Bürgerkriegsflüchtlinge sind kaum auf den Booten

Immer mehr Migranten kommen über das Mittelmeer

Mittwoch, 26. April 2017 | 16:48 Uhr

Immer mehr Migranten kommen über das Mittelmeer nach Europa. “Von Jänner bis Mitte April sind fast 28.000 Menschen von Libyen aus nach Italien gelangt. Das ist ein Anstieg um 30 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum”, sagte der Chef der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex, Fabrice Leggeri, der “Passauer Neuen Presse”.

Es handle sich aber nicht um syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, sondern vor allem um Menschen aus Cote d’Ivoire (Elfenbeinküste), aus Guinea, Nigeria sowie Bangladesch. Die Schleuser nutzten die chaotische Lage in Libyen gnadenlos aus, sagte Leggeri. “Sie setzen inzwischen im Durchschnitt 170 Menschen in ein Boot – oft ohne Proviant und ausreichend Treibstoff. Vor zwei Jahren waren es im Schnitt 100 Migranten.”

Die Zahl der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Italien kommt, steigt dramatisch. Seit Jahresbeginn landeten 36.882 Migranten in Italien, das sind 36,3 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2016, teilte das italienische Innenministerium am Mittwoch in Rom mit. Unter den im Mittelmeer geretteten und nach Italien gebrachten Flüchtlingen waren 3.557 unbegleitete Minderjährige. Italien versorgt derzeit insgesamt 177.000 Flüchtlinge in Hotspots und anderen Einrichtungen.

Die Zahl der Bootsflüchtlinge, die von der nordafrikanischen Küste nach Italien kamen, hatte bereits 2016 einen neuen Höchststand erreicht. 181.000 Flüchtlinge wurden im Mittelmeer gerettet und nach Italien gebracht. 2015 waren es 170.000. Für heuer rechnet Italien mit einem neuen Rekordhoch bei der Zahl der Flüchtlingsankünfte.

Die Route von der Türkei durch das östliche Mittelmeer nach Griechenland ist laut Leggeri indes weitgehend geschlossen. “Seit Anfang des Jahres sind etwa 6.000 Menschen über diesen Weg nach Griechenland gelangt. Das sind 94 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, bevor das Abkommen mit der Türkei in Kraft getreten war.”

Seit März 2016 seien auch mehr als 1.000 Migranten in die Türkei zurückgebracht worden. Anzeichen, dass die Türkei das Flüchtlingsabkommen mit der EU nicht mehr umsetze, gebe es nicht. Über die Balkanroute habe es in diesem Jahr bis Ende März 2.800 illegale Grenzübertritte gegeben, sagte Leggeri weiter. Im Gesamtjahr 2016 waren es 123.000 gewesen. Auch dieser Weg sei inzwischen “praktisch geschlossen”.

Migranten versuchen zunehmend auch, aus der Türkei auf griechische Inseln zu gelangen, die näher zum griechischen Festland liegen als die sogenannten Hotspot-Inseln nahe der türkischen Küste. Schlepper verdienten damit “gutes Geld”, sagte ein Offizier der griechischen Küstenwache der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch.

Werden Migranten auf einer der Hotspot-Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos aufgegriffen, können sie in die Türkei zurückgeschickt werden. Das sieht der Flüchtlingspakt mit der EU vom April 2016 vor.

Am Dienstag hatte die griechische Polizei an einem Strand der Touristen-Insel Mykonos neun Männer und sechs Frauen aufgegriffen. Sie sagten, sie seien Syrer und seien an Bord eines Bootes von der Türkei übergesetzt, berichtete das griechische Staatsradio (ERT) am Mittwoch. Bereits am 6. April waren 20 aus Syrien stammende Migranten in Mykonos von den Sicherheitskräften aufgegriffen worden.

Migranten waren am Dienstag auch auf der Kleininsel Psara wenige Seemeilen westlich der Hotspot-Insel-Chios entdeckt worden. Es seien neun Menschen aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens gewesen. Die Polizei nahm zwei Griechen fest, die mit einem Schnellboot diese Menschen von der Insel Chios nach Psara gebracht hatten. Die Festgenommenen hätten gestanden, berichtete das Staatsradio weiter.

Von: APA/dpa