Papst Franziskus warnt vor "Gesten der Intoleranz"

Papst: “Ängste gegen Ausländer nicht instrumentalisieren”

Donnerstag, 20. September 2018 | 13:12 Uhr

Während die EU-Staats- und Regierungschefs beim informellen Gipfel in Salzburg über europäische Migrationspolitik beraten, hat der Papst am Donnerstag die Politik aufgerufen, sich nicht der Versuchung einer “Instrumentalisierung” der Ängste gegenüber den Ausländern aus “kurzsichtigem Wahlinteresse” hinzugeben.

In einer Ansprache an die Teilnehmer der internationalen Konferenz zum Thema “Xenophobie, Rassismus und nationalistischer Populismus im Kontext der Weltmigrationen”, die von der vatikanischen Behörde für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen organisiert wurde, warnte der Papst vor “Gesten der Intoleranz, der Diskriminierung, oder Ausgrenzung”, die auf gravierende Weise die Würde und die fundamentalen Rechte der Menschen beeinträchtigen.

“Wir erleben Zeiten, in denen sich Gefühle des Verdachts, der Angst, der Verachtung und sogar des Hasses wieder aufleben gegenüber Menschen oder Gruppen, die aufgrund ihrer ethnischen, nationalen, oder religiösen Zugehörigkeit als anders betrachtet werden”, so der Papst. Er warnte auch vor der Ausbeutung der Arbeit von Ausländern. Wer Systeme der Schwarzarbeit oder gar der Sklaverei auf Kosten von Ausländern unterstütze, werde sich deswegen vor Gott verantworten müssen, warnte der Pontifex.

Auch die Religionsoberhäupter rief der Papst auf, sich gegen neue Formen von Xenophobie und Rassismus einzusetzen. Ihre Aufgabe sei es, unter den Gläubigen Prinzipien und ethische Werte zu verbreiten. Auch die Medien, die Schule und die Familie hätten die Pflicht, zu Respekt und Solidarität gegenüber Ausländern und Migranten zu erziehen, so der Papst.

Von 22. bis 25. September besucht Papst Franziskus die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. Die viertägige Reise führt ihn zum baltischen Marienheiligtum Aglona sowie in die Hauptstädte Vilnius, Riga und Tallinn. Als erster Pontifex in der Geschichte besucht der Papst auch die litauische Stadt Kaunas.

Einer der “starken und symbolträchtigen Momente” der Papstreise ist für Vatikansprecher Greg Burke der Besuch des Kirchenoberhaupts im KGB-Museum in Vilnius. Burke äußerte sich bei der Pressepräsentation des Reiseprogramms am Mittwochnachmittag im Vatikan. Der Papst wird demnach am Sonntag im Museum der Besatzung und des Freiheitskampfes, auch “Museum der Opfer des Genozids” genannt, zwei Zellen sowie den Hinrichtungsraum zum Stillen Gedenken aufsuchen und dort eine Kerze für die Verstorbenen anzünden.

Als weiteren bedeutenden Programmpunkt am Sonntag in Vilnius nannte der Vatikansprecher den Besuch des Papstes an einem unweit des Museums gelegenen Denkmal für die Opfer des jüdischen Ghettos, das Franziskus auf dem Weg zum Museum besucht. Es seien keine Reden vorgesehen, sondern nur ein stilles Gebet des Papstes in Anwesenheit der jüdischen Gemeinde sowie der litauischen Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite. Das Gedenken dort sei gerade am 23. September bedeutend, da das jüdische Ghetto in Vilnius vor 75 Jahren genau an diesem Datum von SS-Einheiten zerstört worden sei, erklärte Burke. Der Termin war kurzfristig ins Programm aufgenommen worden. Die Mehrheit der verbliebenen Ghettobewohner war nach dem September 1943 in Wäldern und Vernichtungslagern getötet worden.

Neu ins Programm aufgenommen wurde laut Burke zudem auf Wunsch des Papstes eine kurze Ansprache mit Ökumenevertretern bei einem Besuch des “Tors der Morgenröte” in Vilnius am Samstag. In dem Tor befindet sich die vielverehrte Marienikone “Muttergottes der Barmherzigkeit”. Auch Papst Johannes Paul II. betete hier bei seinem Besuch des Baltikums vor 25 Jahren. Das Tor ist ein bedeutender Wallfahrtsort für katholische wie auch orthodoxe Gläubige.

Auf dem Programm in Vilnius stehen zunächst ein Besuch bei Staatspräsidentin Dalia Grybauskaite. Anschließend betet der Papst in der Kapelle im “Tor der Morgenröte”. Außerdem ist am späteren Nachmittag ein Treffen mit Jugendlichen auf dem Platz vor der Kathedrale geplant.

Den Sonntag verbringt Franziskus zunächst in der Stadt Kaunas, wo er eine große Freiluftmesse im Santakos-Park feiert. Noch am selben Tag wird der Papst – wieder zurück in Vilnius – das “Museum der Besetzung und des Kampfes für die Freiheit” besuchen und zuvor am Denkmal für die Opfer des Ghettos beten.

Am Montag fliegt Franziskus weiter nach Lettland: In der evangelisch-lutherischen Kathedrale von Riga, dem größten baltischen Gotteshaus, ist eine ökumenische Begegnung vorgesehen. Nach dem Mittagessen fliegt der Papst im Hubschrauber in das Marienheiligtum Aglona, wo eine große Messe feiert. Der Gottesdienst gilt vielen als Höhepunkt des ganzen Baltikum-Besuchs.

Der letzte Tag der Baltikumreise gilt Estland. Auch hier wird Franziskus zunächst am kommenden Dienstag in der Hauptstadt Tallinn von Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid empfangen. Danach spricht der Papst beim zweiten großen ökumenischen Treffen während der Reise in der lutherischen Karlskirche vor Jugendlichen verschiedener Konfessionen. Zum Abschluss seines Baltikumbesuchs feiert der Papst auf dem Platz der Freiheit einen weiteren Gottesdienst unter freiem Himmel, bevor er nach Rom zurückkehrt.

In Litauen sind Katholiken mit rund 80 Prozent in der Mehrheit, in Lettland sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung katholisch und es überwiegt der Protestantismus. Die meisten Menschen in Estland sind konfessionslos und nur ein Viertel der Bevölkerung bekennt sich überhaupt zu einer Religion. Davon ist rund die Hälfte evangelisch-lutherisch, die Hälfte orthodox.

Offizieller Anlass des Papstbesuchs ist das 100-Jahr-Jubiläum der Unabhängigkeit aller drei baltischen Staaten, die vorher russisch waren und es 1945 wieder wurden.

Von: apa