Sergio Pirozzi (in der weißen Jacke) mit Präsident Mattarella

Amatrices Bürgermeister kämpft nach Erdbeben um Neustart

Montag, 21. August 2017 | 09:58 Uhr

Als er nachts das dramatische Erdbeben der Stärke 6 spürte, stürzte der Bürgermeister von Amatrice, Sergio Pirozzi, sofort ins Freie. Sein Bergdorf im Herzen des Apennin war nur noch Schutt und Asche. “Amatrice gibt es nicht mehr”, stöhnte Pirozzi in jener Nacht des 24. August 2016, als er als erster den Medien gebrochene Informationen über das Ausmaß der Zerstörung gab.

Ein Jahr ist seit dem schweren Erdbeben in Mittelitalien vergangen, bei dem 300 Menschen ums Leben kamen. Amatrice, eine Berggemeinde im Naturpark des Gran-Sasso-Massivs nördlich von Rom, hat den höchsten Preis gezahlt. 235 Menschen starben unter Trümmern. “Ich habe unzählige Freunde verloren. Hier kannten wir uns alle”, berichtete der 52-jährige Pirozzi im Gespräch mit der APA.

Pirozzis Familie blieb unverletzt, denn der Bürgermeister hatte seine Frau und seine Kinder rechtzeitig ins Freie gescheucht. Das Ausmaß der Tragödie war ihm sofort klar. “Das alte Stadttor, erbaut 1400 und 1630 restauriert, war weg. Ich habe gleich begriffen, dass ganz Amatrice eingestürzt war. Amatrice gab es einfach nicht mehr”, erinnerte sich Pirozzi zurück.

Vor dem Erdbeben war der stämmige Mann mit Glatze und Dreitagebart Fußballtrainer in unteren Ligen. Seit dem Drama in Amatrice hat er auf seinen Job verzichtet, um seinen Bürgern beizustehen. Seine Erfahrung als Coach kommt ihm zugute. Als Trainer ist er gewohnt, schnelle Entscheidungen zu fällen. Teamgeist, das Talent, Menschen zu ermutigen, Zukunftsvisionen: Pirozzi ist Trainer, Psychologe, Stratege und Diplomat zugleich.

“Als Coach ist man es gewöhnt, eine Mannschaft zu motivieren. Man muss seinen Mitbürgern klar machen, dass nur das ‘Wir’ und nicht das ‘Ich’ zählt. Als Trainer muss man als erster ein Beispiel abgeben, sonst ist man nicht glaubwürdig. Ich habe Amatrice nie verlassen. Ich habe auf meinen Beruf verzichtet, den ich sehr liebe, um hierzubleiben und für die Wiederauferstehung meiner Gemeinde zu arbeiten”, berichtete Pirozzi, der gern einen Pullover mit der Aufschrift “Amatrice”, rot auf blau, trägt. Damit Amatrice nicht in Vergessenheit gerät.

In diesen zwölf Monaten, die sein Leben auf den Kopf stellten, hat Pirozzi Schutt geräumt, Zeltlager für Obdachlose organisiert, die prominentesten Politiker der Welt empfangen und mit der Regierung in Rom für den Wiederaufbau verhandelt. “Es ist wie im Krieg. Die Zerstörung hat die Perspektive der Menschen gewandelt. Als Überlebende ändert man seine Lebenseinstellung.”

Die organisatorischen Kapazitäten des Bürgermeisters, der politisch dem Mitte-rechts-Lager angehört, sind vielen aufgefallen. Mehrere Angebote von Fußballklubs hat er in diesen Monaten erhalten. Doch Pirozzi, seit 2009 Amatrices Stadtchef, lehnte ab. “Jetzt hätte ich nicht die Ruhe und Konzentration, eine Mannschaft zu trainieren. Es fehlt mir sehr, mit jungen Spielern zusammenzuarbeiten, doch in diesem Moment ist es meine Pflicht, an der Seite meiner Mitbürger zu sein”, sagte der Vater von zwei Kindern im Teenageralter.

Amatrice versucht, geschlossen zu bleiben und blickt in die Zukunft. Vor dem Beben gehörte der Ort zur Vereinigung der schönsten Dörfer des Landes. “Man beneidete uns”, sagte Pirozzi. 1.400 der 2.600 Einwohner sind geblieben. 200 Fertighäuser wurden aufgestellt, weitere 200 sollen bis Ende August eintreffen. “Bis Ende September sollen alle Familien eine Wohnung haben. Einige Restaurants haben wieder geöffnet, Amatrice hat auch wieder einen Supermarkt und einige Geschäfte. Bis vor einem Jahr zählten wir Hotels mit 800 Betten, heute gibt es nur noch Schlafmöglichkeiten für 60 Touristen. Doch es ist zumindest ein Anfang”, seufzte Pirozzi.

Deutschland hat erst kürzlich sechs Millionen Euro für den Bau eines Krankenhauses in Amatrice bereitgestellt, das Ende 2019 fertig werden soll. Im September öffnet ein Gymnasium seine Tore. Zeichen der Hoffnung sind vorhanden, doch die bürokratischen Hürden erschweren den Neustart. Lediglich rund 100.000 Tonnen Trümmer wurden bisher geräumt. 1,1 Millionen Tonnen liegen noch herum. “Für uns ist das nicht einfach lästiger Schutt, es sind Steine, unter denen Freunde und Verwandte begraben wurden. Sie wegzuräumen, würde auch psychologisch für die Menschen viel bedeuten”, betonte Pirozzi. Er ärgert sich über den Schlendrian der Regierung. “In Rom ist es den Politikern egal, wenn ein Monat mehr oder weniger bis zu Beginn der Räumungsarbeiten vergeht. Für die Menschen im Ort macht das einen Riesenunterschied.”

Von seinem Jahr als “Bürgermeister in Kriegszeit” wird Pirozzi vor allem die Solidarität in Erinnerung bleiben, die das Drama in Mittelitalien geweckt hat. “Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt: Von einfachen Bürgern, die uns geholfen haben, bis zum Papst und zu Regierungschefs aus aller Welt, die uns besucht haben”, sagte Pirozzi. Zu den Persönlichkeiten, die er in Amatrice getroffen hat, hat ihn vor allem Prinz Charles beeindruckt. “Er hatte ein strenges Protokoll zu befolgen, doch wir haben es einfach auf den Kopf gestellt und er hat alles angesehen, was ich ihm zeigen wollte. Er hat mich mit seiner Menschlichkeit beeindruckt.”

Als schwierigsten Moment im vergangenen Jahr bezeichnet der Bürgermeister die vier Erdstöße, die die Region am 18. Jänner dieses Jahres erschüttert haben. “Damals war die ganze Gegend total verschneit. Neben dem Problem mit dem hohen Schnee sind dann noch die schweren Erdstöße dazugekommen. Es war für uns alle eine sehr harte Zeit, doch wir haben sie überwunden. Seitdem ist es für uns alle bergauf gegangen”, so Pirozzi.

(Das Interview führte Micaela Taroni/APA.)

Von: apa