Länder wollen in Sachen Flüchtlingskrise zusammenhelfen

Berlin und Paris stehen in Flüchtlingskrise hinter Italien

Dienstag, 04. Juli 2017 | 05:06 Uhr

Mehr Geld für die libysche Küstenwache, verschärfte Grenzkontrollen im Süden des afrikanischen Landes und neue Regeln für Hilfsorganisationen, die Bootsflüchtlinge retten: Nach der Drohung Italiens mit einer Schließung seiner Häfen für Flüchtlingsboote haben Berlin und Paris Rom Unterstützung zugesagt. Ein Sechs-Punkte-Plan soll am Donnerstag beim Treffen der EU-Innenminister beraten werden.

Laut UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind im ersten Halbjahr bereits 83.650 Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien gelangt – fast ein Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum. Das italienische Rote Kreuz hatte die Lage in Aufnahmezentren im Süden des Landes als kritisch bezeichnet.

Am Sonntagabend war der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) deshalb mit seinen französischen und italienischen Kollegen, Gerard Collomb und Marco Minniti, in Paris zusammengekommen. An dem Treffen nahm auch EU-Flüchtlingskommissar Dimitris Avramopoulos teil.

Neu in dem Sechs-Punkte-Plan ist ein “Verhaltenskodex” für Hilfsorganisationen, die mit eigenen Booten Flüchtlinge vor der Küste Libyens retten. Einzelne EU-Regierungen werfen ihnen vor, damit das Geschäft von Schlepperbanden zumindest zu erleichtern. Ziel ist es laut Forderungskatalog nun, die Koordinierung mit den Hilfsorganisationen zu verbessern. Erstellen soll den Entwurf für den Kodex Italien.

Die Forderung von Italiens Innenminister Minniti nach einer Umleitung von Flüchtlingsbooten in andere EU-Staaten taucht in dem Sechs-Punkte-Plan nicht auf. Dies sei aus Sicht der Partnerländer “nicht die geeignetste Option”, hieß es aus dem Umfeld von Frankreichs Innenminister Collomb. “Andere Punkte waren entscheidender”, hieß es in Berlin.

Die anderen fünf vereinbarten Maßnahmen sind bereits länger auf europäischer Ebene vereinbart oder zumindest im Gespräch. Die Minister verlangen, die libysche Küstenwache finanziell stärker zu unterstützen. Ähnliches gilt für das Vorhaben, dem UNHCR und Migrationsorganisation IOM beim Aufbau von Flüchtlingslagern nach internationalen Standards in Libyen zu helfen.

Darüber hinaus sollen “konkrete Optionen” geprüft werden, um Libyens Südgrenze besser zu kontrollieren und “Ströme irregulärer Migranten in Abstimmung mit den Nachbarländern Libyens besser einzudämmen”. Auch Abschiebungen aus Europa mit Hilfe der EU-Grenzbehörde Frontex sollen verstärkt werden. Dabei soll eine “abgestimmte Neubewertung der Visa-Politik gegenüber Drittstaaten” die Zahl der Rückführungen erhöhen.

Daneben fordert der Plan, die in der EU beschlossene Umverteilung von Asylbewerbern in der EU “vollständig und beschleunigt” umgesetzt wird. Mehrere osteuropäische Länder verweigern aber die Aufnahme. Berlin und Paris sicherten Rom nun zu, ihre Bemühungen zur Übernahme von Asylbewerbern zu verstärken.

Italien könne die Last nicht alleine tragen, warnte der UNHCR-Sondergesandte für das zentrale Mittelmeer, Vincent Cochetel. Er forderte von anderen Ländern “mehr Solidarität” bei der Flüchtlingsaufnahme.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl sprach vom “größten Angriff auf das europäische Asylrecht seit Gründung der EU”. Die drei Innenminister und die EU-Kommission wollten “eine doppelte Mauer gegen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer und an der Südgrenze Libyens errichten”, sagte Pro-Asyl-Geschäftsführer Günter Burkhardt. Sie versuchten damit offenbar, “das Problem aus Sichtweite des Radarschirms der Öffentlichkeit zu bekommen”.

Die Zahl der Flüchtlinge, die seit Anfang 2017 über das Mittelmeer nach Italien gekommen sind, ist gegenüber dem Vorjahr klar gestiegen. 85.183 Migranten erreichten die italienische Küste seit Jahresbeginn, das sind 19,5 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, wie das Innenministerium in Rom am Montag mitteilte. Die meisten der 2017 eingetroffenen Migranten stammen aus Nigeria, Bangladesch, Cote d’Ivoire und Gambia. Italien versorgt derzeit etwa 180.000 Flüchtlinge in Hotspots und anderen Einrichtungen. 9.781 unbegleitete Flüchtlinge trafen seit Anfang 2017 in Italien ein.

Österreich stellte in Italien zwei Anträge für die Aufnahme von insgesamt 30 unbegleiteten Minderjährigen, Familien und anderen schutzbedürftigen Personen im Rahmen des EU-Umverteilungsprogramms. Das Innenministerium in Wien signalisierte Italien seine Bereitschaft, insgesamt 50 Personen aufzunehmen. Dies soll in zwei Tranchen von 15 Personen und einer weiteren von 20 Flüchtlingen erfolgen. Österreich prüft derzeit die ersten elf Personen, die von Italien als Übernahme-Kandidaten im Rahmen des Relocation-Programms genannt wurden. Dabei geht es um “Personen im Familienverband und unbegleitete Minderjährige”.

Von: APA/ag.