Experte: Neuwahlen und Ende der EZB-Geldschwemme bergen Risiken

Reformstau macht Italien zum Nachzügler beim Wachstum

Dienstag, 14. November 2017 | 10:45 Uhr

“Das Geschäft brummt”, sagt der Chef des Autozulieferers BMC aus Bologna. Der Mittelständler verweist stolz darauf, dass seine auf Luftfilter spezialisierte Firma auch international expandiert. Denn BMC gehöre zu den gut 30 Prozent der Unternehmen in Italien “mit wettbewerbsfähigen Produkten”.

Die wenig schmeichelhafte Aussage wirft ein Schlaglicht auf die Wirtschaft des Landes: Denn Bologna samt seinem boomendem Umland mit Weltfirmen wie Ferrari und Barilla ist eine Leuchtturmregion und somit nicht repräsentativ für Italien, dem Kritiker vor den 2018 anstehenden Neuwahlen einen gefährlichen Reformstau attestieren. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone hat sich konjunkturell zwar wieder gefangen, ist bei den Wachstumsaussichten jedoch Schlusslicht in der EU.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für heuer ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 1,5 Prozent voraus. Damit hinkt Italien wohl Deutschland, Frankreich und Spanien hinterher. Nächstes Jahr dürfte der Abstand sogar noch größer werden: “Man kann sich kaum vorstellen, dass Italien die anderen Staaten beim Wachstum einmal überholen wird”, sagt Wirtschaftsprofessor Roberto Perotti von der Mailänder Bocconi-Universität. Experten wie er sehen neben chronischen Problemen in der Südregion “Mezzogiorno” auch politische Versäumnisse als Ursache der Wachstumsschwäche: Mangelnde Reformen, überbordende Bürokratie und ein ineffizienter Staatsapparat erweisen sich demnach als schwere Hypothek für die Wirtschaftskraft des Mittelmeerlandes.

In Umfragen werden für die spätestens Mitte Mai 2018 anstehenden Neuwahlen unklare Mehrheitsverhältnisse im Parlament prognostiziert. Zulauf hatte zuletzt insbesondere die Protestpartei “Fünf-Sterne”. Die Anti-Europa-Bewegung hat sich mittlerweile in der Wählergunst sogar vor die PD von Ministerpräsident Paolo Gentiloni geschoben. “Das Land wird unregierbar”, prophezeit Perotti. Letztlich werde es wahrscheinlich eine Mehr-Parteien-Koalition geben, die es allen recht machen wolle: “Und das wäre schlecht für Italien.”

Weiteres Unheil droht laut Experten, wenn die Europäische Zentralbank ihre Geldflut eindämmen sollte. Mit dem massiven Ankauf von Anleihen hat sie unter der Führung des Italieners Mario Draghi de facto dafür gesorgt, dass die Kapitalkosten des Landes – wie auch anderer Eurozonen-Staaten – gedrückt wurden. Wenn die EZB wie geplant ab Jänner damit beginnt, die monatlichen Geldspritzen niedriger zu dosieren, wird sich das Land mit dem vierthöchsten Schuldenberg der Welt aber besonders vorsehen müssen: Die Verbindlichkeiten des Staats entsprachen 2016 insgesamt 132 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Pro Jahr muss Italien allein 70 Mrd. Euro aufwenden, um seine laufenden Schulden zu bedienen. Falls die EZB eines Tages die Anleihenkäufe einstellen sollte, dürften die Renditen steigen und damit auch die Kapitalkosten wieder. Die EZB habe der Regierung in Rom mit dem seit März 2015 laufenden Erwerb italienischer Staatsanleihen im Volumen von bis jetzt 300 Milliarden Euro auch Zeit für Reformen gekauft, so Ökonomie-Professor Gustavo Piga von der Tor-Vergata-Universität in Rom. “Das EZB-Programm hat uns riesige Vorteile gebracht, die wir nicht genutzt haben.”

Statt mehr Geld in Bildung und Infrastruktur zu stecken, habe Rom in den zurückliegenden Jahren lieber Steuergeschenke verteilt und Firmen gepäppelt: Unternehmen erhielten steuerliche Anreize, mehr Personal einzustellen, in Maschinen zu investieren und ihre Forschungsaktivitäten zu steigern. Laut Wirtschaftskenner Perotti werden sich diese “Doping”-Maßnahmen als Strohfeuer erweisen: “Die Erfahrung lehrt, dass die Investitionen abbrechen, sobald die Vergünstigen auslaufen.” Von den 387.000 im vorigen Jahr neu eingestellten Beschäftigten besaßen 94 Prozent nur prekäre Zeitverträge. Dabei hatte die Regierung des früheren Ministerpräsidenten Matteo Renzi mit ihrer Arbeitsmarktreform doch beabsichtigt, mehr Italiener in Festanstellungen zu bringen.

Auch wenn die Wirtschaft zwischen Südtirol und Sizilien heuer so schnell wachsen sollte wie seit 2010 nicht mehr, warnt Renzis Nachfolger Gentiloni vor überzogenen Erwartungen: “Die in der Krise geschlagenen Wunden sind noch nicht verheilt.” Italiens Wirtschaft hatte in der Rezession nach der Weltfinanzkrise mächtig Federn gelassen und rund neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes eingebüßt. Und der Bankensektor ächzt bis heute unter einem milliardenschweren Berg fauler Kredite. Zehn Geldhäuser mussten in den Nachwehen der Krise ihre Tore schließen. Zudem liegt die Arbeitslosenrate in Italien mit 11,1 Prozent über dem Durchschnitt der Eurozone.

Bei BMC sind Kündigungen jedoch kein Thema: Zuletzt wurden noch zehn Mitarbeiter eingestellt, um die Nachfrage aus mehr als 90 Ländern nach Luftfiltern “Made in Italy” zu bewältigen.

Von: Reuters

Kommentare

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16 Kommentare auf "Reformstau macht Italien zum Nachzügler beim Wachstum"


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bern
bern
Tratscher
5 Tage 18 h

120000 junge Italiener verlassen pro Jahr das Land, dafür kommen 100000-200000 Afrikaner ohne Ausbildung und Arbeitswillen ins Land.
Wo wird Italien in 10 Jahren wirtschaftlich stehen? Genau, irgendwo zwischen Tunesien und dem Rest von Afrika.

ivo815
ivo815
Universalgelehrter
5 Tage 13 h

Schuld an Italiens Misere sind einzig und allein die Flüchtlinge

typisch
typisch
Tratscher
5 Tage 12 h

@ivo815
nein ivo aber sie tragen einen teil dazu bei

Tabernakel
5 Tage 12 h

Und Du bist Schuld. Kann Deinen Frust verstehen.

Savonarola
Savonarola
Universalgelehrter
5 Tage 10 h

@ivo815
Schuld daran sind die italiani selbst. Im Übrigen: ognuno ha il governo che si merita.

Robin Hood
Robin Hood
Tratscher
4 Tage 10 Min

@ivo815

Und Politiker .

Aber auch Besserwisser wie Du und Tabi👨‍🎓

Dublin
Dublin
Universalgelehrter
5 Tage 22 h

…italienische Politiker betreiben Nabelschau und zimmern nur jahrelang an einem Wahlgesetz herum, das für sie vorteilhaft ist…Probleme des Landes sind völlig zweitrangig…

enkedu
enkedu
Universalgelehrter
5 Tage 19 h

sag doch nicht sowas. Jetzt fühlen sich die Bürokraten und ihre politischen Handlanger wieder aufgefordert, uns mit neuen Reformgesetzen zuzumüllen….

geronimo
geronimo
Superredner
5 Tage 16 h

Politik und Politiker in Italien sind wirklich ein Elend, der Staat anscheinend unreformierbar. Angefangen hat meiner Meinung nach viel mit Herrn Berlusconi, der die Gehirne der Menschen mit einem Klima von Korruption, Gleichgültigkeit Privatfernsehen, Go Go Girls, Bunga Bunga, Sex &Creme vernebelt hat.

Sun
Sun
Tratscher
5 Tage 11 h

So ist es geronimo.
Jedes Volk hat die Regierug, die es verdient.
Was haben die Italiener beim letzten Verfassungsreferendum 2016 auf diese Frage geantwortet?

Sind Sie für die Genehmigung des Verfassungsgesetzes betreffend
„Bestimmungen zur Überwindung des paritätischen Zweikammersystems,
Reduzierung der Zahl der Abgeordneten, Eindämmung der Kosten für das
Funktionieren der Institutionen, Abschaffung des CNEL und Überarbeitung
des 5. Titels des 2. Teils der Verfassung“, das vom Parlament genehmigt
und im Gesetzesanzeiger der Republik Nr. 88 vom 15. April 2016
kundgemacht wurde?

Es wurde ganz klar abgelehnt, weil man jegliche Erneuerung des Staates verhindern will.

geronimo
geronimo
Superredner
5 Tage 11 h

@Sun, ganz genau, das wäre eine Chance gewesen, dass sich endlich etwas ändert.

Socke
Socke
Grünschnabel
5 Tage 9 h

So ischs, und wenn er derfat tat er kandidiern a no….i bin überzeigt den wehlatnse noamoll🤣🤣🤣🙈🙈🙈

enkedu
enkedu
Universalgelehrter
5 Tage 19 h

dass Italien ein Produktivitätsproblem hat, ist Oekonomen seit Jahren klar.

Politiker wissen nur nicht genau, was das ist 😂😂

Mistermah
Mistermah
Universalgelehrter
5 Tage 20 h

Experte? Wo denn? Wahlen sind ein Risiko in einer Demokratie?! Am besten abschaffen 😂😂😂 dieser Herr versteht null. Eine mehrparteienregierung um die Wahlsieger ins Abseits zu stellen. Wachstum und immer nur Wachstum. Das System hat seine Grenzen erreicht. ABER soweit denken solche Experten nicht. Nichts kann ewig wachsen

Savonarola
Savonarola
Universalgelehrter
5 Tage 12 h

Nachdem es im Fussball-Sommer nichts werden wird mit “Dov’é la vittoria ché schiava di Roma Iddío la creò”, bleibt genug Zeit, sich von den falschen Götzen dieser Zeit ab- und sich den wirklich wichtigen Dingen in Italien zuzuwenden: Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Förderung des Bildungs- und Gesundheitswesens, Bekämpfung von Korruption und organisiertem Verbrechen, Erschaffung eines starken Bürgersinns.

Staenkerer
5 Tage 11 h

du bisch guat😉! des wunder krieg in italien höchstens no der liebe gott hin und der sell werd schnell wieder obgewählt sobold er unfong ernst zu mochn!

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