Die Seilbahn hatte schon länger Probleme

Ermittlungen gegen weitere Seilbahn-Mitarbeiter nach Unglück

Donnerstag, 27. Mai 2021 | 18:12 Uhr

Die Ermittlungen rund um das Seilbahnunglück am Lago Maggiore am Sonntag mit 14 Toten ziehen weitere Kreise. Nachdem am Mittwoch der Eigentümer der Seilbahn-Gesellschaft, der Direktor und der Cheftechniker festgenommen wurden, werden die Ermittlungen auf weitere Mitarbeiter ausgedehnt. Laut den Ermittlern hatte die Seilbahn bereits seit eineinhalb Monaten technische Probleme, von denen viele Mitarbeiter der Gesellschaft informiert waren.

Der festgenommene Direktor der Seilbahn-Betreibergesellschaft “Ferrovie del Mottarone” bestreitet die Vorwürfe der Staatsanwälte. Er dementierte, über die absichtliche Abschaltung eines Sicherheitssystems informiert gewesen zu sein, die das Unglück mit 14 Todesopfern verursacht haben soll. Der Direktor sei “ein äußerst gewissenhafter Ingenieur”, betonte sein Anwalt.

Der 51-jährige Ingenieur habe die verschiedenen Eingriffe der vergangenen Monate rekonstruiert und könne sich den Seilriss nicht erklären, auch weil alle Prüfberichte immer positiv ausgefallen seien, berichtete der Anwalt laut Medienangaben. Das Abschalten der Notbremse sei bei besonderen Eingriffen vorgesehen, aber natürlich nie bei einem Personenbetrieb.

Der Seilbahn-Einsatzleiter, der in der Nacht auf Mittwoch mit dem Direktor und dem Eigentümer der Seilbahnanlage festgenommen worden war, hat gestanden, dass die Notbremse absichtlich ausgeschaltet worden sei. “Es gab eine Störung an der Seilbahn, das Beförderungsteam hat das Problem nicht oder nur teilweise gelöst. Um die Verbindung nicht zu unterbrechen, entschieden sie sich, die ‘Gabel’, die verhindert, dass die Notbremse in Kraft tritt, an Ort und Stelle zu lassen”, berichtete Albert Cicognani, der Carabinieri-Offizier, der die Ermittlungen führte.

Die ermittelnde Staatsanwältin Olimpia Bossi sagte, es habe sich um eine “absolut absichtliche” Entscheidung gehandelt, um den Betrieb der Seilbahn aufrecht zu erhalten. Die Gabel zum Außerkraftsetzen der Notbremse sei am Sonntag sicherlich nicht zum ersten Mal eingesetzt worden. Die Seilbahn hatte demnach schon seit eineinhalb Monaten Probleme. Die Staatsanwaltschaft sprach von “unbedachtem Verhalten” der Angeklagten, für die es zu einer schweren Strafen kommen müsse. Bossi erklärte, die drei Verdächtigten seien wegen konkreter Fluchtgefahr festgenommen worden.

Die für die Wartungsarbeiten zuständige Südtiroler Firma Leitner AG will sich nun als Nebenklägerin gegen die Betriebsleitung und die Eigentümer einlassen. “Die Verwendung der sogenannten Klammer zur mechanischen Verriegelung der Tragseilbremsen ist ausschließlich bei Wartungsarbeiten erlaubt und bei Personentransporten sowie im Normalbetrieb ausdrücklich verboten”, sagte Vorstandsvorsitzender Anton Seeber in einer Stellungnahme am Donnerstag. Die “Manipulation der Sicherheitssysteme” sei eine “schwerwiegende Straftat”, hielt Seeber fest. Etwaige Schadensersatzansprüche wolle das Unternehmen an die Familien der Opfer weitergeben.

Leitner betonte, dass eine Dokumentation über die Instandhaltungsarbeiten an der Seilbahn Stresa-Mottarone zeigen würde, dass die Arbeiten “stets mit Sorgfalt und mit Bedacht auf die Sicherheit” sowie “zeitnah” ausgeführt wurden. Am 30. April habe eine von Leitner beauftragte spezialisierte Firma eine Überprüfung der Fahrzeugbremsen durchgeführt, deren Ergebnis am 3. Mai an Leitner übermittelt worden war. “Diese Überprüfung ergab keine Auffälligkeiten. Im Zuge dessen wurden auch die Druckspeicher der Tragseilbremsen aufgeladen”, hieß es. Es habe seither keine weitere Anfrage von der Seilbahn gegeben, es wurden auch “keine weiteren Probleme mit dem Bremssystem bekannt gemacht”. Leitner wolle jedenfalls mit den Behörden zusammenarbeiten, um den Unfallhergang zu rekonstruieren bzw. aufzuklären.

Der italienische Verkehrsminister Enrico Giovannini betonte bei einer parlamentarischen Fragestunde in Rom, es gebe “schwerwiegende Beweise” für die Verantwortung des Seilbahn-Einsatzleiters, der mit Zustimmung des Direktors und des Eigentümers der Anlage das Sicherheitssystem ausgeschaltet habe, obwohl im die potenzielle Gefahr bewusst gewesen sei. “Dieser tragische Unfall bedeutet eine tiefe Wunde für Italien”, sagte Giovannini, der den Familienangehörigen der Opfer kondolierte. Er lobte den Einsatz der Rettungsmannschaften, die exzellente Arbeit in einem schwierigen Bergumfeld geleistet hätten.

Inzwischen hat sich der Zustand des einzigen Überlebenden gebessert, eines fünfjährigen Buben, der mit mehreren Frakturen in einem Krankenhaus in Turin liegt. Der Israeli, der bei dem Unglück seine Eltern, seinen zweijährigen Bruder und zwei Urgroßeltern verlor, komme schrittweise zu sich und sei nicht mehr intubiert, teilte Klinik-Chef Giovanni La Valle mit. Die Leichen der verstorbenen Angehörigen des Buben wurden am Mittwoch zum Mailänder Flughafen gebracht, um nach Israel überführt zu werden. Dort wurden am Donnerstag die Eltern des Buben beigesetzt.

Hunderte Menschen beteiligten sich in Aviel, einer Gemeinde unweit von Zikhron Yaacov im Norden Israels an der Trauerzeremonie für Amit und Tal Biran und ihrem zweijährigen Sohn Tom. Beim Unglück starben auch die Großeltern mütterlicher Seite der 27-jährigen Tal Biran. Sie und ihr Mann Amit lebten seit einigen Jahren in der lombardischen Stadt Pavia, in der am Freitag ein Trauertag geplant ist. An der Trauerzeremonie in Israel beteiligte sich auch der italienische Botschafter in Israel, Gianluigi Benedetti. Er bezeichnete die Beerdigung als “bewegend”.

Unterdessen hatte der Fachverbandes der Seilbahnen in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) auf die “strengen Auflagen für den Betrieb” der Seilbahnen in Österreich hingewiesen. Vorschriftsmäßig ist demnach z. B. jede Anlage jährlich einer umfangreichen Hauptrevision zu unterziehen. “Ergänzende Prüfungen erfolgen, je nach Bauteil, entweder durch die akkreditierte Stelle, eine qualifizierte Fachfirma oder den Hersteller”, erklärte Christian Felder, Vorsitzender des Technikerkomitees der Seilbahnwirtschaft.

Tritt bei wiederkehrenden Prüfungen ein Mangel hervor, der eine unmittelbare Betriebsgefahr darstellt, muss das Unternehmen den Seilbahnbetrieb, ohne auf eine behördliche Verfügung zu warten, sofort einstellen. “Auch in Bezug auf das Seil werden regelmäßige Überprüfungen durchgeführt. Zum einen erfolgt dies durch die monatliche visuelle Seilkontrolle, die eine Erkennung von Drahtbrüchen, die sich an der Seilaußenseite befinden, und somit ein rechtzeitiges Erkennung eines angehenden Schadens sicherstellt”, sagte Felder. Zum anderen werde das Seil durch ein magnetinduktives Prüfverfahren inspiziert. Allein für die vergangene Wintersaison hätten die heimischen Unternehmen rund 150 Millionen Euro für die Bereiche Sicherheit, Qualität und Komfort der Anlagen investiert, betonte Fachverbandobmann Franz Hörl

Von: apa

Kommentare

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29 Kommentare auf "Ermittlungen gegen weitere Seilbahn-Mitarbeiter nach Unglück"


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Look_at_Yourself
Look_at_Yourself
Superredner
16 Tage 3 h

Wie kann man nur so verantwortungslos mit dem leben anderer Menschen umgehen?
Meine erste Vermutung war ja, Sabotage.
Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass das Seil reißt und dann auch noch die Bremse versagt.
Aber wie es sich jetzt darstellt, ist es ja noch viel schlimmer. Es ist Geldgier in Verbindung mit grenzenloser Dummheit!

Sag mal
Sag mal
Kinig
16 Tage 1 h

look….und die 👎!!!Würdet Ihr s auch “so” machen??????

Zugspitze947
16 Tage 41 Min

look-at… leider genau sooooooooo isztes ,aber aussprechen darf majn das scheinbar nicht ohne massive MINUSPUNKTE zu bekommen ! Aber DAS ist mir Egal,meine Lebnserfahrung als ehemals erfolgreich Selbständiger sagt mir da muss man KLARTEXT reden und nicht vertuschen 🙂

Staenkerer
15 Tage 5 h

wenns geld lockt wern schun mehrere gleichgültig und unvorsichtig und vergessen der strengen vorschriften, sicher in viele andere Bereiche a und sicher a ba ins!

Guri
Guri
Superredner
16 Tage 2 h

ich kenne die Firma Leitner , und lege dafür die Hand ins Feuer . es gibt keine halben Sachen , alla wird schon halten .

Chrys
Chrys
Superredner
16 Tage 1 h

Wollen wir hoffen, dass er schriftlich und unmissverständlich die Anweisung gegeben hat, dass die Bahn mit den deaktivierten Bremsen nicht in Betrieb genommen werden darf.

Asou_nit_gewisst
Asou_nit_gewisst
Grünschnabel
15 Tage 23 h

Sorry, aber es kann doch nicht sein dass immer alles schriftlich festgehalten werden muss. Das ist einfach zu viel Bürokratie! Wenn ein Maurer dem anderen einen Ziegel in die Hand drückt soller ihm einen Einschreibbrief mitgeben worin steht dass er aufpassen muss dass im der Ziegel nicht auf den Fuß fällt? Vieleicht auch noch unterschreiben lassen….sicher ist sicher

Offline
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Universalgelehrter
15 Tage 20 h

@Asou_nit_gewisst..dass jemand durch einen Ziegelstein, welcher ihm auf den Fuß fällt, getötet wird, ist eher unwahrscheinlich. Bei der bewussten Manipulation einer Sicherheitseinrichtung einer Seilbahn ist die Wahrscheinlichkeit für einen (tödlichen) Unfall deutlich höher..

Zugspitze947
15 Tage 19 h

Chrys: da bin ich mir ganz sicher dass DAS schriftlich vorliegt ! Die Fa. Leitner ist weltweit tätig und kein Anfängerbetrieb 🙂

Offline
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Universalgelehrter
15 Tage 19 h

Die IG “bei Offline immer 👎” macht sich mehr und mehr lächerlich….

Chrys
Chrys
Superredner
15 Tage 5 h

Die Position der Firma Leitner wird schon etwas kritisch gesehen. anscheinend ist das Seil genau bei der Kabinenanbindung gebrochen und genau dort ist es nicht möglich eine Seilüberprüfung vorzunehmen. Deswegen muss dieses Stück alle 5 Jahre erneuert werden. Das hat die Firma Leitner von 4,5 Jahren gemacht.

Ivolivio
Ivolivio
Grünschnabel
14 Tage 20 h

@Chrys im Wartungshandbuch, was gesetzlich vorgeschrieben ist, stets drinn 👍🏻

schwarzes Schaf
schwarzes Schaf
Superredner
16 Tage 4 h

Na dannhoffen wir, das unsere Seilbahnbetreibe dies nicht tun

nuisnix
nuisnix
Universalgelehrter
16 Tage 2 h

Jetzt sicher nicht mehr!

Zugspitze947
16 Tage 3 h

Unglaublich wie manche Menschen über Leben und Tod entscheiden !😡😢😡 Bei so einer Bahn bedarf es einer VERANTWORTUNGSBEWUSSTEN Handhabung ,beim geringsten Zweifel MUSS der Betrieb sofort eingestellt werden !  Das trifft die Angehörigen der Toten noch tiefer ins Herz. Man kann Ihnen nicht genug Trost und Kraft wünschen mit dieser Tragödie fertig zu werden 😢👌😢

Dolomiticus
Dolomiticus
Superredner
16 Tage 1 h

Habe gestern im nationalen Radio gehört, dass nur die italienische Gesetzgebung ein Notbremssystem auf den Kabinen einer Seilbahn vorsieht. In Frankreich, wo sehr viele dieser Pendelbahnen in Betrieb sind, gibt es diese Sicherheitsmaßnahme gar nicht. Wie es scheint, gehen die Franzosen davon aus, dass es unmöglich sein, ein Zug- oder Tragseil könnte reißen…

Asou_nit_gewisst
Asou_nit_gewisst
Grünschnabel
15 Tage 23 h

Es ist äusserst unwahrscheinlich dass ein Seil bricht. Wenn das Tragseil bricht hilft die Bremse ohnehin nichts. Also mich würde schon interessieren warum das Zugseil gebrochen ist, denn wie gesagt ist die Wahrscheinlichkeit dass das ohne irgend ein zutun passiert verschwindend gering.

ohma
ohma
Grünschnabel
15 Tage 21 h

@Dolmiticus
Da muss einer was falsch verstanden haben, dass französische Bahnen kein Notbremssystem besitzen halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Ivolivio
Ivolivio
Grünschnabel
14 Tage 20 h

@ohma ist aber so…

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
14 Tage 14 h

Das stimmt nur zum Teil: die Notbremse gibt es nicht nur in Italien, sondern überall dort, wo ein Zugseil brechen könnte.
In Frankreich wird es ausgeschlossen, dass ein zugseil bricht, weil dort das zugseil keine Ende hat, sondern wie bei den umlaufbahnen gespleisst wird und rundherum verläuft. Die Gondel wir dann alleweil woanders angeklemmt, sodass das Zugseil gleichmässig geansprucht wird. Es gibt im frankreich also keinen Seil-Kopf, der nicht untersucht werden kann.

Offline
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Universalgelehrter
15 Tage 20 h

Mag ja sein, dass es nicht Jeder/m aufgefallen ist, aber mich “stört” an der Berichterstattung die doch sehr einseitige und sich ständig wiederholende Erwähnung der israelischen Opfer. Vielleicht liegt es ja auch an den Ereignissen der zurückliegenden Wochen. Dass es ein iranisches Todesopfer gab, musste ich “googeln” und auch die Italienischen sind nur am Rande erwähnt..

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
14 Tage 14 h

Von den anderen hat aber niemand überlebt.
Das Tragische an dem israelischen Kind ist ja, dass er die gesamte familile verloren hat.

Offline
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Universalgelehrter
14 Tage 4 h

@Gredner..ist ja richtig. Aber das Wie und Wann die verstorbenen Angehörigen des Jungen in ihre Heimat zurücktransportiert werden, hat mit dessen traurigem Schicksal überhaupt nichts zu tun. Der getötete Iraner und die italienischen Opfer haben auch Angehörige und sollen in ihre Heimat überführt und dort bestattet werden. Hast du davon auf SN gelesen ? Ich nicht !!!

Storch24
Storch24
Kinig
16 Tage 32 Min

Früher gab es ein Gesetz , das dich verpflichtet die Seile nach 15 Jahren auszutauschen. Heute nicht mehr. Man verlässt sich dem Verantwortungsbewusstsein der Betreiber ?

Asou_nit_gewisst
Asou_nit_gewisst
Grünschnabel
15 Tage 23 h

Nein, das Seil wird jährlich geprüft.

Gescheide
Gescheide
Tratscher
15 Tage 22 h

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!!!!

Faktenchecker
15 Tage 4 h

Sogar der deutsche Boulevard berichtet über die große Unzuverlässigkeit unserer italienischen Seilbahnbetreiber.

Fraser
Fraser
Grünschnabel
15 Tage 3 h

Hoffntlich a Weckruf fir olle ondon wos des a aso betreibm bzw betriebm hobm!!

Parteikartl
Parteikartl
Tratscher
15 Tage 38 Min

Diesen “Fehler”  des “Forcone” der die Notbremse ausschaltet, müsste an Anderer Stelle als “Elektro-Magnetischer Impuls” angebracht werden – andernfalls blockiert die Kabine – damit hier kein Schindluder betrieben werden kann.
Dazu darf die Kabine mit 2 “forconi” nicht starten….
Die “Weisheiten” zur Seilbahnsicherheit wie sie scheinbar in Österreich gelten, sind Europaweit STANDARD. Doch wenn die Menschenhand sich ins Spiel bringt wird es solche Unglücke auch in Zukunft geben…..

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