Eurac mit vertiefender Erklärung zur Studie am Saldurbach

Wasserkraft ohne Bedenken? “Nein!”

Freitag, 12. August 2022 | 16:35 Uhr

Bozen – In den vergangenen Tagen war eine wissenschaftliche Studie von Eurac Research am Saldurbach Anlass für heftige und teils emotional aufgeladene Debatten. In der Studie wurden die aquatischen Makroinvertebraten vor und nach dem Bau eines kleinen Wasserkraftwerks über fünf Jahre untersucht, und keine Veränderungen festgestellt. (https://www.eurac.edu/de/press/kleinkraftwerk-am-saldurbach) Der Fischereiverband hatte die Studie als Werbung für Kleinwasserkraftwerke kritisiert. Nun bringt die Eurac einige ergänzende Erläuterungen zur Langzeitstudie am Saldurbach.

“In dem Bewusstsein, dass Debatten über solch wichtige Themen an sich positiv sind, und uns letztlich alle das gleiche Ziel eint, nämlich unsere Umwelt bestmöglich zu schützen und für künftige Generationen zu erhalten, möchten wir die wichtigsten aufgeworfenen Diskussionspunkte mit dem Erstautor der Studie, Alberto Scotti, etwas eingehender erläutern”, so die Eurac.

 

„Sie haben Makroinvertebraten als Indikatoren für die ‚Qualität‘ von aquatischen Ökosystemen verwendet. Ist das eine zuverlässige Methode?”

Scotti: “Ja. Aquatische Makroinvertebraten sind in italienischen und europäischen Richtlinien als Indikatoren für die Wasserqualität verankert. Darüber hinaus, um nur ein Beispiel zu nennen, hat einer der weltweit führenden Experten für Biomonitoring, Vincent Resh, Professor an der Universität von Kalifornien in Berkeley, vier Organismengruppen verglichen (1), die für das Biomonitoring verwendet werden können: aquatische Makroinvertebraten, Algen, Fische und Zooplankton. Von den 13 wichtigen Merkmalen, die ein guter Bioindikator haben muss, erfüllen Makroinvertebraten neun – ein Ergebnis, das von keiner der anderen drei untersuchten Gruppen erreicht wird. Darüber hinaus zeigt die Studie von Vincent Resh, dass in den meisten Untersuchungen, die sich mit dem Biomonitoring befassen, Makroinvertebraten die weltweit am häufigsten verwendeten Organismen sind.”

„Aber woher wissen Sie, ob der Ansatz, den Sie zur Analyse der Makroinvertebraten-Daten verwendet haben, der richtige ist?”

Scotti: “Die Methoden, mit denen Makroinvertebraten als Biomonitoring-Indikatoren analysiert werden können, sind vielfältig. Ohne hier eine lange Liste wissenschaftlicher Arbeiten anzuführen, möchte ich als Beispiel eine Studie (2) nennen, die von einem internationalen Team mehrerer Spitzenwissenschaftler unter der Leitung von Nuria Bonada, Professorin an der Universität Barcelona, durchgeführt wurde. Das Team wollte herausfinden, welche Methodik/welcher Ansatz am effektivsten ist, um ein Biomonitoring unter Verwendung aquatischer Makroinvertebraten als Indikatoren durchzuführen. Die drei in der Saldur-Studie verwendeten Ansätze (der multimetrische Ansatz, der multivariate Ansatz und die biologische Merkmalsanalyse von Makroinvertebraten) sind sowohl in dieser Studie von Nuria Bonada und ihrem Team, als auch in zahlreichen anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen als geeignet anerkannt, und garantieren eine große Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Ergebnisse.”

„Diese Studie wurde ausdrücklich erstellt, um eine Antwort auf die ökologischen Auswirkungen des Wasserkraftwerks am Saldurbach zu geben?”

Scotti: “Nein. Am Saldurbach führt Eurac Research seit 2009 eine Analyse der aquatischen Makroinvertebraten durch. Das gesamte Matschertal ist in ein internationales Netzwerk weltweiter Forschungsstandorte eingebunden, in denen langfristige ökologische Untersuchungen durchgeführt werden. Um in dieses Netzwerk aufgenommen zu werden, müssen wissenschaftliche Aktivitäten auf standardisierte Weise durchgeführt werden, um die Vergleichbarkeit der Ergebnisse auf globaler Ebene zu gewährleisten: In ganz Italien gibt es nur 25 Standorte, die diesem Netzwerk angehören. Im Matschertal, wie auch an allen anderen Standorten, werden eine Reihe von Parametern und Organismen (einschließlich aquatischer Makroinvertebraten) regelmäßig mit einer sehr detaillierten Datenauflösung analysiert, um wissenschaftlichen Fragen, die einen sehr langen Beobachtungszeitraum erfordern, nachgehen zu können (z. B. Studien zu den Auswirkungen des Klimawandels).

Da das Wasserkraftwerk an einem bereits zuvor untersuchten Standort am Saldurbach gebaut wurde, hat sich nun die seltene Gelegenheit geboten, die bereits existierenden Daten zu nutzen und nun auch die Folgen des neu erbauten Kraftwerks auf die aquatischen Makroinvertebraten beobachten zu können. Daher die Idee, diese Frage im Rahmen der bereits bestehenden Langzeitüberwachung experimentell zu überprüfen. Die Ergebnisse sind in einer internationalen Zeitschrift veröffentlicht worden und sind in der Pressemitteilung letzter Woche auch lokal bekanntgegeben worden. Während die Auswirkungen dieser Kleinkraftwerke auf Fische bereits vielfach untersucht wurden und bekannt sind, hat sich noch keine Studie mit solcher zeitlicher Aufschlüsselung und Dauer mit dem Thema Makroinvertebraten befasst.”

„Wollen Sie damit sagen, dass neue Wasserkraftwerke ohne Bedenken gebaut werden können?”

Scotti: “Nein. Wie aus den wissenschaftlichen Veröffentlichungen und der Pressemitteilung eindeutig hervorgeht, bezieht sich unsere Studie auf eine spezifische Fallstudie, weshalb eine undifferenzierte Verallgemeinerung der Ergebnisse niemals vorgenommen (oder vorgeschlagen) wurde. Als Wissenschaftler müssen wir die vorliegenden Fakten unvoreingenommen und objektiv analysieren: Wenn wir aus den oben beschriebenen Gründen davon ausgehen, dass unsere Methodik korrekt ist, zeigen die Ergebnisse der Studie, auch entgegen unserer anfänglichen Erwartungen, dass es am Saldurbach gelungen ist, Wasserkraft zu erzeugen, ohne die Makroinvertebratenfauna zu beeinträchtigen: Die festgestellten jährlichen Schwankungen hängen von den Auswirkungen der Eis- und Schneeschmelze ab.”

 

Abschließend möchten die Eurac noch eine Frage in den Raum stellen: “Hätten der verwendete Ansatz und die Wahl von Makroinvertebraten als Biomonitoring-Instrument auch Kritik erregt, wenn die Ergebnisse eine negative Auswirkung des Wasserkraftwerks auf das aquatische Ökosystem gezeigt hätten?”

 

Diese Informationen (und weitere Details) können in den drei veröffentlichten Originalstudien nachgelesen werden:

1) https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fenvs.2022.902603/full

2) https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fenvs.2022.904547/full

3) https://www.nature.com/articles/s41597-021-00887-x

 

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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17 Kommentare auf "Wasserkraft ohne Bedenken? “Nein!”"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
traktor
traktor
Kinig
1 Monat 20 Tage

super sache!! kein öl, keine kohle und kein erdgas verbrennen und dadurch das klima schützen und unsere ressourcen für unsere unabhängigkeit von drittstaaten verringern! natürlich gehört jedes kraftwerk in öffentliche hand,kein privater soll sich an unserem gut berreichern können!

raunzer
raunzer
Superredner
1 Monat 20 Tage

@traktor
Die Wasserkraft spielt in der weltweiten Energieversorgung nur eine untergeordnete Rolle und daran wird sich auch nichts ändern selbst wenn man an jeder Dachrinne eine Turbine anbringen würde.

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
1 Monat 20 Tage

Braucht es wirklich die Eurac? Ist das nicht nur reine Geldverschwendung?

Konnnixwoasnix
Konnnixwoasnix
Grünschnabel
1 Monat 20 Tage

@raunzer und wos isch nor dor 3 Schluchtenstaudomm in China? Wenn sich sell net rentieren tat, nor hettn se den Megadomm a net gebaut… oder?

Kinig
1 Monat 20 Tage

@Spiegel

wo leben sie denn ? 🙈🙈🙈

Gredner
Gredner
Kinig
1 Monat 20 Tage

@raunzer oh die Dachrinne… hätte ich nie dran gedacht… gute Idee! Das werde ich jetzt ausbauen und patentieren lassen! Danke!

traktor
traktor
Kinig
1 Monat 20 Tage

@raunzer
ach raunzer, in italien wird ca . 40% des stromes durch wasserkraft erzeugt!
das sind ca.15000MW.
du hast keine ahnung wie sehr dadurch andere ressourcen gespart werden…
und es ist noch viel potential drinnen

So sig holt is
So sig holt is
Universalgelehrter
1 Monat 19 Tage

@raunzer weltweit gesehen ja, aber wir sind nicht dir welt! wir haben das kostbare gut vor der Haustür und können für unser land jede menge Energie erzeugen…

Dolomiticus
Dolomiticus
Universalgelehrter
1 Monat 20 Tage

Sich der Nörglerei des Fischereiverbandes zu beugen ist ein Luxus, den sich Südtirol in Zeiten wie diesen einfach nicht mehr leisten kann…

Oracle
Oracle
Universalgelehrter
1 Monat 19 Tage

@Dolomiticus…der Fischereiverband… früher nannte man das Wolf im Schafspelz… die Gleichung könnte lauten = weniger E-Werke, mehr Fische zum Fischen. Man könnte aber umgekehrt sagen, E-Werke ja, Fischen verbieten = damit bleiben auch mehr Fische in den Gewässern….

Roby74
Roby74
Universalgelehrter
1 Monat 19 Tage

@Oracle
Das Fischen verbieten🤔❓🤣😂😅
Wissen wir schon längst von deiner Abneigung gegen Angler….🙄🤦🏼‍♂️😤

Roby74
Roby74
Universalgelehrter
1 Monat 19 Tage

@Oracle
Hast du etwa Alperiaanteile oder sonstige von anderen Energieversorgern angekauft???🤣😁
Wieso muss man jedes Gewässer mit Kraftwerke verschandeln❓🤔
Kann man keines so belassen wie es die Natur bestimmt hat?Oder glauben hier viele die Strompreise würden dadurch günstiger😂😅🤣…..🤦🏼‍♂️🙄
Wie man weiss produziert Südtirol bereits jetzt schon mehr Strom als es täglich selbst verbraucht……

klablueter
klablueter
Grünschnabel
1 Monat 20 Tage

Da anscheinend die Situation am Saldurbach soweit in Ordnung ist, sollen ähnliche Projekte auf jeden Fall weiter angestrebt werden.

charlybrown
charlybrown
Grünschnabel
1 Monat 20 Tage

Ein anderes Ergebnis habe ich von der Eurac nicht erwartet. Unsere Fliessgewässer werden hauptsächlich für kurzfristigen Profit ausgebeutet. Das hat wenig mit Klimaschutz zu tun. Dafür müsste man die Erlöse aus der Energiegewinnung schon anders und grösstenteils für Energiesparmassnahmen einsetzen. Es wird aber immer noch Energie in grossem Ausmass verschwendet.

Konnnixwoasnix
Konnnixwoasnix
Grünschnabel
1 Monat 20 Tage

Va mir aus megn se lei no so staudämme oder Miniturbinen mochen… ober bitte net in wohngebiete , oder Naturschutzgebiete, sem isch inser Landl ingaling a nimmer so schian!

monia
monia
Tratscher
1 Monat 20 Tage

Sind wir wirklich so blöd und wollen die Wasserkraft nicht nützen? Bei jeder Trinkwasserleitung gehört eine Turbine eingebaut und jeder Bachlauf gehört genützt!

Roby74
Roby74
Universalgelehrter
1 Monat 19 Tage

Als ob dann die Strompreise sinken würden mit noch mehr E-Werke….😅😂🤣😁!!!!Glaubt ihr Mitkommentatoren das tatsächlich❓❓❓🤔

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