Hochgebirgskrieg im Ersten Weltkrieg in vielerlei Hinsicht einzigartig

Isonzo: “Nur langsame Abkehr von Heroisierung in Italien”

Donnerstag, 11. Mai 2017 | 06:50 Uhr

Der Beginn der entscheidenden Isonzo-Schlachten jährt sich heuer zum 100. Mal. Sie endeten mit einem militärischen Desaster für Italien, das gegen Österreich-Ungarn aber letztlich gewann. Zwar wird der Erste Weltkrieg heute auch in Italien vermehrt als “gewaltige Katastrophe” gesehen, doch gebe es nur eine langsame Abkehr von der Heroisierung, sagt der Historiker Richard Lein im APA-Gespräch.

Lein nennt als Beispiel die gewaltige Gedenkstätte im nordostitalienischen Redipuglia (Radepolach), das den italienischen Anspruch auf das frühere österreichisch-ungarische Gebiet untermauern sollte. “Das Gebiet gehört jetzt uns, die 100.000 Toten (die dort begraben lieben, Anm.) haben es erobert”, sagt der aus Wien stammende Militärhistoriker, der an der deutschsprachigen Andrassy-Universität Budapest und der Karl-Franzens-Universität Graz lehrt. Aus ähnlichem Grund seien unter Benito Mussolini in Südtirol besonders viele Kriegsfriedhöfe errichtet worden – oft ganz fern vom ehemaligen Frontgebiet. Nach 1945 sei vieles von diesem Zugang “unkommentiert weitergeführt worden”. Erst den vergangenen Jahrzehnten habe ein Umdenken eingesetzt.

“In Italien wurde der Erste Weltkrieg, vor allem das Ende, sehr positiv gesehen: Es war das Ende des Risorgimento und das Besiegen des ‘Erbfeindes.'” In der Zeit des Faschismus seien dann die italienischen Frontkämpfer zu “Wegbereitern für den faschistischen Staat” uminterpretiert worden.

Der Hochgebirgskrieg an der Isonzo-Front hat nach Darstellung Leins in vielerlei Hinsicht einzigartige Züge getragen: “Mir fallen keine ähnlichen Fälle ein, wo so lange, in einer so extremen Lage Krieg geführt worden wäre.” In einer sehr “lebensfeindlichen Umgebung” in der Nähe der Bergspitzen mussten die Soldaten zweieinhalb Jahre lang in Dauerstellungen durchhalten, und das über das ganze Jahr hindurch.

Lein schildert die Lebensumstände im Hochgebirge: Im Winter lag der Schnee fünf bis acht Meter hoch, sehr viele Soldaten starben durch Lawinen und Steinschläge – zu manchen Zeiten sogar mehr als durch Feindeinwirkung. Die Truppen “wohnten” zunächst in unterirdischen Kavernen, später in Holzhütten am Hang, die durch Lawinen besonders gefährdet waren. Dazu kam das extrem scharf splitternde Kalkgestein, das bei Beschuss wie eine Verstärkung der Waffe wirkte. Auch die Versorgungslage war extrem schwierig in den Hochgebirgslagen von 1.000-2.000 Metern oder höher: “Auf einen kämpfenden Soldaten kamen zehn Personen in der Versorgung – Soldaten, Zivilisten und sogar Kriegsgefangene, was allerdings eine Verletzung des Kriegsvölkerrechts darstellte.” Es war nämlich eigentlich verboten, Gefangene in kriegsrelevanten Tätigkeiten einzusetzen.

Ob es wirklich notwendig war, unter so extremen Bedingungen Krieg zu führen? Lein differenziert: “Es hätte Alternativen gegeben – nicht am Anfang, aber später schon.” Nach dem Angriff Italiens auf Österreich-Ungarn im Mai 1915 musste die Donaumonarchie die Verteidigungslinie ins Hochgebirge zurückziehen, da zu diesem Zeitpunkt fast alle Truppen an der Ostfront standen. Vor Ort waren meistens nur lokale Kräfte verfügbar. Später veränderte sich jedoch die Situation, und es kamen mehr reguläre Truppen zum Einsatz.

In dieser späteren Phase ist nach Ansicht des Historikers ein jahrelanger Stellungskrieg auf Bergspitzen militärisch schon weniger zu rechtfertigen: “In früheren Kriegen wäre auch keiner auf die Idee gekommen, auf einen Berg zu gehen”, erinnert er. “Da hat man Pässe und Verkehrswege gesperrt – das hat auch gereicht.”

(Das Gespräch führte Petra Edlbacher/APA)

Von: apa

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