Rettungseinsätze belasten Einsatzkräfte sehr – VIDEO

Dem Tod knapp entronnen: Überlebende erzählen vom Eissturz

Dienstag, 05. Juli 2022 | 07:00 Uhr

Canazei – Ähnlich wie bei anderen schweren Unglücken war es auch beim Gletscherbruch an der Marmolada so, dass nur kleine Zufälle zwischen Leben und Tod von Menschen entschieden haben. Eine Verspätung, ein früherer Aufbruch oder die Entscheidung, nicht der Normalroute zu folgen, sondern über den Grat zu gehen, trennten auf dramatische Weise knappes Überleben vom Tod unter der Eis- und Gerölllawine. „Wir waren etwas weiter oben, wir umarmten uns und kauerten uns hin“, berichtet ein Paar, das den eigenen Worten zufolge den Luftdruck der Lawine – den eisigen Hauch des Todes – spürte.

Viele andere hatten nicht das Glück dieses Bergsteigerpaars. Das Gewicht und die Gewalt der Eis- und Gerölllawine, die mindestens zwei Seilschaften mitgerissen hatte, richteten die sterblichen Überreste der bisher geborgenen Bergsteiger dermaßen zu, dass es oftmals selbst nahen Verwandten unmöglich ist, ihre Angehörigen zu identifizieren. Um die Leichen mit letzter Sicherheit zuordnen zu können, werden in vielen Fällen genetische Untersuchungen notwendig sein.

Die bisher geborgenen Bergtoten wurden zum Eisstadion von Canazei gebracht, das zu diesem Zweck in eine Totenkammer umfunktioniert wurde. Am Abend trafen die ersten Familienmitglieder zur Identifizierung ein. Fünf Leichen wurden bereits identifiziert. Es handelt sich um vier italienische und einen tschechischen Staatsbürger. Ein Mann und eine Frau hingegen konnten bisher noch keinen Vermissten zugeordnet werden. Unter den Vermissten befinden sich Italiener, Deutsche, Tschechen und möglicherweise auch rumänische Staatsbürger.

Facebook/Corpo Nazionale Soccorso Alpino e Speleologico – CNSAS

Für die Rettungskräfte ist der Einsatz sehr belastend. „Es ist herzzerreißend, diese Leichen zwischen den Eisblöcken zu sehen. In so vielen Jahren habe ich so etwas noch nie gesehen“, so ein älterer Bergretter, der bereits an vielen Einsätzen mitgewirkt hatte.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es noch Überlebende gibt. Beim Überflug mit dem Hubschrauber haben wir gesehen, dass eine 200 Meter breite und 80 Meter hohe Eisflanke abgebrochen ist. Diese gewaltige Eis- und Geröllmasse ist von 3.200 Metern bis auf 1.800 Meter Seehöhe hinabgestürzt. Jene Personen, die verletzt worden sind, haben sich entweder am äußersten Rand dieser Eis- und Gerölllawine befunden oder sind von der gewaltigen Luftverdrängung erfasst worden. Für jene, die in die Lawine geraten sind, besteht wenig Hoffnung“, erklärt ein Bergretter.

APA/APA/NATIONALE ALPINE RETTUNGSEINKEIT

Zu jenen Glücklichen, die das schreckliche Unglück knapp überlebten, gehören ein Ingenieur aus Borso del Grappa, Stefano Del Moro, und seine Lebensgefährtin aus Israel. „Wir überlebten wie durch ein Wunder. Die Stelle, an der wir uns befanden, war etwas höher als jene der Opfer. Wir hörten ein dumpfes Geräusch und dann kamen die Eis- und Geröllmassen herunter. In solchen Fällen ist es sinnlos, wegzulaufen, man kann nur beten, dass es einen nicht trifft. Während die gewaltige Lawine an uns vorbeizog, umarmten wir uns fest und kauerten uns am Boden“, so Stefano Del Moro gegenüber dem Corriere della Sera.

Twitter/Storie Minerali

Stefano Del Moro und seine israelische Lebensgefährtin waren kaum 100 bis 200 Meter von jenen zwei Seilschaften entfernt, die tragischerweise von der Lawine mitgerissen wurden. Vom „Wasserfall aus Eis und Geröll“ spürten sie „nur“ den eisigen Atem des Todes. „Zuerst konnten wir sie noch von oben sehen, aber um uns zu schützen, drehten wir uns dann um“, beschreibt der Bergsteiger jene dramatischen Momente, als die Lawine zu Tal stürzte. Anschließend kehrten Stefano Del Moro und seine Freundin um und stiegen zur Biwakschachtel auf der Punta Penia hoch, von wo aus sie mit dem Hubschrauber ins Tal gebracht wurden.

Facebook/Montagna Magica

Auch Elisa Dalvit entging nur durch einen Zufall dem sicheren Tod. „Vier von uns stiegen über den Klettersteig des Westgrats auf, aber ein fünfter zog es vor, über die Normalroute aufzusteigen und den kleinen Klettersteig zu nehmen. Er kam erst nach uns an. Wir beschlossen, auf dem Gipfel auf ihn zu warten. Dies war unsere Rettung. Ansonsten wären wir jetzt alle unter der Lawine“, berichtet die junge Trentinerin aus Grumes der römischen Tageszeitung La Repubblica.

Alto Adige

Der 27-jährige Filippo Bari aus Malo in der Provinz Vicenza, der 48-jährige Tommaso Carollo aus Thiene, der 52-jährige Bergführer Paolo Dani sowie ein Paar, das in Tezze sul Brenta ein Bergsportgeschäft betrieb – der 51-jährige Davide Miotti und seine noch immer vermisste Frau Erica – besaßen dieses Glück nicht. Sie gehören zu den ersten identifizierten Opfern des Gletscherabbruchs von der Marmolada.

 

Von: ka

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6 Kommentare auf "Dem Tod knapp entronnen: Überlebende erzählen vom Eissturz"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Zugspitze947
1 Monat 5 Tage

Eine wahre Tragödie und wir trauern mit Allen Angehörigen und Freunden denen wir sehr viel Kraft wünschen 😢 Den Verletzten schnelle und vollständige Genesung 👌Ein grosser Dank an Alle Retter die sich da selbst in Gefahr begeben müssen 👌Ich habe mit meinen 2 Bergfreunden vor Jahren selbst die Maramolada über den Westgrat Klettersteig zur Punta Penia bestiegen und kann mich gut an diese anstrengende Tour errinnern. 👌

falschauer
1 Monat 5 Tage

wie kann so ein kommentar 👎erhalten, anscheinend sind hier einige völlig verblödet

Zugspitze947
1 Monat 5 Tage

falschauer : Danke ,leider hast du Recht 🙁

Laempel
Laempel
Tratscher
1 Monat 5 Tage

Es mag eiskalt klingen, aber das Leben hängt oft unvermutet an einem seidenen Faden. Manchmal hat man dennoch das Glück zur falschen Zeit nicht zu nahe am falschen Ort zu sein und nur deshalb zu überleben. Gewisse Naturgewalten sind und bleiben immer noch unberechenbar und unvorhersehbar. Das sollte jedes lebende Sternenstaubkorn im Universum ständig im Hinterkopf behalten und im Rahmen seiner sehr beschränkten Möglichkeiten entsprechend bewusst und vorausschauend agieren, um mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit nicht unausweichlich Spielball und Opfer übermächtiger Zerstörungskräfte zu werden.

Hustinettenbaer
1 Monat 5 Tage

Eins zu einer Million die Wahrscheinlichkeit – als gesunder Westeuropäer – morgens aufzustehen und abends tot zu sein.
18 Stunden lang oder 12.000 Kilometer im Flugzeug. “Im Auto genügen 530 Kilometer, um mit einer Eins-zu-einer-Million-Wahrscheinlichkeit zu sterben…Das Risiko, bei einem Marathonlauf zu sterben, liegt im Schnitt bei sieben zu einer Million [bzw. 7 Micromort] Tauchen: fünf… Zwei Tage Skifahren: anderthalb… Eine Ecstasy-Pille schlucken: ein halbes Micromort…
Bergsteigen ist riskant, doch auf den Gipfel des Mount Everest zu klettern ist leichtsinnig: mehr als 35.000 Micromort. Gefährlicher als eine Operation am offenen Herzen, gefährlicher als ein Bombereinsatz im Zweiten Weltkrieg.”
https://www.spiegel.de/spiegel/risikoforscher-david-spiegelhalter-ueber-alltagsrisiken-und-micromorts-a-1155888.html

Staenkerer
1 Monat 4 Tage

wie furchbor muaß es für de familien und freunde der vermissten sein de wissn se sein unter und decht hoffn das es nit stimmt, und de nit amoll wissn ob und wenn des riesige, eisige grob de überreste ihrer liebn wieder frei gib! furchborers gibs woll kaum!
ober wie belostend muaß des suachn a für de helfer sein, de olles gebn wern damit de familien, freunde der ormen bergfreunde ba an grob auf an friedhof trauen kennen!
in olle viel kroft und mut des zu verorbeitn!

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