Evolution des Virus muss gestoppt werden

Forscher warnen vor “stark optimierten” Coronaviren

Freitag, 12. Februar 2021 | 10:30 Uhr

Forscher am Vienna Biocenter (VBC) beobachten mit einer adaptierten Analysemethode seit rund einem Monat die Entwicklung des SARS-CoV-2-Virus in Österreich. Nach der Sequenzierung des Spike(S)-Proteins des Erregers in rund 8.000 Proben müsse man sagen: “Es tut sich viel.” Neben bekannten Varianten bereiten Teams um Luisa Cochella und Ulrich Elling neu auftretende Mutationen Kopfzerbrechen. Kommen mehrere zusammen, laufe man Gefahr, dass ein stark optimiertes Virus entsteht.

“Das Virus entwickelt sich vor unseren Augen, es nimmt zusätzlich Variationen auf”, sagte Cochella, die am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) forscht, im Gespräch mit der APA. Das heißt, dass sich mit mehr oder weniger gleichbleibender Rate spontan Veränderungen im rund 30.000 Basen umfassenden Bauplan des SARS-CoV-2-Erregers zeigen. Den Regeln der Evolution folgend, haben vor allem solche Mutationen eine hohe Chance sich durchzusetzen, die dem Virus eine höhere Überlebenschance geben. Das gilt für die ansteckendere, sich in Österreich durchsetzende britische B.1.1.7-Variante und die südafrikanische B.1.351-Variante, die in Tirol große Cluster gebildet hat. Beiden ist gemein, dass sie charakteristische Mutationskombinationen angesammelt haben, die für eine erhöhte Ansteckungsrate sorgen.

Diese beiden Varianten sind zwar aktuell in aller Munde, der detaillierte, mittlerweile tausendfache Blick auf den Teil des S-Proteins, der zum Eindringen in die menschlichen Zellen notwendig und in 2.000 Basen im Virusgenom codiert ist, zeigt aber noch deutlich mehr. Die Forscher nutzen dafür die auf “Next Generation Sequencing” (NGS) basierende von Cochella und Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entwickelte “SARSeq”-Methode. Seit kurzem können pro Woche rund 2.400 Proben derart analysiert werden. “Wir bemühen uns, so viele Proben als möglich zu bearbeiten”, betonte Cochella.

Eingebettet ist die Initiative in einen Forschungsverbund um die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), zu dem auch das Team um Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin (CeMM) der ÖAW zählt. Mittels “SARSeq” konnten auch jene gehäuften B.1.351-Fälle gefunden werden, die zu den seit heute geltenden Maßnahmen für Tirol geführt haben.

Bei der Sequenzierung des gesamten S-Proteins sehe man auch das “Unerwartete” im Sinne eines Überblicks oder Screenings, so Elling. Den “Wildtyp” – sprich jene Virus-Variante, die dem aus China kommenden “Original” am ähnlichsten ist – finde man in den Proben nur noch in zehn bis 20 Prozent der Proben. “Der Rest sind schon Variationen. Das mag jetzt ein Schock sein, liegt aber auch daran, dass das Virus über ein Jahr lang nicht großflächiger beobachtet wurde”, sagte der Forscher.

In dieser Zeit hat sich der Erreger natürlich weiter entwickelt. “Wir sehen jetzt viele verschiedene Mutationen. Viele davon machen das Virus gefährlicher, wie sich in Experimenten zeigt”, so Elling. Der springende Punkt sei nun, wann sich mehrere davon zu einer Variante mit “optimierter Effektivität und Immunevasion” zusammenballen. Letzteres bezeichnet die Fähigkeit, sich dem Zugriff des auf den Wildtyp geschulten Abwehrsystems des Körpers weitestgehend zu entziehen, was dann auch negative Auswirkungen auf die Schutzwirkung von Impfungen hat.

Das Auftreten und eventuelle Ansammeln potenziell entscheidender Veränderungen könne man durch das Monitoring, das aktuell rund 15 Prozent aller positiven Proben in Österreich umfasst, beobachten und nachvollziehen. Beginnen sich neue Mutationen oder Mutationsmuster durchzusetzen, “sagt uns das Virus, was gut für es ist”, erklärte Cochella.

So gebe es zum Beispiel einige Mutation im S-Protein-Genom, die bereits in vielen Proben zu beobachten sind. “Gewisse Kombinationen, zum Beispiel ‘Delta69/70’, ‘S477N’ oder ‘N439K’ scheinen sich schon effizient zu verbreiten. Wir wissen nicht, in welchem Maße diese das Virus gefährlicher machen”, so Elling. Auch könnten noch weitere Mutationen zusammen oder hinzu kommen. Daher brauche es auch ein kontinuierliches, koordiniertes, aber auch einigermaßen zentralisiertes Monitoring der Entwicklung, zeigten sich die Wissenschafter überzeugt.

Die momentane Situation mit einem Drücken der Fallzahlen durch Lockdowns und einem Öffnen bei halbwegs stabilen Zahlen sei aus evolutionsgenetischer Sicht ausgesucht schlecht. Elling: “Das ist wie wenn man Antibiotika nach drei Tagen absetzt, weil man sich etwas besser fühlt. Wir stressen das Virus und lassen es dann wieder frei laufen.” So kommt einerseits das Virus unter Selektionsdruck, sich zu verändern, und hat andererseits immer ein großes Reservoir an Infizierten, die ihm ein recht komfortables Überleben sichern.

In einem quasi apokalyptischen Szenario kämen dann viele für den Erreger vorteilhafte Mutationen zusammen, so dass eine Variante entstünde, deren Infektiösität und Umgehung des Immunschutzes noch weit über die jetzigen Varianten hinaus ginge, befürchtet Elling. Es sei aber noch nicht klar, wie weit sich das Virus insgesamt verändern könne, sagte Cochella: “Wir wissen nicht, was das Virus noch tun kann. Es kann potenziell deutlich schlimmer werden. Ich würde es aber auch nicht darauf ankommen lassen und ihm die Chance dazu geben. Am besten wäre es, sich hier nicht auf Glücksspiel einzulassen.”

Solange solche Cluster relativ klein sind, ließen sie sich auch eindämmen. Mit den aktuellen, breiteren Überwachungsmaßnahmen sehe man laut Elling bedenkliche Entwicklungen hierzulande gewissermaßen “im Kaffeesatz, bevor sie auf großer Ebene durchschlagen”.

Daher brauche es zumindest eine konzertierte, europaweite Strategie, um die Fallzahlen sehr stark zu drücken. Dann funktioniert einerseits die Kontaktnachverfolgung besser und andererseits hat der Erreger weniger Möglichkeiten, besonders viele vorteilhafte Mutationen anzuhäufen. Damit sinke die Wahrscheinlichkeit, dass eine Variante der Immunantwort davonläuft und sich rasch stark verbreitet. Wenn das aber passiert, müsse man es rasch erkennen und möglichst einfangen: “Jeder dieser Entwicklungsstränge sollte wie eine eigene kleine Pandemie angesehen werden. Wir müssen die Evolution dieses Virus stoppen”, sagte Elling. Gelingt das nicht, würde unsere beste Perspektive in der Pandemie – die Impfung – zum “Rohrkrepierer”.

Das sei keine akademische Betrachtungsweise, so der Forscher, der gute Anzeichen sieht, dass das relativ rasche und zu dem Zeitpunkt noch weitestgehend “purem Glück geschuldete” Erkennen der B.1.351-Cluster in Tirol dazu führt, dass sich die besorgniserregende Situation dort mit jetzt “sehr intensivem Kontakttracing” entschärfen könnte. “Wenn das funktioniert, könnte das zu einem Vorbild für den Umgang mit diesen Problemen in Zukunft werden. Sie werden nämlich wieder auftreten”, betonte Elling.

Von: apa

Kommentare

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21 Kommentare auf "Forscher warnen vor “stark optimierten” Coronaviren"


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GGP
GGP
Grünschnabel
13 Tage 10 h

gerade diese mutationen machen das virus schwächer, in der natur gibt es nur runde dinge, dieses virus macht einen hügel im runden, durch die mutationen versucht die natur diesen hügel abzuflachen, wodurch nach genug mutationen das virus immer schwächer wird.

Dagobert
Dagobert
Universalgelehrter
13 Tage 9 h

@Ggp
Hoffmr amoll, dass sel stimmt!

Grantelbart
Grantelbart
Universalgelehrter
13 Tage 8 h

Reine Spekulation! Schon kurz nach Beginn der Pandemie äusserten einige Experten, das Virus werde sich an seinen Wirt anpassen und “schwächer” werden, aber bis jetzt hat es nur gelernt wie es sich schneller verbreiten kann. Dem Virus Zeit zu geben ist ein Spiel mit dem Feuer.

info
info
Tratscher
13 Tage 6 h

“in der Natur gibt es nur runde Dinge”
Klar, keine Kristalle, kein Stachelschwein, Dolomiten auch nur, bis die Erosion sie geschliffen hat (-:
“Die Natur” verfolgt, gleich wie “das Virus”, kein Ziel, sie geschieht. Und die Mechanismen dieses Geschehens werden im Artikel gut und ausführlich dargelegt. GGP, bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich lieber an wissenschaftlicher Evidenz orientiere, als an aus falschen Bildern schöpfenden unrunden Metaphern.

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Superredner
13 Tage 5 h

Genauso ist es. Wir müssen das Virus wüten lassen. Dann wird es schwächer und schwächer.

nikname
nikname
Superredner
13 Tage 2 h

@PeterSchlemihl
jetzt im ernst 🤦

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
13 Tage 1 h

In der “Natur gibt es nur runde Dinge” ? Hm, woher kommen dann (Eis-, Mineralien-, Membran-)Kristalle ?
https://de.wikipedia.org/wiki/Kristall#:~:text=In%20der%20Natur%20kommen%20Membranproteine,mittels%20Elektronen%2DKryomikroskopie%20zu%20ermitteln.

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
13 Tage 1 h

@PeterSchlemihl
Genau. Wenn sich das Virus ausgetobt hat, wird es müde. Dann geht es Huschhusch in die Heia.

Grantelbart
Grantelbart
Universalgelehrter
12 Tage 23 h

@hustinettenbär
Es gibt Leute hier im Forum, die einfach gern schnell mal 1-2 provokante Sätze hier lassen um sich an dem Sturm wütender Kommentare und 👎🏻 zu erfreuen. Wie mit dem Stock ins Wespennest pieksen,… gel Peter?

Gandalf
Gandalf
Grünschnabel
12 Tage 12 h

@GGP hab selten so einen Blödsinn gehört. Das Virus hat wie alles Leben nur eine zentrale Strategie: sich so viel wie möglich zu reproduzieren und sein Überleben zu sichern. Mutationen sind Teil dieser Strategie und erhöhen drastisch die Aussicht auf Erfolg. Irgendwann ist eine Mutation darunter, die 10x so ansteckend ist. Empfehle die Darwinsche Evolutionstheorie als Bettlektüre bevor man derartigen Schmarren von sich gibt

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
11 Tage 9 h

@Grantelbart
Alles gut. Peter ist ein amüsantes Wespennest.😜

Pacha
Pacha
Superredner
13 Tage 9 h

Es ist nicht das erste Virus und wird auch nicht das Letzte sein, mit dem die Menschheit zu kämpfen hat und wir werden auch weiterhin siegen.

Neumi
Neumi
Kinig
13 Tage 9 h

Und währenddessen jammern, was das Zueg hält!

Grantelbart
Grantelbart
Universalgelehrter
13 Tage 8 h

Zu welchem Preis sollte man sich fragen. Wer den Kampf gegen das Virus verloren hat kann sich ja nicht mehr zu Wort melden, man “sieht” also nur die Sieger…

Pacha
Pacha
Superredner
13 Tage 7 h

@Grantelbart……..da musst du dich an jemand anderes richten, denn ich habe das Buch des Lebens nicht geschrieben.

Paladin
Paladin
Grünschnabel
13 Tage 9 h
Es muss einmal ganz klar gesagt werden, dass dieses Virus nie ganz und vollkommen verschwinden wird. Ebenso wie die Grippe. Wir müssen lernen, vielmehr unsere Regierungen müssen lernen damit zu leben. Bei jeder neuen Mutation oder auch Krankheitswelle die Wirtschaft und das soziale Leben herunterzufahren funktioniert nicht. Isoliert die wirklich kranken (nicht die positiven!) und versorgt sie richtig. Wer Asymptomatisch ist, ist nicht krank. Und dann bitte denkt euch ein System aus, welches realistisch die Zahlen und Statistiken wiedergibt. Es kann nicht sein, das Länder und Regionen innerhalb der EU verschiedene Systeme zur Berechnung haben und das dann alle diese… Weiterlesen »
ebbi
ebbi
Tratscher
12 Tage 13 h

Die Regierungen müssen, sollen…… bequem alles auf die Regierungen abschieben…..und die Bevölkerung muss nicht lernen mit dem Virus zu leben und was dazu beisteuern oder was? mir ist nicht bekannt, dass Regierungen Glaskugeln oder Zauberkräfte besitzen. Falls Sie es nicht mitbekommen haben: auch asymptomatisch positive sind laut derzeitigem Wissenstand ansteckend.

wellen
wellen
Universalgelehrter
13 Tage 9 h

Also helfen halbe lockdowns nicht, im Gegenteil, es sind Mutationstreiber. Der Vorschlag, Mutationen wie Pandemien in der Pandemie zu behandeln, scheitert in Südtzrol grandios. Die sind nicht mal imstande, die Kontaktnachverfolgung zu machen und haben der rasenden Entwicklung nix! entgegengesetzt.

Pacha
Pacha
Superredner
13 Tage 7 h

ma cambia disco, va

wuschel
wuschel
Grünschnabel
13 Tage 7 h

Also doholtn mir des virus net au. Lockdowns bringen nichts und die impfung a net? Jo wos tiamodenn sem? I bin ratlos.. Des kling jo foscht as wia die pescht ausgebrochn war.. 🤔🤔

MrRobot
MrRobot
Tratscher
13 Tage 8 h

Die gute alte Modellrechnung

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