Region Apulien zahlt eine Million Euro Schadenersatz – VIDEO

Erschütternd: Babys im Jahr 1989 vertauscht

Dienstag, 20. September 2022 | 08:04 Uhr

Canosa – Weil im fernen Jahr 1989 im Krankenhaus von Canosa di Puglia zwei Babys miteinander vertauscht worden waren, wurde die Region Apulien vom Gericht von Trani dazu verurteilt, an die Opfer insgesamt eine Million Euro zu zahlen. Mit Blick auf den DNA-Test und die Ermittlungsergebnisse sahen es die Richter von Trani als erwiesen an, dass die beiden Babys entweder kurz nach dem Kaiserschnitt oder auf dem Weg zur Neugeborenenstation untereinander vertauscht worden waren.

Es dauerte Jahre, bis sich herausstellte, dass Antonella Z. die leibliche Tochter von Michele und Caterina ist und nicht von Loreta M. und Vito O., die sie an einem Tag im Juni 1989 von der Neugeborenenstation von Canosa in ihr Haus in Trinitapoli gebracht hatten. Was sich damals im Krankenhaus von Canosa abgespielt hatte, war zweifellos eine Vertauschung zwischen zwei Babys gewesen, die im Abstand von nur elf Minuten geboren worden waren. Aus diesem Grund verurteilte das Gericht von Trani die Region Apulien nach einem siebenjährigen Rechtsstreit Mitte August dazu, einer der beiden Familien, der es verwehrt worden war, ihre leibliche Tochter aufzuziehen, eine Entschädigung von etwas mehr als einer Million Euro zu zahlen.

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Angesichts einer ursprünglichen Forderung von fast neun Millionen Euro entschied Richterin Roberta Picardi, dass Antonella Z. ein Schadenersatz von etwas mehr als einer halben Million Euro zusteht. Ihren leiblichen Eltern hingegen wurden jeweils 215.000 Euro und ihrem wahren Bruder weitere 80.000 Euro zugesprochen. Zudem haben alle Geschädigten Anrecht auf die Zinsen, die seit 2013 anfallen, als ein von der IRCCS von Castellana durchgeführter DNA-Test zweifelsfrei ergab, dass Antonella die Tochter von Eltern war, die sie bis zu diesem Tag nie gekannt hatte.

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Die Richter begründeten ihre Verurteilung mit der „äußerst schwerwiegenden Fahrlässigkeit und Nachlässigkeit“ der „Hebammen und Krankenpflegerinnen“, die am 29. Juni 1989 im Krankenhaus von Canosa ihren Dienst versehen hatten. Die beiden innerhalb von nur elf Minuten per Kaiserschnitt geborenen Mädchen waren in die Neugeborenenstation des Krankenhauses gebracht worden, die sich in einem anderen Stockwerk als der Kreißsaal befand. „Es ist wahrscheinlich, dass die Vertauschung zum Zeitpunkt der Entbindung im Kreißsaal geschehen ist oder, was noch wahrscheinlicher ist, auf der Neugeborenenstation stattgefunden hat, wohin die neugeborenen Mädchen fast zur selben Zeit gebracht worden sind“, befand das Gericht von Trani, das auch feststellte, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass damals im Krankenhaus Identifikationsarmbänder verwendet worden waren.

„Da die beiden Eltern nach mehr als zwanzig Jahren plötzlich feststellen mussten, dass sie nicht die von ihnen gezeugte Tochter, sondern das von einer anderen Frau geborene Kind großgezogen hatten, und sie erkennen mussten, dass die elterliche Beziehung zu ihrer leiblichen Tochter verloren war, muss die Entschädigung den aufgrund der Beeinträchtigung der elterlichen Beziehung entstandenen immateriellen Schaden abdecken. Dies bezieht sich darauf, dass ihrer leiblichen Tochter ein dramatisches Schicksal ereilt war, was dazu führte, dass sie zu ihr keinerlei Beziehung aufbauen konnten, wodurch ihre Existenz zerrüttet wurde“, so das Gericht von Trani in seiner Urteilsbegründung.

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Das Gericht wies in diesem Zusammenhang auf das schwere Los hin, das Antonella getroffen hatte. Anstatt mit ihren leiblichen Eltern eine normale Kindheit zu erleben, war sie in eine sehr arme Familie geraten, in der es teilweise nicht einmal genug zu essen gegeben hatte. Außerdem war sie von ihrem „Vater“ geschlagen worden. Nach dem Auseinanderbrechen „ihrer Familie“ war sie zuerst in einem Heim gelandet. Ihre Lage hatte sich erst gebessert, als sie im Jahr 2008 von einer Familie adoptiert worden war. Diese betrachtet die junge Frau als ihre „natürliche“ Familie.

Das andere Mädchen, Lorena, hatte eine weniger traumatische, aber ebenso komplizierte Kindheit. Offenbar hatte das Kind gefühlt, dass Michele und Caterina nicht ihre wahren Eltern waren. Sie hatte immer wenig Lust verspürt, in die Schule zu gehen, hatte kaum volljährig geheiratet und war kurz darauf ausgezogen. Da ihre leiblichen Eltern spurlos verschwunden waren, konnte sie nie einen DNA-Nachweis durchführen. Von Michele und Caterina hingegen war sie im Jahr 2014 als Tochter aberkannt worden. Von der Region fordert sie ebenfalls eine Entschädigung in Millionenhöhe, aber ihr Verfahren wurde noch nicht abgeschlossen.

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Die Entdeckung der Vertauschung der Mädchen wurde zunächst auf das Jahr 2012 zurückgeführt, als die beiden Eltern, die nun entschädigt werden, angeblich ein Foto des „anderen Kindes“ auf Facebook entdeckt und eine verblüffende Ähnlichkeit bemerkt hatten. Dieses Foto wurde während des Prozesses „im Original“ gezeigt. Es war auch die Rede von einem zwischen den beiden Müttern „zwischen Mai und Juni 2012“ stattgefundenen Treffen.

Es ist aber genauso gut möglich, dass in jenem Jahr jemand, der damals in der Geburtshilfeabteilung von Canosa seinen Dienst versehen hatte, beschlossen hatte, sein Gewissen zu erleichtern. Das Gericht hörte auch einen pensionierten Gynäkologen an. Vor Jahren hatte auch jene Hebamme, die beide Entbindungen begleitet hatte, zu den vorgeladenen Zeugen gehört.

Die Region Apulien scheint gewillt zu sein, nicht in die Berufung zu gehen und den Schadenersatz leisten zu wollen. Ein Grund dafür ist, dass die Vertauschung zweifelsfrei bewiesen ist. Um ihre Verteidigungsthese – Verjährung der im Jahr 2015 eingereichten Schadensersatzklage – weiter zu stützen, müsste die Region beweisen können, dass sie von der Vertauschung wusste, bevor sie durch die DNA-Tests festgestellt wurde. Ein unmöglicher Beweis, so wie es heute auch unmöglich ist, die damaligen Gesundheitsangestellten des Krankenhauses von Canosa zu belangen. Und ebenso unmöglich ist es, Ansprüche gegenüber der Versicherungsgesellschaft geltend zu machen. Die für 1989 abgeschlossene Versicherungspolice ist in den Archiven nicht mehr zu finden.

Neben der Million Euro für Antonella und deren leiblicher Familie, dürften nach dem Abschluss des Verfahrens von Lorena – im Licht des Urteils der Richter von Trani gilt eine Verurteilung als sicher – auf die Region weitere Schadenersatzzahlungen zukommen. Kein Geld der Welt kann aber das Leid der beiden Mädchen und deren Eltern ersetzen, die durch einen fatalen Fehler um ein normales Familienleben gebracht wurden.

 

Von: ka

Kommentare

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7 Kommentare auf "Erschütternd: Babys im Jahr 1989 vertauscht"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Leonor
Leonor
Superredner
5 Tage 4 h

Geld regiert die Welt…

Faktenchecker
5 Tage 1 h

Unmenschlichkeit regiert Dich.

N. G.
N. G.
Kinig
5 Tage 1 h

Und was soll uns das sagen? Hättest du darauf verzichtet?

Leonor
Leonor
Superredner
5 Tage 23 Min

Faktenchecker

Hand aufs Herz: was nützt dir das ganze Geld für die verlorene Zeiten wegen Irrtum im Krankenhaus? Für mich rein gar nix! Das gibt dir nimmer zurück! Wie stellst du dir vor?

Rosenrot
Rosenrot
Superredner
4 Tage 23 h

Klar kann das Geld die verlorene Zeit mit dem eigenen Kind nicht ersetzten, aber Hand aufs Herz, wer von uns würde darauf verzichten? Ich nicht und Du, liebe Leonor, mit Sicherheit auch nicht, wenn es Dich betreffen würde. 

Leonor
Leonor
Superredner
4 Tage 20 h

Rosenrot

Dann ist dein Leben mehr auf Zweckmäßigkeitsdasein ausgerichtet, anstatt auf Gefühle anderer zu achten.

Summer
Summer
Superredner
4 Tage 23 h

Es geht immer nur ums Geld. Was ändert das Geld daran, ob es die jeweiligen vertauschen Kinder in einer guten oder weniger guten Familie deshalb aufgewachsen sind?
Möchte wissen, ob jetzt die betroffenen Personen die bis jetzt bekannten Eltern nicht mehr die Eltern sind? Wäre unverständlich, wenn sie jetzt aufeinmal nicht mehr als Eltern wahrgenommen werden, weil sie nicht biologisch die Eltern sind. Ich denke, die Eltern bleiben die Eltern, da ändert die Biologie nichts an 33 Jahren Elternschaft.

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