Nur wenige Menschen gehen in Italien derzeit auf die Straße

Lombardei warnt vor Kollaps des Gesundheitssystems

Dienstag, 10. März 2020 | 19:24 Uhr

In Italien gibt es trotz der von der Regierung ergriffenen drakonischen Vorbeugungsmaßnahmen immer noch keine Zeichen eines Rückgangs der Coronavirus-Epidemie. Nachdem am Dienstag 631 Todesopfer gemeldet wurden, 168 mehr als am Vortag, warnte die Lombardei erneut vor einem baldigen Zusammenbruch des Gesundheitssystems, sollten die Zahl der neuen Infektionen nicht bald sinken.

466 Patienten liegen in der Lombardei auf der Intensivstation, das sind 26 mehr als am Vortag. “Die Krankenhäuser der Provinzen Bergamo und Cremona sind am Rande ihrer Kapazitäten. Wir denken, Betten auch auf Messegeländen und in Hotels aufzustellen”, erklärte der Gesundheitsbeauftragte der Lombardei Giulio Gallera. Patienten sollen in Krankenhäuser der Nachbarregionen untergebracht werden.

Seit Anfang dieser Woche sei eine stärkere Bereitschaft in der Bevölkerung zu spüren, eine aktive Rolle im Einsatz gegen die Epidemie zu spielen. Gallera wiederholte seinen Appell an die Bürger, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, um sich und Angehörige keinen Gefahren auszusetzen.

Drei Todesfälle wurden indes in Friaul Julisch Venetien gemeldet. Die Zahl der Infizierten kletterte auf 89. Gegen die Ausbreitung der Infektion denkt die Region an die Schließung aller Geschäfte und Lokale.

Inzwischen wurden Polizeikontrollen auf den Zugangsstraßen zu den Metropolen eingeführt. Autofahrer können aufgefordert werden, zu begründen, warum sie unterwegs sind. Vor allem an der Einfahrt zu Mailand wurden laut Medienberichten Autofahrer kontrolliert.

Die italienische Regierung plant ein Wirtschaftspaket zur Eingrenzung der negativen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie im Wert von rund 10 Mrd. Euro. Sie will die Aussetzung von Steuerzahlungen, Strom- und Gasrechnungen für Familien beschließen. Auch die Rückzahlung von Wohnungskrediten soll vorübergehend eingefroren werden, berichtete Vize-Wirtschaftsministerin Laura Castelli im Interview mit “Rai Radiouno”.

Industrieminister Stefano Patuanelli erklärte im Interview mit “Radio Capital”, die Regierung sei sich bewusst, dass sie viele Opfer von den Italienern verlange. “Wir sind dazu gezwungen, weil unser Gesundheitssystem in eine Krise geraten könnte.” Der Minister hatte sich selbst unter Quarantäne gestellt, nachdem einer seiner Mitarbeiter sich am Coronavirus infiziert hatte. Die zweiwöchige Quarantäne geht für den Minister am Mittwoch zu Ende.

Der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, stellte sich aufgrund eines Italienaufenthaltes am vergangenen Wochenende selbst unter Quarantäne. Die italienische Regierung hatte kurz zuvor das Schutzgebiet infolge der Ausbreitung des Coronavirus per Dekret auf das gesamte Land ausgeweitet. “Aus diesem Grund habe ich mich, nachdem ich vergangenes Wochenende in Italien war, rein vorsorglich entschlossen, die angegebenen Maßnahmen zu befolgen und meine Funktion als Präsident von meinem Wohnort in Brüssel aus auszuüben, entsprechend der im Gesundheitsprotokoll angegeben Empfehlung von 14 Tagen”, teilte Sassoli mit. “COVID-19 verpflichtet jeden von uns, verantwortlich und umsichtig zu handeln. Dies ist ein heikler Moment für alle.”

Unterdessen setzten in Italien Gefängnisinsassen ihre Revolte fort. Bis Dienstagnachmittag wurden insgesamt elf Tote und mehrere Verletzte verzeichnet. Allein in der Strafanstalt der norditalienischen Stadt Modena stieg die Zahl der Todesopfer nach Unruhen am Dienstag auf acht. Drei Insassen kamen im Gefängnis der Stadt Rieti nördlich von Rom ums Leben. In rund 30 Gefängnissen des Landes sind seit Sonntag Revolten im Gange. Grund für die Proteste sind auch Maßnahmen gegen das Coronavirus. So wurden Besuche von Verwandten ausgesetzt. Die Insassen beklagten zudem schlechte hygienische Zustände in den stark überfüllten Strafanstalten.

Malta unterbricht indes alle Verbindungen im Personenverkehr nach Italien. Die Flüge zwischen beiden Ländern würden sofort gestrichen, sagte Ministerpräsident Robert Abela. Die Fähren, die täglich zwischen Malta und Sizilien verkehren, würden nur noch zum Transport von Medizingütern und anderer Fracht genutzt, berichtete die Tageszeitung “Times of Malta”. Der Beschluss wurde gefasst, nachdem ein vierter Infektionsfall auf der Insel gemeldet wurde. Auf Malta leben 9.000 Italiener. Weitere 15.000 befinden sich aus beruflichen, oder touristischen Gründen auf der Insel.

“Handelt verantwortungsbewusst und geht nicht aus dem Haus”

Ein junger Chirurg, Daniele Macchini, der die Lage im Krankenhaus, wo er arbeitet – das „Humanitas Gavazzeni“ von Bergamo -, beschreibt, richtet über Facebook einen dramatischen Appell an seine Landsleute. Darin bittet er die Bürger, verantwortungsbewusst zu handeln, sich an die Anweisungen der Behörden zu halten und nur aus unbedingt notwendigen Gründen aus dem Haus zu gehen.

Der junge Arzt erklärt, dass von den vielen Anordnungen, die täglich von der Sanitätsdirektion an das Gesundheitspersonal verschickt werden, eine die Krankenhausangestellten dazu auffordert, sich „in den sozialen Netzwerken verantwortungsbewusst“ zu verhalten.

„Aber wer schweigt, handelt nicht verantwortungsbewusst, und deshalb versuche ich, euch zu erklären, was es heißt, in diesen Tagen in einem Krankenhaus von Bergamo zu arbeiten. Ich verstehe die Notwendigkeit, keine Panik zu erzeugen, aber wenn ich sehe, dass die Botschaft über die Gefahr, der wir gerade ausgeliefert sind, bei den Menschen nicht ankommt, und dass Leute sich nicht an Empfehlungen halten, weiter Menschenansammlungen bilden und sich darüber aufregen, dass sie nicht mehr ins Fitnessstudio gehen können oder keine Fußballturniere mehr austragen dürfen, erschaudere ich. Ich verstehe auch den wirtschaftlichen Schaden und auch ich bin sehr besorgt darüber. Es wird ein Drama sein, nach der Epidemie wieder in den Tritt zu kommen“, so Daniele Macchini auf Facebook.

„Wir zerstören aber gerade unsere nationale Gesundheitsfürsorge. Ich habe dabei zugeschaut, wie in Vorbereitung auf den Krieg, den wir führen müssen, Abteilungen und Personal neu organisiert worden sind. Mir kommen keine anderen Worte in den Sinn. Der Krieg ist mit einem Mal ausgebrochen und wir befinden uns Tag und Nacht im Kampf. Einer nach dem anderen treffen die Unglückseligen in der Ersten Hilfe ein. Sie haben alle die gleichen Komplikationen. Hören wir auf damit, sie eine hässliche Grippe zu nennen. Gegen diesen Virus gibt es nur wenige pharmakologische Therapien. Der Krankheitsverlauf hängt von unserem Körper ab. Wir können ihn nur unterstützen, wenn er es nicht mehr schafft. Die Wahrheit ist, dass man vor allem hofft, dass unser Organismus mit dem Virus alleine fertig wird. Alle Antivirustherapien sind nur experimenteller Natur. Selbst wir sind damit beschäftigt, Tag für Tag sein Verhalten zu lernen“, fährt der junge Chirurg fort.

In una delle costanti mail che ricevo dalla mia direzione sanitaria a cadenza più che quotidiana ormai in questi giorni,…

Pubblicato da Daniele Macchini su Venerdì 6 marzo 2020

Wie bekannt ist, wird die Notlage nicht vom Virus selbst, sondern von der begrenzten Bettenanzahl in den Abteilungen für Intensivmedizin verursacht. Das stellt selbst Regionen wie die Lombardei, die über ein sehr gutes Gesundheitssystem verfügen, vor große Herausforderungen.

„Eine nach der anderen füllen sich die vorher geräumten Abteilungen mit einem unglaublichen Rhythmus. Wo vorher die Namen der Erkrankten und der verschiedenen Abteilungen gestanden sind, finden sich heute nur mehr jene der Wiederbelebung. Und anstatt des chirurgischen Eingriffs gibt es immer nur dieselbe, verdammte Diagnose: beidseitige, interstitielle Lungenentzündung. Und diese Krankheit trifft nicht nur ältere Leute. Ich versichere euch, dass wenn ihr seht, wie junge Leute in der Wiederbelebung landen und intubiert werden oder im schlimmsten Fall an ein ECMO-Gerät angeschlossen werden müssen, vergeht euch die Ruhe und Gelassenheit eurer Jugend“, so der dramatische Lagebericht von Daniele Macchini aus seinem Krankenhaus in Bergamo.

Der dramatische Appell des jungen Chirurgen ist in diesen Tagen, in denen ein Viertel der Bevölkerung Italiens über Nacht in Quarantäne gestellt worden ist, in der italienischen Öffentlichkeit nicht unentdeckt geblieben und hat vielen, bisher sorglos lebenden Italienern die Augen geöffnet. Sein Facebook-Eintrag wird seit seinem Erscheinen vielfach kommentiert und geteilt. Genauso wie alle Italiener und alle Menschen in Europa hofft Daniele Macchini nur, dass dieser Albtraum bald ein Ende nimmt.

ROBERTO BURIONI A CHE TEMPO CHE FA

"Purtroppo si muore per il coronavirus. Chiaramente uno di 20 anni si riprende meglio, ma non bariamo con le parole. Perché poi induciamo nelle persone la convinzione errata che questa malattia sia qualcosa che riguardi solo gli anziani e i malati."Medical Facts di Roberto Burioni a Che Tempo Che Fa.

Pubblicato da Che tempo che fa su Domenica 8 marzo 2020

 

Von: apa