Chatrian ist derzeit künstlerischer Leiter in Locarno

Italiener Carlo Chatrian soll neuer Berlinale-Chef werden

Mittwoch, 20. Juni 2018 | 14:08 Uhr

Er nennt sich selbst “filmverrückt”, ist experimentierfreudig und bestens vernetzt. Der 46-jährige Italiener Carlo Chatrian soll neuer Direktor der Berliner Filmfestspiele werden. Der künstlerische Leiter des Filmfests von Locarno wird laut Medienberichten Dieter Kosslick (70) als Berlinale-Chef ablösen. Eine offizielle Bestätigung gibt es nicht, die Berufung soll am Freitag bekanntgegeben werden.

Die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte zuletzt eine Doppelspitze für das neben Cannes und Venedig wichtigste Filmfestival der Welt favorisiert. Neben dem dreifachen Familienvater Chatrian als künstlerischem Chef wird es deshalb wohl noch eine geschäftsführende Leitungsposition geben – und es wäre ein Wunder, wenn sich Grütters nicht für eine deutsche Frau entscheiden würde.

Auf Chatrian wartet in Berlin mit dem weltweit größten Publikumsfestival ein riesiger Tanker. Angesichts radikal veränderter Sehgewohnheiten werden die Filmfestivals der Zukunft ganz anders als heute aussehen. Das weiß auch Chatrian, wie er im Interview der “Neuen Zürcher Zeitung” sagte: “Für mich stehen immer noch die Filme im Mittelpunkt, aber ich denke, heutzutage können Festivals nicht einfach nur Filme projizieren. Man muss etwas drumherum bieten.”

Der publikumswirksame Auftritt im Blitzlichtgewitter war bisher nicht Chatrians Sache. Sein Motto lautet “Hier sind die Filme die Stars!”. Ein Festival wie die Berlinale lebt aber auch von begeistert kreischenden Fans und glamourösen Star-Defilees auf dem roten Teppich – und auch zu Dieter Kosslicks mit Charme und Nonchalance gepflegten Show-Einlagen im Scheinwerferlicht dürfte Chatrians eher höflich zurückhaltendes Auftreten ein Gegensatz sein.

Noch im Vorjahr hatte Chatrian der “Zeit” gesagt, dass er die Berlinale für eines der spannendsten Filmfestivals halte, sich selbst aber nicht in der Rolle eines ihrer Leiter sähe. Deutsch versteht Chatrian recht gut, spricht es aber bisher nicht. Der ausgewiesene Filmkenner wurde in Turin geboren und studierte dort Literatur und Philosophie. Seit den 90er Jahren arbeitete er als Filmkritiker. Seit 2012 ist Chatrian künstlerischer Leiter des Filmfests von Locarno im Tessin in der Schweiz.

Chatrian hat ein Gespür für die Bedürfnisse des breiten Publikums wie der Fachbesucher. Er weiß auch um den Wert eines kommerziell gewichtigen Filmmarktes, dem von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Herzstück der Berlinale für professionelle Filmeinkäufer. Zufrieden mit der Berufung dürften die Regisseure sein, die in der Nachfolge-Debatte in einem offenen Brief einen inhaltlichen Neustart für das Festival gefordert hatten.

Dem deutschen Kino zeigte sich Chatrian als Locarno-Chef stets engagiert verbunden. So zeigte das Festival 2016 unter seiner Ägide eine viel beachtete Retrospektive zum ost- und westdeutschen Kino der 1950er und 60er Jahre. Regelmäßig lud er – anders als etwa Cannes – deutsche Filme in den Wettbewerb ein. Oder Chatrian zeigte sie außerhalb der Konkurrenz bei einer der legendären abendlichen Freiluftaufführungen für mehr als 8.000 Zuschauer auf der malerischen Piazza Grande von Locarno.

Die nächste Berlinale im Februar 2019 wird noch von Kosslick geleitet. An seiner Seite könnte dann auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz aber schon Carlo Chatrian als zukünftiger Chef stehen.

Von: APA/dpa