Trinkwasser aus der Entsalzungsanlage für 4.000 Menschen – VIDEO

Dramatische Lage im Podelta: Das Meer „frisst“ den Fluss

Freitag, 01. Juli 2022 | 08:05 Uhr

Porto Tolle – Ein schneearmer Winter und ein trockenes Frühjahr ließen den Po zu einem von weiten Sandbänken gesäumten Rinnsal verkümmern. Besonders im letzten Teilstück des größten Flusses Italiens bis zur Mündung nimmt die Wasserkrise immer dramatischere Ausmaße an. Das größte Problem ist, dass das Salzwasser der Adria immer tiefer in die Flussarme, die das Podelta bilden, eindringt und von dort dem Lauf des Hauptarms des Pos folgend in das Binnenland vordringt.

Facebook/Autorità Distrettuale del Fiume Po

Infolge des Mangels an Niederschlägen und der hohen Hitze lässt sich laut der Behörde, die das Wasser des Einzugsgebiets des Pos verwaltet – die „Autorità di Bacino Distrettuale del Fiume Po“ – im Fluss salziges Adriawasser schon 30,6 Kilometer von der Mündung entfernt nachweisen. Da das Salzwasser allein in den letzten zehn Tagen fast zehn Kilometer weiter vorgedrungen ist, meinen Experten, dass die Adria noch weiter in den Po hinaufziehen wird. Die Wissenschaftler, die dieses wenig erfreuliche Phänomen beobachten, sprechen davon, dass das Meer den Fluss „frisst“.

Facebook/Autorità Distrettuale del Fiume Po

Besonders nachdenklich stimmt die Wissenschaftler, dass dieses massive Vordringen des Meerwassers heuer bereits zu Sommerbeginn auftritt. Andere Jahre sind mildere Varianten dieses an sich natürlichen Phänomens erst im Hochsommer beobachtet worden.

Facebook/Autorità Distrettuale del Fiume Po

Für die Menschen, die in der Nähe des letzten Teilstücks des Flusses wohnen, hat das Vordringen des Meeres dramatische Auswirkungen. „Wenn wir im letzten Teilstück des Flusses keinen angemessenen Durchfluss aufrechterhalten, ist in einem Gebiet, das Teile der Provinzen Ferrara, Ravenna und Rovigo umfasst und in dem rund 750.000 Menschen leben, die Versorgung mit Trinkwasser massiv gefährdet. Diese Menschen erhalten ihr Trink- und Nutzwasser durch Wasseraufbereitungsanlagen indirekt aus dem Po. Zudem könnte der Vormarsch des Brackwassers ganze Ernten ‚verbrennen‘“, so der Generalsekretär der Behörde, die das Wasser des Einzugsgebiets des Pos verwaltet, Meuccio Berselli, gegenüber der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera.

Die nächsten Tage, für die in Italien Rekordtemperaturen, aber keine Niederschläge erwartet werden, verheißen nichts Gutes. Die Bauern riskieren, dass ihnen das Bewässerungswasser noch schärfer rationiert wird. Das wahre Problem aber ist, dass für mehrere Hunderttausend Einwohner die Versorgung mit Trinkwasser immer problematischer wird.

Facebook/Comune di Porto Tolle

Mehrere Fraktionen von drei Gemeinden des Podeltas – Porto Tolle, Taglio di Po und Ariano Polesine – müssen bereits jetzt mit Wasser versorgt werden, das aus einer mobilen Entsalzungsanlage stammt, die der lokale Wasserversorger „Acquevenete“ für 150.000 Euro für zwei Monate vom französischen multinationalen Unternehmen „Veolia“ gemietet hat. Nur dank dieser Entsalzungsanlage, die auf einem Sattelanhänger montiert ist, kann den rund 4.000 betroffenen Einwohnern ausreichend Trink- und Nutzwasser zur Verfügung gestellt werden.

Da nach dem Durchlaufen der Anlage im entsalzten Wasser der Anteil von Natriumchlorid – umgangssprachlich Kochsalz genannt – gegenüber normalem Trinkwasser noch immer erhöht ist, wird bestimmten Personen und Risikogruppen davon abgeraten, das Wasser als Trinkwasser zu verwenden.

Zu den Risikogruppen gehören unter anderem Menschen, die an Bluthochdruck, Herz-Kreislauf- oder an Nierenerkrankungen leiden, sowie schwangere Frauen. Um Zweifel und Missverständnisse unter den Bürgern zu vermeiden, haben die Bürgermeister der drei betroffenen Gemeinden mitgeteilt, dass das künstlich entsalzte Wasser „für die allgemeine Bevölkerung trinkbar“ ist. Im selben Atemzug haben sie hinzugefügt, dass Risikogruppen vom Trinken dieses Wassers abgeraten wird. Diese Entscheidung fußt auf die Erkenntnisse einer Koordinierungsgruppe, die zwischen „Acquevenete“, dem Dienst für Lebensmittelhygiene und Ernährung, der Abteilung für Prävention des lokalen Sanitätsbetriebs und den Gemeinden eingerichtet worden ist.

„Acquevenete“ hofft nach einer ersten Probephase den Salzgehalt des entsalzten Trinkwassers weiter zu drücken. „Die Proben mit den erhöhten Natriumchloridwerten stammen noch aus der Erprobungsphase der Anlage. Der Salzgehalt ist etwas höher als sonst, aber das bedeutet nicht, dass das Wasser nicht trinkbar ist. Die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden haben für Risikogruppen Empfehlungen abgegeben. Nach weiteren Anpassungen ist die Entsalzungsanlage nun in Betrieb und läuft mit voller Kapazität“, erklärt der Präsident von „Acquevenete“, Piergiorgio Cortelazzo.

Das Schicksal der Einwohner des Polesine, die an Wassermangel leiden, mag fern von Südtirol sein, aber die Schwierigkeiten, die diese Menschen zu bewältigen haben, veranschaulichen auf drastische Art und Weise, welche Auswirkungen die Folgen des Klimawandels auf die Lebensumstände dieser Menschen haben.

Von: ka

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