FIS-Renndirektor Waldner: "Haben gedacht, dieses Format ist fair"

Ski-WM: Parallelbewerb als Faschingsscherz? – FIS: “War nicht fair”

Mittwoch, 17. Februar 2021 | 08:05 Uhr

Zwei unterschiedlich schnelle Kurse, ein wohl unfaires Zeitpenalty-System, zudem eine unkundige Jury – der Ski-Weltverband FIS sieht sich nach der WM-Premiere des Parallelbewerbs am Faschingsdienstag in Cortina d’Ampezzo mit bitterböser Kritik konfrontiert. “Es ist leider so passiert”, sagte Damen-Renndirektor Peter Gerdol. Und sein Herren-Pendant Markus Waldner gestand: “Es war nicht fair. Wir sind nicht glücklich.” Die Aufnahme ins WM-Programm wird hinterfragt werden.

Weil der rote Kurs auf der Rumerlo-Piste am Dienstag deutlich schnellere Zeiten ermöglichte als der blaue, waren Athleten, die zunächst auf dem roten fahren mussten, schwer benachteiligt. Denn der Maximalvorsprung ist mit 5 Zehntelsekunden festgesetzt, auch wenn jemand über eine Sekunde schneller war. Da die Kurse so unterschiedlich waren, reichte diese Strafzeit als Vorsprung im zweiten Lauf nicht aus. “Ich bin wirklich verärgert. Das ist nicht fair”, tobte die Italienerin Federica Brignone, die sich im Viertelfinale ihrer Landsfrau und späteren Co-Weltmeisterin Marta Bassino geschlagen geben musste.

Waldner erklärte die Unterschiede im Terrain mit dem wieder wärmer werdenden Wetter in der Region. Der blaue Kurs habe den hohen Temperaturen bei drei Toren nicht standhalten können, obwohl man den Untergrund in den Tagen zuvor vorausblickend vereist hatte. “Dann war keine Chance mehr”, sagte der Südtiroler. Wenn man während dem Rennen hätte eingriffen wollen, hätte man Tore erheblich versetzen müssen, und dann wäre der rote Kurs auf einmal der langsamere gewesen, erläuterte er.

“Wir haben gesehen, wenn der Kurs so sehr leidet, ist die 0,5-Sekunden-Penalty nicht wirksam. Das wäre ja die Strategie für so einen Fall gewesen. Also lernen wir jedes Mal dazu, wenn wir einen Parallelbewerb haben. Wir haben das Format geändert, zwei Läufe eingeführt und haben gedacht, dieses Format ist fair. Aber es ist noch immer nicht fair”, zeigte sich Waldner zerknirscht. “Wir müssen an den Regeln arbeiten und evaluieren, wie wir mit diesem Event weitermachen wollen.” Von “Geburtswehen” sprach ÖSV-Damenchef Christian Mitter.

Bleibt die Konfusion um das Damen-Resultat. Warum Bassino Gold und Katharina Liensberger nur Silber haben sollte, obwohl die beiden zeitgleich über den Zielstrich gerauscht waren, wollte niemand einleuchten. Laut Gerdol war es eine “Falschinterpretation der Regeln”. Er erklärte, dass der Fehler bei der Zeitnehmung und der Grafik lag. Der Computer sei noch auf Achtelfinal- und Viertelfinal-Modus programmiert gewesen und wies so diejenige mit der besseren zweiten Laufzeit als Siegerin aus.

Das wäre eklatant unfair gewesen, da Liensberger über beide Läufe gerechnet die Schnellere war. Der ÖSV intervenierte und legte der FIS-Jury den maßgeblichen Punkt 5 der Weltcup-Regeln für den Parallelbewerb vor, die auch bei Weltmeisterschaften zur Anwendung kommen. Dieser besagt, dass die Laufzeit-Regelung im kleinen Finale und Finale außer Kraft ist und Ex-aequo-Platzierungen möglich sind. Gerdol: “WM geht ja nach Weltcup-Regeln.” Die Vorarlbergerin durfte ergo als Weltmeisterin gemeinsam mit Bassino das oberste Treppchen besteigen.

Warum es etwa eine halbe Stunde dauerte, bis das Ergebnis offiziell korrigiert war, ist jedoch eine weitere Frage, die sich die FIS gefallen lassen muss. “Wir haben danach gemeinsam mit der Zeitnehmungsfirma noch einmal alles genau kontrolliert”, informierte Gerdol. “Das hat ein bisschen gedauert.”

Ein weiteres Problem, das am Dienstag jedoch nicht schlagend wurde, ist das Szenario, dass Stürze auch den Gegner gefährden können. “Es ist schon genug passiert bei solchen Bewerben. Wenn der Gegner stürzt und auf deine Spur kommt, wird es brutal gefährlich mit den scharfen Kanten”, meinte Kombi-Weltmeister Marco Schwarz, der schon in der Qualifikation gescheitert war. “Ich bin generell gespannt, ob sich das Format am Ende durchsetzen wird”, artikulierte der Kärntner die Gedanken vieler Zuschauer. “Es ist, so blöd es klingt, vielleicht ein bisschen ein Glücksbewerb auch.”

Einige internationale Pressestimmen zum umstrittenen WM-Parallelbewerb am Dienstag in Cortina d’Ampezzo:

Schweiz:

“Blick”: “Zwei ungleiche Kurse, ein lächerliches Reglement und tobende Athleten: Dieser Dienstag geht als schwarzer Tag in die WM-Geschichtsbücher ein.”

“Basler Zeitung”: “Auch die Parallelrennen werden zur Peinlichkeit. Farce an der Ski-WM. Die Siegerin weiß in Cortina nichts von ihrem Glück, die Favoriten scheiden wegen schlechter Piste aus, und am Ende fluchen die Fahrerinnen und Fahrer: Die Premiere misslingt mächtig.”

Deutschland:

“Süddeutsche Zeitung”: “Die Premiere des Parallel-Einzels hatte nicht nur die Reize, sondern auch die Probleme des Formats noch einmal unters Brennglas gerückt, vor allem in der Endrunde offenbarte sich eine große Schwäche: Die Kurse, auf denen sich die Fahrer nebeneinander duellieren, sind nie ganz gleich.”

“Frankfurter Allgemeine Zeitung”: “Premiere mit Pannen. Bei Premieren läuft eben nicht immer alles rund. Bei dem Wettbewerb, der im Weltcup seit einigen Jahren ausgetragen wird, immer zwei gleich schnelle Kurse zu setzen, ist eine Herausforderung. Manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Bei den beiden am Dienstag, da waren sich alle Athleten und Athletinnen einig, ist es nicht gelungen.”

Italien:

Dolomiten (Südtirol): “Bassino gewinnt die Parallel-Farce. Italienerin erlöst eine ganze Skination – Ungleicher Wettbewerb und umstrittene Regeln sorgen für großen Unmut.”

Von: apa

Kommentare

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19 Kommentare auf "Ski-WM: Parallelbewerb als Faschingsscherz? – FIS: “War nicht fair”"


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wouxune
wouxune
Universalgelehrter
18 Tage 10 h

Is gonze Management ist alla Italia…

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
18 Tage 10 h

50 Zehntelsekunden sind 5 Sekunden, nicht 0,5 Sekunden

schreibt...
schreibt...
Superredner
18 Tage 10 h

@Gedner Wohl in Mathe ne glatte 5 gehabt, was!?

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
18 Tage 9 h

Missverständnis, “Maximalvorsprung ist mit 5 Zehntelsekunden festgesetzt”.

Gredner
Gredner
Universalgelehrter
18 Tage 6 h

@schreibt… die Redaktion hat mir Recht gegeben und den Fehler ausgebessert! 😉

xXx
xXx
Universalgelehrter
18 Tage 11 h

Diese ganze WM war bisher eine Katastrophe. Noch kein Rennen gesehen das einer WM würdig wäre.
Beim Super-G wird eine Ecke eingebaut die nicht zu fahren ist, auser man bleit fast stehen.
Die Abfahrt beinhaltet einen Riesentorlauf Abschnitt.
Der Kombislalom wird auf einem Eislaufplatz ausgetragen, der selbst den Slalomspezialisten alles abverlangt.

Und dann dieser Parallelwetbewerb 🙈 schon nach dem 1. Duell hab ich mich über diese 50 Hunderstel geärgert. Die Penaltizeit hätte mindestens 1,5 Sekunden sein müssen, es soll ja einen Nachteil haben, wenn man Ausfällt und nicht einen Vorteil. 🙈🤦🏻‍♂️

berthu
berthu
Universalgelehrter
18 Tage 4 h

Wo sonst mit Tausendstel gestoppt wird, will man diesen Bewerb mit Boni auszahlen.

Name
Name
Grünschnabel
18 Tage 11 h

Überall nur noch Amateure im Einsatz…

falschauer
18 Tage 6 h

diesbezüglich stimme ich dir zu

Spartacus
Spartacus
Tratscher
18 Tage 9 h

Der Kombi – und der Parallelbewerb wird nie möglich sein, gerecht zu regeln, deshalb sollten diese Disziblienen ersatzlos gestrichen werden. Die Athleten haben sowiso ein für die Gesuntheit schädigendes übertriebenes Programm.

Offline
Offline
Superredner
18 Tage 7 h

@Spartacus….gebe dir vollkommen Recht. Insbesondere diese antiquarische Kombination gehört schon lange abgesetzt. Was hat man da schon alles versucht, um Diese künstlich am Leben zu erhalten. Alles vergebens, die Speed Spezialisten werden nie eine Chance haben, eine Kombi zu gewinnen.

anonymous
anonymous
Universalgelehrter
18 Tage 11 h

Das war alles andere als Fair

Offline
Offline
Superredner
18 Tage 7 h

Diese WM ist nur wettermäßig ein Aushängeschild für Italien, seinen Skiverband und die FIS. Der Rest ist Dilettantismus in Reinkultur. Die Pistenpräparierung fragwürdig, denn Vereisen und Tore versetzen nach !! der Besichtigung geht gar nicht. Allerdings aufgrund der Vielzahl der Wettbewerbe und den herrschenden Temperaturen auch ein Herausforderung. Aber die Kurssetzungen generell und die fehlende Reaktion auf offensichtliche !! Ungerechtigkeiten waren und sind einer WM nicht würdig.

Faktenchecker
18 Tage 8 h

“Darüber beschwerte sich Neureuther also bei Waldner und forderte, den
langsamen Kurs leicht zu verändern und damit ähnlich schnell zu machen.
Wie er danach erzählte, antwortete ihm der Fis-Rennchef dann tatsächlich
während des Rennens mit einer Nachricht, in der er angab, dass eine
Kursveränderung nicht möglich sei und er den Wettkampf schon als fair
erachte. Überzeugt hatte er Neureuther damit nicht.”

https://www.n-tv.de/sport/Neureuther-Beschwerdeanruf-live-im-TV-article22366437.html

Savonarola
18 Tage 6 h

noch gestern konnte man im Leitartikel einer nicht italienischsprachigen Lokalzeitung lesen, dass die Organisation in Cortina neue Maßstäbe gesetzt habe; der Verfasser war voll des Lobes.

kawarider 98
kawarider 98
Tratscher
18 Tage 3 h

fair isch schun mearers nit die Sportler terfn “arbeiten” und mir Normalbürger miasn drhuam bleiben

berthu
berthu
Universalgelehrter
18 Tage 4 h

Weil es bei all dem Skizauber nur um die TV-und Werbezeit geht, wird sich da auch nichts ändern.
Die Sportler sind nur die Gladiatoren. Wer aufmuckt, stößt gleich oben an. Sie müssen fahren, egal Wetter, täglich optimale Kondition, Piste oder Essenszeit.

Doolin
Doolin
Superredner
18 Tage 9 h

…Zielfoto braucht’s do koans mehr…
🤪

Marco schwarz
Marco schwarz
Tratscher
18 Tage 36 Min

Eigentlich wärs ziemlich einfach gewesen, das korrekt zu machen: hätten halt mal die Snowboarder fragen sollen, die fahren seit mehr als einem Jahrzehnt Parallelrennen in den Formaten Slalom und Riesentorlauf. Aber dazu hat die FIS und wohl auch Markus Waldner die Nase zu weit oben? Denn die Snowboarder sind ja nur ein Stiefkind

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