Giuseppe Conte schließt das Land

Premier Conte erklärt ganz Italien zur Sperrzone

Montag, 09. März 2020 | 23:24 Uhr

Italiens Premier Giuseppe Conte erklärt ganz Italien wegen der Coronavirus-Epidemie ab sofort zur Sperrzone. Conte kündigte am Montagabend an, die Reisefreiheit zu stoppen. Lediglich wenige Ausnahmen würden zugelassen. Das Schengen-Abkommen wird allerdings nicht ausgesetzt. Die EU-Regierungschefs halten indes in der Causa am Dienstag einen EU-Gipfel per Videokonferenz ab.

Conte rief die Italiener zu Verantwortungsbewusstsein auf. Die öffentliche Gesundheit habe über alles den Vorrang. Daher seien die Bürger zu Opfern und zur Änderung ihres Lebensstils aufgerufen. Nach dem Slogan “Ich bleibe zu Hause” solle die Reisefreiheit stark eingegrenzt werden. Auch Versammlungen im Freien sollen verboten werden, sagte Conte.

Als Vorbild dienen die Maßnahmen, die seit Sonntag bereits in der Lombardei sowie in 14 norditalienischen Regionen gelten. Italiener werden nicht ausreisen dürfen, Ausnahmen sind nur bei nachgewiesenen dringenden beruflichen oder familiären Verpflichtungen und in gesundheitlichen Notfällen vorgesehen. Wer sich an die Maßnahmen nicht hält, wird strafrechtlich verfolgt.

“Wir müssen alle auf etwas verzichten. Wir werden die Epidemie besiegen, wenn wir noch drastischere Maßnahmen zum Schutz unserer Bürger ergreifen. Wir schaffen keine rote Zone, sondern ganz Italien wird zur geschützten Zone”, kündigte Conte an. Schulen, Kindergärten und Universitäten bleiben bis zum 3. April geschlossen.

Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln soll es zu keinen Beschränkungen kommen. Man wolle somit den Menschen erlauben, zur Arbeit zu gehen, erklärte der Premier in Rom. Sportliche Veranstaltungen sollen ganz ausgesetzt werden. Conte erklärte, die 20 italienischen Regionen seien mit den beschlossenen Maßnahmen einverstanden.

Conte gab zu verstehen, dass trotz der Einschränkungen bei der Reisefreiheit der Italiener die Grenzen offen bleiben. “Es ändert sich nichts. Die Einschränkungen betreffen die Reisen der Italiener. Wir werden jedenfalls die Einreisen nach Italien kontrollieren”, erklärte der Premier.

Innerhalb eines Tages sind in Italien 97 Menschen der neuartigen Lungenkrankheit erlegen, teilten die Behörden am Montagabend in Rom mit. Damit stieg die Zahl der Todesopfer auf 463. Die Zahl der Infizierten kletterte auf 7.985. Die Zahl der genesenen Coronavirus-Patienten in Italien wuchs auf 724. Die meisten Todesopfer seien über 70 Jahre alt, teilte der Zivilschutz mit. Italien ist das in Europa am schwersten vom Ausbruch von SARS-CoV-2 betroffene Land. In allen 20 italienischen Regionen wurden bisher Infektionsfälle gemeldet.

Die EU-Staats- und Regierungschefs werden indes am Dienstag um 17.00 Uhr per Videokonferenz über die Koordinierung ihrer Bemühungen zur Eindämmung der Corona-Krise beraten. Dies teilte das EU-Ratssekretariat am Montagabend mit. “Wir müssen zusammenarbeiten, um die Gesundheit unserer Bürger zu schützen”, heißt es in der Kurzmitteilung.

Erstmals sind in Deutschland zwei Menschen nach Erkrankungen mit dem neuen Coronavirus gestorben. Beide Todesfälle wurden am Montag in Nordrhein-Westfalen bekanntgegeben. Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen mit dem Coronavirus in Deutschland überschritt die Tausender-Marke. Das Robert-Koch-Institut in Berlin meldete am Montag insgesamt 1.112 Infizierte, nachdem es am Sonntag noch 902 Fälle gewesen waren.

In Slowenien, wo sich das Coronavirus am Montag auf 23 Fälle ausgebreitet hat, wurden zusätzliche Maßnahme zur Eindämmung der Infektion beschlossen. Ab Dienstag wird am Flughafen Ljubljana bei Anreisenden das Fieber gemessen, außerdem werden Maßnahmen für Kontrollen an den Grenzübergängen mit Italien vorbereitet, erklärte Gesundheitsminister Ales Sabeder am Montag.

Darüber hinaus wurden bei einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates die Einschränkungen für Veranstaltungen verschärft: sämtliche Hallenveranstaltungen mit mehr als 100 Besuchern werden verboten. Dazu dürfen Sport- und andere Veranstaltungen im Freien mit über 500 Besuchern nur ohne Zuschauer ausgetragen werden. Das gilt auch für die Skiflug-WM in Planica und die alpinen Herren-Skirennen in Kranjska Gora.

Tschechien hat laut Zeitungsbericht mit Kontrollen von Einreisenden an den Grenzen zu Österreich und Deutschland begonnen. Seit Montag um 7.00 Uhr messen Feuerwehrleute mit Atemschutzmasken an zehn ausgewählten Grenzübergängen stichprobenartig die Körpertemperatur. Unterstützt werden sie dabei von Polizei und Zoll.

In Frankreich hat sich Kulturminister Franck Riester mit dem Coronavirus infiziert, wie aus dem Umfeld seines Ministeriums an Montag verlautete. Der 46-Jährige habe herausgefunden, dass er bei einem kürzlichen Besuch im Parlament mit infizierten Personen Kontakt gehabt habe. Er habe sich daher einem Test unterzogen. Der Minister habe Präsident Emmanuel Macron seit mehreren Tagen nicht getroffen.

Die irische Regierung sagte am Montag wegen der Coronavirus-Epidemie die Parade zum St. Patrick’s Day in der Hauptstadt Dublin ab. Zuvor hatte bereits die zweitgrößte irische Stadt Cork die Parade abgesagt. St. Patrick ist Irlands Schutzheiliger. Die Iren feiern ihn am 17. März mit Paraden und Festen. Die Parade in Dublin lockte im vergangenen Jahr rund 500.000 Menschen an. In Irland wurden bisher 21 Fälle der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 gezählt.

China und Südkorea meldeten unterdessen einen Rückgang der Neuinfektionen. Aus China außerhalb der Provinz Hubei, wo die Epidemie ausgebrochen war, wurden am Montag den zweiten Tag in Folge keine neuen Ansteckungen berichtet. Südkorea, das nach China am stärksten betroffene asiatische Land, meldete 165 neue Infektionen und damit die wenigsten seit elf Tagen sowie einen neuen Todesfall. Damit stieg die Zahl der Ansteckungen auf 7.478 und die der Toten auf 51.

Von: APA/dpa/ag.

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