Papst Franziskus beim vatikanischen Gipfeltreffen

Papst fordert konkretes Handeln gegen Kindesmissbrauch

Donnerstag, 21. Februar 2019 | 19:08 Uhr

Zu Beginn der viertägigen Kinderschutzkonferenz im Vatikan hat Papst Franziskus am Donnerstag von der Kirche konkrete Schritte zum Kampf gegen den Kindesmissbrauch gefordert. Die internationale Konferenz mit mehr als 100 Bischöfen dürfe sich nicht mit “schlichten und offensichtlichen Verurteilungen” der Taten begnügen, sagte Franziskus.

“Das Volk Gottes schaut auf uns und erwartet von uns keine einfachen und vorhersehbaren Verurteilungen, sondern (…) konkrete und wirksame Maßnahmen”, sagte das Katholikenoberhaupt. “Hören wir den Schrei der Kleinen, die Gerechtigkeit verlangen.” Wie um zu beweisen, dass er es ernst meint, legte er überraschend 21 Vorschläge zum Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern vor, die nun diskutiert werden sollen.

Erstmals sitzen sie alle hier zusammen, um über das Thema zu diskutieren, das in den vergangenen Monaten alles überschattete. Der Papst, die Chefs der Bischofskonferenzen, Ordensvertreter und die Spitzen der römischen Kurie. Die österreichische Bischofskonferenz ist durch den Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn vertreten. Seit die ersten Missbrauchsskandale ans Licht kamen, sind mehr als 30 Jahre vergangen. Die Bischöfe müssten Verantwortung übernehmen, es brauche “Konkretheit” gegen das “Übel”, so der Papst. “Die Jungfrau Maria möge uns erleuchten, um diese schweren Wunden zu heilen, die der Skandal der Pädophilie sowohl den Kleinen als auch den Gläubigen zugefügt hat.”

Die Opfer und viele Gläubige erwarten mehr als Erleuchtung. “Ihr seid die Heiler der Seele (…) – und in manchen Fällen habt ihr euch in Mörder der Seele, in Mörder des Glaubens verwandelt”, heißt es in einer Zeugenaussage eines anonymen Missbrauchsopfers, die den Teilnehmern vorgespielt wurde. Um Missbrauch zu beenden, müsse der ganze Krebs, nicht nur der Tumor entfernt werden. “Du brauchst Chemotherapie, Bestrahlung, du brauchst Behandlungen.”

Zu hören bekamen die Bischöfe auch das Zeugnis einer Frau, die über 13 Jahre von einem Priester vergewaltigt wurde. Immer und immer wieder. Dreimal sei sie gezwungen worden, abzutreiben – “ganz einfach, weil er keine Kondome oder Verhütungsmittel wollte”. Der Erzbischof von Brisbane, Mark Coleridge, bezeichnete die Worte der Betroffenen aus verschiedenen Regionen der Welt als “gewaltig”. Sie hätten ihn stärker bewegt, als er erwartet habe.

Bis Sonntag sollen die Kirchenmänner – es sind lediglich 10 Frauen unter den etwa 190 Teilnehmern – einen Ausweg aus der Krise finden. Der erste Tag steht unter dem Motto Verantwortung, am zweiten Tag wird Rechenschaftspflicht diskutiert und am dritten Transparenz.

Zudem gibt der Papst nun mit seiner “Roadmap” eine klare Linie für die Diskussionen vor. Nicht alle Vorschläge sind brandneu, wie der Kirchenrechtler und Theologie-Professor Thomas Schüller klarmacht. Viele Punkte kenne man aus dem deutschen und angelsächsischen Raum, die nun allen bekannt gemacht werden sollen. Neu sei zum Beispiel, dass verstärkt Laien und Nicht-Kleriker in Verfahren mit einbezogen werden sollen. “Bisher galt, dass Kleriker über Kleriker richten”, sagte Schüller. Der Theologe lobte den Vorschlag des Papstes, unabhängige Ansprechpartner für Opfer sexueller Gewalt verpflichtend einzusetzen. Das geschehe in Deutschland in weiten Teilen bereits, auf Ebene der Weltkirche fehle es daran aber weitgehend.

Franziskus schwebt außerdem vor, Experten bei der Auswahl von Kandidaten für das Priesteramt mit einzubeziehen. In einem anderen Punkt heißt es, die staatlichen Behörden und die übergeordneten kirchlichen Stellen bei Missbrauchsfällen nach “geltendem kanonischen und bürgerlichen Recht” zu informieren.

Bindende Beschlüsse können die Teilnehmer des Gipfels allerdings nicht fassen. Auch eine Abschlusserklärung steht bisher nicht auf der Agenda. Der Papst wird das Treffen am Sonntag mit einer Messe und einer Rede beenden. “Ich befürchte, dass wir große Reformschritte nicht von einer solchen Tagung erwarten können”, sagte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Kardinal Reinhard Marx, der als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in Rom dabei ist, erhofft sich “Impulse” für die gesamte Gesellschaft, damit Kinder und Jugendliche überall geschützt würden. “Wir sind schon einen Weg gegangen, in Deutschland sind wir spätestens seit 2010 intensiv in der Arbeit, aber wir wissen, die Arbeit ist nicht zu Ende”, sagte er.

Der Katalog der Forderungen der Opfer ist lang. Das Kirchenrecht müsse geändert werden, damit pädophile Geistliche nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. Es solle eine neutrale Kommission für die Aufklärung von Missbrauchsfällen geben. Auch Gewaltenteilung, unabhängige Berater an der Seite von Bischöfen und stärkere Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern werden gefordert. Andere wollen Akteneinsicht über pädophile Täter beim Vatikan.

Vereinzelt wird sogar die Forderung nach einem Konzil laut, also eine Bischofsversammlung, die Entscheidungen zur kirchlichen Lehre trifft. Das letzte Konzil fand von 1962-1965 statt. Es gilt als wegweisend für die Erneuerung der Kirche. Doch im Vatikan ist zu hören, dass das nicht zur Debatte steht.

Die Auftaktworte des Papstes gaben zumindest einigen die Hoffnung, dass am Ende des Gipfels doch mehr als nur Worte herauskommen. “Gut zu hören, dass Papst Franziskus konkrete Ergebnisse von dem Gipfel verlangt”, twitterte Anne Barrett Doyle von der Organisation Bishop Accountability. Und mit seinem Fahrplan ist der Papst am ersten Tag konkreter geworden, als viele erwartet hatten.

Doch es gab auch umgehend Kritik. Der US-Amerikaner Peter Isely bezeichnete den Punkte-Plan als “nicht sehr konkret”. Miguel Hurtado, ein spanischer Vertreter der Organisation Ending Clerical Abuse, vermisst das Versprechen, dass Täter ausnahmslos aus dem Klerikerstand entlassen werden sollen. Der Papst werde seiner “Null-Toleranz”-Linie damit nicht gerecht. Auf die Sexualmoral, den Zölibat oder die Frauenweihe ging Franziskus auch nicht ein. Doch Forderungen nach tiefgreifenden Reformen in diesen Punkten werden immer lauter.

Von: APA/dpa

Kommentare

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19 Kommentare auf "Papst fordert konkretes Handeln gegen Kindesmissbrauch"


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andr
andr
Superredner
1 Monat 1 Tag

wie konnten tausende Mütter und Väter nur zusehen das kann ich nicht verstehen man merkt wenn etwas nicht stimmt bei Kindern

dom99
dom99
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

Wie konnte die Kirche so lange wegschauen und warum wird heute noch alles vertuscht ist wohl eher die Frage. Eigentlich müssten hunderte an Priester und Bischöfe ins Gefängnis…eigentlich…

Iatz woll
Iatz woll
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

Nicht immer!! Hätten die lieben Eltern mehr Zeit mit ihnen zu verbringen, ihre Sprache lernen und ihnen zuzuhören, sicherlich!!
Aber man muss sie ja zu den einen und dan zu den anderen Verein schicken, und am Abend werden sie dann zu „schwer“!! Dann fallen die Worte:“… du Übertreibsch a moll wieder… des stimmp net!!“
Aber zuletzt heist es immer:“…. hätte decht giglab wos er gsogg hot!!

typisch
typisch
Kinig
1 Monat 1 Tag

Die waren zu gläubig

Staenkerer
1 Monat 1 Tag
@Iatz woll i erinner diban de zeitn vor 40- 50- 60 johr und früher wo de mütter schun no zeit ghob hobn für ihre kinder, ober wo a geistlicher seinen plotz glei nochn lieben gott hatte! do war des glabn an de aussogn vom kind a gotteslästerung gleich kemmen, a nochfrogn oder gor zur rede stelln des geistlichn an verbrechn nahe kemmen und a aufdeckn in der öffentlichkeit hat an ausschluß von gesellschoft, dorfgemeinschoft zu folge kopp! de porrer hobn, ob ihrer stellung so a art imunität genossn, und de mit olle mittel verteirigt! sprich: DOMOLS HOT ES KOANE CHANGE… Weiterlesen »
Iatz woll
Iatz woll
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

@Staenkerer hosch 100% Recht!!!!

Mein Kommentar wor bezogn auf den Artikel von „andr“ und auf die „heutige Zeit“!

Staenkerer
1 Monat 1 Tag

@Iatz woll sell honnni schun verstondn! i wollte lei aufzoagn das den kindern heit, wenn so eppas vorkimmt, von eltern, lehrer, großeltern oder a jugendamt, polizei, wenigsten zuagheart und geglab werd, und de vorfälle a in der breiten öffentlichkeit bekonnt wern! olles dinge de domols nit lei schier unmöglich worn, sonder wirklich unmöglich worn!
darum hot sich schun viel zum guten gewendet, a wenn man erst zufriedn sein konn wenn des NIE mehr passiert und wenn OLLE täter zu ihrn vergehen, a zu de der weiter vergongenheit, stien und dafür grode stien müßn!

denkbar
denkbar
Kinig
1 Monat 1 Tag

Endlich ein Papst, der dem Vertuschen in der Kirche ein Ende setzt. Es lebe Franziskus, hoffentlich noch lange!

Karl
Karl
Superredner
1 Monat 1 Tag

…..träume weiter

denkbar
denkbar
Kinig
1 Monat 16 h

Ja, ich erkenne das an, dass der Papst diese Verbrechen zur öffentlichen Diskussion macht. Auch über die Kirche hinaus sollte Missbrauch in der Familie mehr thematisiert werden, denn auch der Missbrauch in Familien wird allzu oft vertuscht.
Was war und ist das für eine Gesellschaft in der Kinder Angst hatten den Missbrauch in der Kirche ihren Eltern anzuvertrauen?Weshalb könnten die das erst 30 und mehr Jahre später erst tun? Ich hoffe heute getraut sich jedes Missbrauchsopfer sich jemanden anzuvertrauen. Die öffentliche Diskussion wird auch dazu ermutigen so ein Verbrechen ausnahmslos anzuzeigen.

silas1100101
silas1100101
Superredner
1 Monat 1 Tag

Zölibat abschaffen!! Schon ist das Problem gelöst!! Oder im Vatikan ein Bordell eröffnen!!

Staenkerer
1 Monat 1 Tag

OLLES HEUCHLER!
nor oll de johre von aufmüpfigen leugnen und scheinheiligen schweign seit es oanfoch lei mehr HEUCHLER!

Laempel
Laempel
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Das tausendfach verübte, tolerierte und vertuschte gottlose Treiben einiger kirchlicher Seelenzerstörer schreit zum Himmel und stellt als zusätzlichen Kollateralschaden den Ruf des gesamten göttlichen Bodenpersonals irgendwie undifferenziert und somit höchst ungerecht unter Generalverdacht.
Auch das sollte man nicht vergessen zu betonen, um nicht Gefahr zu laufen, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Kurzum: Es ist höchst an der Zeit, endlich die Spreu vom Weizen zu trennen.

Freiheit
Freiheit
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

Die Kirche ist ein Wolf im Schafspelz…über Jahrhunderte den Namen Gottes missbraucht um Völker zu beherrschen. Schlimmer als die Mafia, die ist wenigstens ehrlich! Wer an Gott glaubt sollte sich nicht von der Kirche täuschen lassen!

efeu
efeu
Superredner
1 Monat 1 Tag

Hätten die betroffenen Kinder dahom damals was erzählt was mit ihnen geschieht dann hätten sie eine ordentliche Strafe bekommen den sowas
macht ein Geistlicher nicht

BrunfoeflJoggl
BrunfoeflJoggl
Grünschnabel
1 Monat 1 Tag

Es ist auch wichtig zu verstehen, dass der sexuelle Missbrauch von einigen wenigen Männern in der Kirche ausgeübt wurde und dass dies in keinster Art und Weise repräsentativ für die Kirche als Ganzes oder die Mehrheit der Priester ist.

Mauler
Mauler
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Jojo die Kirche!
Der Zug isch schun ogfohrn, den Stempel hob es bis zum letzten Gericht!

Orschgeige
Orschgeige
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Dieser Papst hat Attribute!

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 17 h

ja,jetzt wo viel ans Tageslicht kommt zieht die Kirche die Notbremse.Diese Kirche ist nicht MEINS.Ich bete nicht vorne in der Kirchenbank aber für mich wo u.wann mir danach ist.Warum mussten Sie Sich scheinheilig als Welche ausgeben Die keine Bedürfnisse ,bescheiden u.s.wWÄREN.!!Das Sind auch nur Menschen und wenn Sie Ihren Trieb nicht in Zaum halten können und Sich an Kindern vergreifen Sind Sie”nicht Dazu berufen”!!!!!!!!!!

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