Überprüfung ergab, dass Masken nicht behauptetem FFP-Standard entsprechen

Wirbel um Qualität chinesischer Schutzmasken für Südtirol

Montag, 06. April 2020 | 18:50 Uhr

Bozen – Eine Großlieferung an für Südtirol bestimmten FFP2- und FFP3-Schutzmasken, die mit Hilfe eines Sportartikelherstellers aus China beschafft und mit einer AUA-Maschine zunächst nach Wien-Schwechat befördert wurden, war angeblich nicht zu gebrauchen. Das Wirtschaftsministerium in Wien bestätigte am Montag der APA den Vorgang.

Das Wirtschaftsministerium habe die insgesamt 500.000 FFP2- und FFP3-Masken nicht bestellt, wurde auf APA-Anfrage betont. Bei anderslautenden Medienberichten handle es sich “um eine Falschinformation”. Man habe allerdings von dem Bestellvorgang erfahren, zumal das Bundesheer für Südtirol die Logistik übernommen hatte.

LPA/GNews

Als die Lieferung – neben den Schutzmasken umfasste diese auch über 400.000 Schutzanzüge – Ende März am Flughafen Wien-Schwechat einlangte, führte das Rote Kreuz eine Sichtkontrolle der Masken durch – und wurde offenbar stutzig. Zur Prüfung der behaupteten Qualität der Masken ließ daraufhin das Wirtschaftsministerium eine Qualitätskontrolle in einem deutschen Labor durchführen. “Das Ergebnis der Kontrolle zeigte, dass die Masken keinem FFP-Standard entsprechen”, teilte eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums mit.

Wie es aus dem Prüfbericht weiter heißt, waren bei den angeblichen Schutzmasken im Bereich der Wangen deutliche Lücken zu erkennen. Beim Anlegen der Masken sei “ein Dichtsitz im Bereich des Kinns und der Wangen nicht möglich”. Eine FFP2-Maske muss 95 Prozent der Partikel in der Einatemluft filtern, eine FFP3-Maske 98 Prozent. Ansonsten liegt Etikettenschwindel vor. Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) hatte am Samstag in einer Pressekonferenz öffentlich beklagt, dass internationale Anbieter der dringend benötigten FFP2- und FFP3-Masken dem Bund in neun von zehn Fällen nicht die vorgeschriebenen Qualität offeriert hätten.

Zerzer bestätigt Problematik

Der Generaldirektor des Sanitätsbetriebes hat in diesem Zusammenhang in den Medien Stellung bezogen. Er gab die Problematik rund um die Atemschutzmasken zu und bestätigte, dass die Masken nicht für die Arbeit auf den Intensivstationen geeignet seien. Zerzer erklärte, dass die Masken deshalb für die Verwendung in den Seniorenwohnheimen zur Verfügung gestellt würden.

Grüne starten zwei Anfragen

Wegen der aus China importierten Atemschutzmaske, die offenbar nicht den versprochenen Standards entsprechen, haben die Grünen in Südtirol zwei Anfragen an die Landesregierung verfasst. Sie wollen Hintergrundinformationen über die Vorgänge erlangen. So soll geklärt werden, warum die Belegschaft im medizinischen Bereich nicht sofort über die mangelhafte Ausrüstung informiert wurde. Außerdem stellen die Grünen die Frage nach der Verantwortlichkeit und wer was zu welchem Zeitpunkt wusste.

Sorge erregt bei den Grünen auch, dass die Atemschutzmasken in den Seniorenwohnheimen zur Anwendung kommen sollen. “Angesichts der Hotspotsituation vieler Seniorenwohnheime finden wir diese Überlegung sehr bedenklich. In den Seniorenwohnheimen befindet sich derzeit ein hoher Prozentsatz der Covid-19-Erkrankten und die Dunkelziffer der Covid-Positiven unter den Betreuenden ist anscheinend sehr hoch.” Auch in diesem Zusammenhang fragen die Grünen nach mehr Informationen.

STF: “Gefährdung von Ärzten und Pflegern”

Als “unerhört” bezeichnet der Landtagsabgeordnete der Süd-Tiroler Freiheit, Sven Knoll, das “verantwortungslose Vorgehen” der Sanitätsdirektion, “die seit acht Tagen von den Mängeln der Masken wusste, das entsprechende Gutachten aber verschwiegen hat und die Mitarbeiter des Gesundheitswesens damit wissentlich einem Infektionsrisiko ausgesetzt hat.” Dieser Umstand werde auch strafrechtlich zu untersuchen sein.

“Die mangelhaften Masken sind laut gesicherten Informationen der Süd-Tiroler Freiheit keineswegs nur in den unbedenklichen Bereichen der Krankenhäuser verwendet worden, sondern auch in den Corona-Bereichen und Intensivstationen. Damit ist zu befürchten, dass sich das dort arbeitende Personal in den letzten Tagen infiziert hat. Das österreichische ‘Amt für Rüstung und Wehrtechnik’ hat die Masken schon vor über acht Tagen geprüft und für mangelhaft bis wertlos befunden. Dies hätte von Anfang an so kommuniziert werden müssen. Dass das Land und die Sanitätsdirektion diese Untersuchung stattdessen vertuscht haben und die Mitarbeiter des Gesundheitswesens im Glauben ließen, dass sie durch die Masken geschützt seien, ist nicht nur ein unglaublicher Vertrauensverlust, sondern darüber hinaus auch eine wissentliche Gefährdung der Ärzte und Pflegekräfte. Dieses verantwortungslose Verhalten muss nicht nur politische Konsequenzen, sondern auch strafrechtliche Untersuchungen nach sich ziehen”, findet Knoll.

Freiheitliche fordern Aufklärung

Auch die Freiheitlichen haben in einer Landtagsanfrage um Aufklärung zu dem Sachverhalt gebeten. Neben vielen anderen Punkten wollen sie wissen, wann Gesundheitslandesrat Thomas Widmann erstmals über die praktischen Mängel der angekauften Atemschutzmasken in Kenntnis gesetzt wurden.

Sabes: “Sicherheit der Mitarbeiter oberstes Ziel”

Die Ausstattung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit persönlichen Schutzausrüstungen in der Behandlung von Covid-19-Erkrankten ist oberste Priorität des Südtiroler Sanitätsbetriebes, heißt es in einer entsprechenden Aussendung.

“Aus diesem Grund wurde bereits vor Wochen angesichts des globalen Produktions- und Lieferengpasses ein Großauftrag von geeigneten Schutzausrüstungen in China getätigt. Es ist dadurch gelungen, den sich abzeichnenden Notstand in den Abteilungen und Diensten des Sanitätsbetriebes, den Altersheimen und anderen Gesundheitseinrichtungen abzuwenden. Dadurch konnte das Personal ohne Unterbrechung versorgt werden trotz steigender Infiziertenzahlen und Covid-19-Patienten. Die Zertifikate der Schutzausrüstungen wurden unter anderem von der Universitätsklinik Innsbruck (Prof. Christian Wiedermann) überprüft und deren Validität bestätigt. Der Standard der Schutzausrüstungen hat effektiv den gelieferten Produkten entsprochen. In weiterer Folgen haben die internen Fachleute und Kliniker ebenfalls die Schutzausrüstungen überprüft und deren Einsatzmöglichkeiten für jeden Qualitätsstandard und Typ definiert und umgesetzt“, erläutert Generaldirektor Florian Zerzer.

Dazu der Medizinische Einsatzleiter Marc Kaufmann: „Durch den sofortigen Ankauf dieser Schutzausrüstungen konnten wir rechtzeitig unser Personal angemessen ausstatten. Ich bin überzeugt, dass wir auch dadurch Infektionen für unsere Mitarbeiter weitgehend vermeiden konnten.“

Eine Notwendigkeit habe darin bestanden, die Verantwortlichen der Krankenhäuser und das darin tätige Personal auf den korrekten Gebrauch hinzuweisen sowie die Anwendungsbereiche zu definieren. “Die gelieferten Atemschutzmasken können in sogenannten Mittleren-Risiko-Bereichen in Einsatz kommen. Für die Hoch-Risiko-Bereiche sieht der Südtiroler Sanitätsbetrieb weiterhin die Verwendung von FFP3-Masken vor, die in ausreichender Menge zur Verfügung stehen. Zentral ist der richtige Gebrauch beim An- und Ablegen der Mundschutzmasken. Diesbezüglich gab es entsprechende Rundschreiben und das Angebot von Einführungen.”

“Der Südtiroler Sanitätsbetrieb ist von Anfang an, in der Bereitstellung von Schutzausrüstungen, über die Leitlinien des ‘Istituto Superiore della Sanità’ und der WHO hinausgegangen, indem hochwertige Schutzmasken in sehr umfassender Weise eingesetzt werden. Auch diese Maßnahme zeigt auf, dass die Sicherheit des Personals für den Südtiroler Sanitätsbetrieb an oberster Stelle steht”, heißt es in der Stellungnahme abschließend.

Widmann: “Masken sind sicher”

Gegenüber dem Nachrichtenportal stol.it hat Gesundheitslandesrat Thomas Widmann betont, dass die Masken sicher seien. Bevor die Masken an die Krankenhäuser, Seniorenheime usw. verteilt wurden, seien sie von Technikern geprüft und für gut befunden worden – bei korrekter Verwendung.

“Keine Experten Sanitärgüter”: Stellungnahme der Oberalp-Gruppe zu der Lieferung

Die Oberalp Gruppe wurde von der Südtiroler Sanitätseinheit kontaktiert, ob es möglich wäre, dass wir medizinische Schutzausrüstung, welche von den normalen Lieferanten nicht mehr geliefert werden konnte, über unsere internationalen Kontakte in Asien vermitteln könnten. Angefragt wurden eine Million chirurgische Masken, 500.000 Masken der Typologien FFP2 und FFP3 (je 250.000), normale Schutzmäntel (400.000) sowie aseptische Schutzkleidung (30.000). Uns wurde klargemacht, dass es sich um eine absolute Dringlichkeit handelte und die Reserven der Sanität für diese Produkte in Südtirol in wenigen Tagen zur Neige gehen würden.

Das Unternehmen Oberalp hat sich deshalb innerhalb weniger Stunden dazu entschieden, einen Versuch der Hilfestellung zu starten. Deshalb wurde über Nacht unser Asienteam mit Recherchen aktiviert, um zu ermitteln, ob es eine Möglichkeit gäbe, diese Hilfsgüter zu besorgen. Über unseren Lizenzpartner TuTwo in Xiamen konnten wir innert eines Tages zu den gestellten Anforderungen eine Produktliste, inklusive Preisen frei Flughafen Xiamen, erstellen. Diese Produktliste zeigte klar auf, dass es nicht bei allen Punkten möglich wäre, die auf Europa abgestellten Standards zu erfüllen: Weder konnten die Produkte, die üblicherweise für Europa geforderte CE-Zertifizierung, noch die in Europa üblichen Maskenstandards FFP2 und FFP3 ausfolgen. Für diese beiden Produktkategorien konnte ein für Asien standardisiertes und ähnliches Produkt mit dem Zertifizierungsstandard KN95 (GB2626-2006) angeboten werden, allerdings mit allen für China geforderten Zertifikaten und Prüflaborberichten. Die Güte dieser Dokumente wurde von der Universitätsklinik Innsbruck geprüft und die Produkte nachfolgend für die Verwendung freigegeben.

Nachfolgend erreichten uns Anfragen mit gleichen Anforderungen der SABES Südtirol auch aus Nordtirol, von der Protezione Civile Rom, vom Österreichischen Roten Kreuz und anderen. An diese alle wurde die Produktaufstellung inklusive Preisliste übermittelt, welche auch für die SABES Südtirol die Entscheidungsgrundlage darstellte.

Die Oberalp Gruppe ist kein Experte für Sanitärgüter und Zertifizierungen in diesem Bereich. Deshalb können wir kein Urteil darüber abgeben, ob die angebotenen Schutzmaterialien den teilweise medizinischen Anforderungen trotz unterschiedlicher Standardisierungen entsprechen oder nicht. Wir können auch nicht urteilen, inwieweit in den entstandenen Notlagen der Materialbeschaffung Abweichungen von üblichen Standards vertretbar sind.

Fakt ist, dass die Empfehlung der EU-Kommission von 13. März 2020/403 einen Import aller Sanitätsgüter auch ohne CE-Zertifikat zulässt, sofern diese in den jeweiligen Produktionsländern die dort notwendigen Zertifikate besitzen, übrigens zollfrei. Diese Regelung gilt für die Zeit der Corona-Krise. Zudem sind alle unsere Lieferanten der Schutzmaterialien im seit dem 1. April eingeführten Verzeichnis der chinesischen Regierung wiederzufinden, welches nach bestandenen Qualitätskontrollen für den Export nach Europa berechtigt.

Was wir sagen können: In der geforderten Geschwindigkeit und der erforderlichen Menge sanitäres Material am Weltmarkt zu besorgen, ist zuerst einmal eine Frage der
sofortigen Vorauszahlung der gesamten Ware, zum zweiten eine Frage der gesicherten Lieferung und zum Dritten eine Frage der Transportmöglichkeiten von Xiamen/China nach Europa. Wir konnten bisher alle diese kritischen Punkte überwinden und alle Bestellungen fristgerecht ausliefern; dies bestärkt uns in unserem Willen, den öffentlichen Institutionen mit unüberwindbaren Beschaffungsproblemen unter die Arme zu greifen und dafür zu sorgen, dass es dringend benötigtes Schutzmaterial gibt – anstatt keines. Dieser Alternative, die leider in vielen anderen Orten Europas Realität geworden ist, wollten wir uns entgegensetzen.

Von: apa

Bezirk: Bozen