ausnahmezuständen teils unberechenbar. In diesen psychischen Ausnahmezuständen können auch Delikte nach dem Strafgesetzbuch vorkommen, welche der anwesenden Polizei gemeldet werden”, teilten Hermann Radler, Geschäftsführer und Gründer der TG, und Stefan Bauer, stellvertretender Geschäftsführer und Personalleiter, in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Abgängigkeitsmeldungen müssten etwa bei akuter Selbst- und Fremdgefährdung gemacht werden. “Wenn das Kind bzw. der Jugendliche beispielsweise in einer psychischen Ausnahmesituation davonläuft, wird umgehend die Polizei alarmiert, welche danach eine umgehende Fahndung auslösen wird”, hieß es. Sollte das Kind oder der Jugendliche nicht zum vereinbarten Zeitpunkt erscheinen und auch nicht erreichbar sein, werde dies ebenso der Polizei mitgeteilt.

Laut “profil” soll sich zudem ein hochrangiger Ex-Mitarbeiter der TG im Spätsommer 2016 mit einem E-Mail an eine Beamtin der zuständigen Abteilung des Landes Niederösterreich gewandt haben und von seiner Kündigung bei der TG berichtet haben: “Ich konnte für mich die Reißleine ziehen, lasse aber Kinder und einen Berg an ungelösten Problemen und nicht korrekten Vorgängen zurück”, schrieb er laut Aussendung in dem E-Mail. Der Mann wollte demnach seine Beobachtungen der Kinder- und Jugendaufsicht persönlich vorbringen. Die Beamtin soll geantwortet haben, sie könne ihm “leider keinen Gesprächstermin anbieten”.

In der Wohngemeinschaft im Bezirk Krems-Land sind sechs Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren untergebracht. Diese haben laut TG durchschnittlich bereits sechs bis sieben Einrichtungen durchlaufen – etwa Psychiatrie, andere Angebote der Kinder- und Jugendhilfe oder Pflegefamilien. “Wenn sich ein Jugendlicher beispielsweise in einem psychischen Ausnahmezustand befindet, und dieser weder mit pädagogischen noch durch therapeutische Maßnahmen, in denen unsere Mitarbeiter sehr professionell geschult sind, zu beruhigen ist, muss die örtlich zuständige Kinder- und Jugendpsychiatrie angerufen werden”, wurde mitgeteilt. Hierzu werde die Rettung sowie die darauffolgend automatisch alarmierte Polizei zur Unterstützung gerufen.

Die Therapeutischen Gemeinschaften wurden 1999 von Hermann und Sonja Radler gegründet und sind eine Spezialeinrichtung für sehr schwer traumatisierte Personen im Alter von sechs bis 18 Jahren. Zur Zeit betreut die TG an ihren Standorten rund 50 Kinder und Jugendliche. “Alle unsere Einrichtungen werden und wurden von Aufsichtsbehörden – auch unangekündigt – kontrolliert und positiv beurteilt”, wurde festgehalten. Maximal acht Kinder und Jugendliche bilden eine Wohngemeinschaft, qualifizierte Fachkräfte kümmern sich laut TG um einen geregelten Lebensalltag. “Ziel ist es, diese Kinder auf ein selbstständiges und in die Gesellschaft integriertes Leben vorzubereiten”, hieß es.

“Vorwürfe über Misshandlungen sind zu 100 Prozent unwahr”, wurde erneut von der Geschäftsführung betont. Die Anschuldigungen seien wiederholt durch zwei ehemalige Mitarbeiter erhoben worden, “wobei für uns der zwingende Eindruck entstehen muss, dass die betreffenden Personen aus persönlichen Motiven handeln”. Verwiesen wurde auch darauf, dass nach einer Anzeige 2016 diesbezügliche Ermittlungen der Staatsanwaltschaft heuer im Mai eingestellt worden sind.

Von: apa