"Diese Regierung besitzt keinen Zauberstab"

Coronavirus – Italiens Premier wies Kritik zurück

Montag, 09. November 2020 | 12:35 Uhr

Angesichts zunehmender Infektionszahlen in Italien hat Premier Giuseppe Conte auf den Vorwurf reagiert, seine Regierung habe in den vergangenen Monaten die Gefahr einer zweiten Infektionswelle unterschätzt. In einem Schreiben an die römische Tageszeitung “La Repubblica” (Montagsausgabe) wies Conte die Kritik zurück, nach dem Sommer sei die Regierung nicht ihren Pflichten zur Vorbeugung der neuen Epidemiewelle nachgekommen.

Die Regierung habe in den vergangenen Monaten hart gearbeitet, um das Gesundheitswesen zu stärken. Hinzu seien milliardenschwere Stützungsmaßnahmen für die von der Pandemie am stärksten betroffenen Wirtschaftssektoren ergriffen worden. Die Regierung habe unpopuläre Maßnahmen für die öffentliche Sicherheit beschlossen und den Ausnahmezustand bis März 2021 verlängert.

“Diese Regierung besitzt keinen Zauberstab, sie arbeitet jedoch seit Beginn der Pandemie im Februar hart. Wir sind mit einem Tsunami konfrontiert, der ganz Europa erschüttert. Alle Länder sind in Schwierigkeiten”, schrieb Conte.

Der Ärzteverband rief die Regierung auf, einen landesweiten Lockdown wie im März und April zu verhängen, um die Epidemiekurve zu drücken. Ansonsten drohe dem Gesundheitssystem der Kollaps. Sollte der jetzige Trend weiterhin anhalten, würde in einem Monat die Zahl des Todesopfer um 10.000 steigen. “Dann würden wir die Schwelle von 5.000 besetzten Plätzen auf den Intensivstationen überschreiten”, so der Präsident der nationalen Ärztekammer, Filippo Anelli.

Das Szenario sei “dramatisch”, sollte die Regierung keinen Lockdown verhängen. Das Problem sei, dass man bald nicht mehr Patienten behandeln könne, die unter anderen Krankheiten als das Coronavirus leiden. Daher seien drastische Maßnahmen notwendig.

Ähnlich sieht die Lage der Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten des Mailänder Krankenhauses “Sacco”, Massimo Galli. “Die Situation ist außer Kontrolle. Die Anti-Covid-Maßnahmen müssen mit extremer Strenge umgesetzt werden, wenn wir nicht bald in eine noch komplexere Situation geraten wollen”, sagte Galli im Interview mit dem TV-Sender Rai 3 am Montag.

Besonders schwierig ist die Lage der zur “roten Zone” erklärten norditalienischen Region Piemont. Die regionalen Gesundheitsbehörden appellierten an NGOs, Ärzte zu entsenden, da das regionale Gesundheitswesen nicht mehr in der Lage sei, dem zunehmenden Druck von Patienten Stand zu halten.

Nachdem Südtirol im Kampf gegen die Pandemie die Anti-Corona-Maßnahmen ausgedehnt hat, könnten auch weitere Regionen bald zur “roten Zone” mit besonders restriktiven Sicherheitsvorkehrungen erklärt werden. Kampanien, Venetien und Toskana signalisieren eine stark zunehmende Zahl an Neuansteckungen und könnten bald zur “roten Zone” werden. Besorgniserregend sei die Zahl in den Seniorenheimen, in denen mehrere Infektionsherde gemeldet wurden.

In Italien sind am Sonntag 32.616 neue Coronavirusinfektionen gemeldet worden. Laut Gesundheitsministerium gab es 331 Todesfälle, am Samstag waren es noch 425. Insgesamt stieg die Zahl der Todesopfer seit Ausbruch der Pandemie auf 41.394. Innerhalb von 24 Stunden wurden 191.144 Tests durchgeführt.

Von: apa