"Nur in Südtirol macht eine Autonomie Sinn"

Autonomie-Referendum in Norditalien spaltet die Gemüter

Dienstag, 17. Oktober 2017 | 07:05 Uhr

Geldverschwendung oder Meilenstein für die Demokratie? Das am kommenden Sonntag stattfindende Autonomie-Referendum in den norditalienischen Regionen Lombardei und Venetien spaltet die Gemüter. Die Volksbefragung, mithilfe der die beiden reichsten italienischen Regionen mehr Kompetenzen erlangen wollen, droht Abspaltungstendenzen anzufachen.

“Das Autonomiereferendum? So ein Blödsinn”: Der aus Venetien stammende Großunternehmer Luciano Benetton, Gründer des gleichnamigen Modeimperiums mit Sitz in Treviso, das mit der globalen Marke “United Colors” international bekannt wurde, will von der Volksbefragung in seiner Region nichts wissen. “Mit unseren Kommunikationskampagnen haben wir bereits Anfang der 90er Jahre versucht, ein europäisches Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln. Unser Credo ist ein Europa mit einem einzigen Pass und einer gemeinsamen Währung”, betont der 82-jährige Unternehmer, der auch keine Sympathien für den katalanischen Separatismus hegt.

Ähnlich sieht der Textilunternehmer Matteo Marzotto, der unter anderem die Modegruppe Valentino geleitet hat, die Lage. “Italien ist schon klein genug. Es macht wenig Sinn, das Land noch mehr zu verkleinern. Das Autonomie-Referendum kann falsche Erwartungen wecken, wie bereits der Brexit, der zu einer Tragödie für Europa geworden ist”, kritisiert Marzotto, der zu den prominentesten Unternehmerfamilien Venetiens gehört.

Giulio Sapelli, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Mailänder Universita Statale, bezeichnet das Referendum als “sinnlose Geldverschwendung”. Das Referendum habe keine Verbindlichkeit und sei lediglich eine “Waffe” für die politische Propaganda der föderalistisch-orientierten Rechtspartei Lega Nord, Initiatorin des Referendums.

“Ich bin gegen mehr Autonomie. Ich bin für einen Zentralstaat, der von einem Netz starker Kommunen gestützt wird, wie es in Deutschland der Fall ist. Die einzige Autonomie, die in Italien Sinn macht, ist jene in Südtirol, weil dort sprachliche Minderheiten leben. Das Südtiroler Gruber-De Gasperi-Abkommen ist perfekt und sollte keineswegs geändert werden. Die Autonomie in Regionen wie Friaul, Sardinien und Sizilien hat keinen Sinn und vergrößert nur die Bürokratie”.

Unterstützung erhält die rechtspopulistische Lega Nord im Wahlkampf für das Autonomie-Referendum von verbündeten politischen Kräften des Mitte-Rechts-Lagers in Italien. Der Chef der konservativen Forza-Italia, Silvio Berlusconi, versprach sein “volles Engagement” in den letzten Tagen der Wahlkampagne vor der Volksbefragung. “Mit dem Referendum haben Regionen, die besonders gut verwaltet sind, die Möglichkeit, zu mehr Autonomie zu gelangen. Hier geht es nicht um die Unabhängigkeit von Italien, sondern um eine effizientere Verwaltung”, meinte Berlusconi.

“Das ist kein egoistisches Referendum. Mit mehr Autonomie können unsere Steuergelder besser verwendet werden”, sagte auch der Venezianer Renato Brunetta, Forza Italia-Fraktionschef in der Abgeordnetenkammer. Er appellierte an die Bewohner der beiden Regionen, am Sonntag zu den Urnen zu gehen. Nur mit einer starken Wahlbeteiligung könne man Autonomie-Verhandlungen mit Rom Gewicht verleihen.

Von: apa