Italienischer General zeichnet ein ziemlich hoffnungsloses Lagebild

“Warum die nukleare Option nicht ausgeschlossen werden kann”

Freitag, 23. September 2022 | 08:11 Uhr

Rom – Für General Vincenzo Camporini wäre die Nutzung taktischer Nuklearwaffen ein törichter Schachzug, aber da Putin mit dem Rücken zur Wand steht, kann der Einsatz dieser schrecklichen Waffe nicht ausgeschlossen werden.

Seit der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive, die zur Rückeroberung weiter Gebiete führte, liegt die Initiative bei der ukrainischen Armee. Westliche schwere Waffen und der Informationsvorsprung, den die Ukrainer gegenüber den russischen Streitkräften zweifellos haben, aber ganz besonders der absolute Wille der Ukrainer, ihre Heimat nicht Putins Zorn preiszugeben, sorgen dafür, dass die russische Invasionsarmee immer stärker ins Hintertreffen gerät. Mit einem „Referendum“ in den besetzten Gebieten, mit der Teilmobilisierung und mit der Drohung, Nuklearwaffen einzusetzen, versucht Putin das Blatt zu wenden.

Facebook/Vincenzo Camporini

Der wissenschaftliche Berater des Istituto Affari Internazionali IAI und ehemalige italienische Generalstabschef, General Vincenzo Camporini, wägt die Lage in der Ukraine und in Moskau aus seiner Sicht genau ab. Er meint, dass die von Putin angekündigte Mobilisierung das Schicksal des Konflikts nicht verändern wird. Das Schreckgespenst des Einsatzes von Kernwaffen bleibt jedoch bestehen. „Es ist eine unwahrscheinliche Hypothese, sie kann jedoch nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden“, so Vincenzo Camporini gegenüber der Mailänder Tageszeitung „Il Giornale“.

APA/APA/AFP/SERGEI CHUZAVKOV

Auf die Frage, welche Botschaft die Ankündigung der Teilmobilisierung beinhalte, hat der ehemalige Generalstabschef eine eindeutige Antwort. „Die Ankündigung enthält ein doppeltes Signal. Einerseits sendet Putin auf diese Weise eine Botschaft an den Westen. „Ich meine es ernst, hört auf, den Ukrainern zu helfen“, dürfte in etwa seine Ansage lauten. Andererseits teilt er mit dieser schwerwiegenden Entscheidung indirekt mit, dass er am Ende seiner Kräfte ist und dass er bereit ist, alles zu tun, um aus dem Schlamassel, in das er sich selbst gebracht hat, herauszukommen. Aus militärischer Sicht glaube ich jedoch nicht, dass die angekündigte Mobilmachung viel bewirken wird“, meint Vincenzo Camporini.

APA/APA (AFP)/STR

Für den wissenschaftlichen Berater des Istituto Affari Internazionali, der seit Kriegsbeginn die Lage auf den Schlachtfeldern in der Ukraine analysiert, gibt es gleich mehrere Gründe dafür, dass auch neue russische Soldaten das Kriegsglück nicht zu wenden vermögen.

„Es reicht nicht aus, 300.000 Menschen zu nehmen, um die militärische Lage vor Ort zu verbessern. Man muss sie ausrüsten, einkleiden und mit Munition versorgen. Wenn sie diese Dinge nicht haben, können sie kaum einen spürbaren Beitrag zum Einsatz auf dem Kriegsschauplatz leisten. Die jüngsten verfügbaren Informationen besagen, dass die russischen Rüstungslieferungen rückläufig sind. Zudem kann man auf taktischer Ebene bestimmte Dinge nicht improvisieren, sondern muss sie über Jahre, wenn nicht gar über Jahrzehnte hinweg erlernen. Mit Blick auf diese Hintergründe glaube ich daher nicht, dass die Aufstockung des militärischen Personals die Lage ändern wird, zumindest nicht auf kurze Sicht. Die russische Armee leidet seit Jahren unter Problemen, die die Disziplin und die Hierarchie betreffen. Diese sind nie gelöst worden, was dazu führt, dass selbst eine auf dem Papier mächtige Kriegsmaschinerie in der Praxis nicht wirklich effektiv ist“, erklärt der Militärexperte.

Coloro che sostengono che gli Ucraini dovrebbero riconoscere il fatto compiuto ed accettare che la Russia si…

Posted by Vincenzo Camporini on Friday, June 3, 2022

„Die ukrainische Armee fehlt für eine erneute Großoffensive derzeit zwar die Luft, aber andererseits ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Russen ihre verlorenen Stellungen zurückerlangen können. Sie verfügen dafür weder über die Kräfte noch über die Mittel. Die von Putin angekündigte Mobilisierung betrifft im Übrigen auch diesen Aspekt. Tausende von Arbeitnehmern werden der russischen Industrie entzogen, die ohnehin technologisch nicht gerade glänzt und sich aufgrund der Sanktionen in großen Schwierigkeiten befindet. Die Gerüchte, dass Russland im Ausland nach Waffenlieferanten sucht, ist ein Hinweis auf ernsthafte Produktionsprobleme“, fügt General Vincenzo Camporini hinzu.

APA/APA (AFP)/JUNG YEON-JE

Sorgen bereitet dem General die Entscheidung Putins, die Eskalationsschraube immer weiter in die Höhe zu drehen. „Wir haben auf der Skala der Abschreckung eine der höchsten Sprossen erreicht. Putin hat beschlossen, sie zu besteigen, und das ist besorgniserregend“, so Camporini.

Mit der Eskalation des Ukrainekriegs gerät auch der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen in den Vordergrund. Ähnlich wie konventionelle Waffen können diese zur Bekämpfung gegnerischer Streitkräfte eingesetzt werden. „Alles ist möglich. Mit einem Mindestmaß an Rationalität kann man jedoch erkennen, dass dies keine logische Lösung ist. Wenn man ein Gebiet besetzen und seinem Land angliedern will, ist es nicht besonders klug, eine Waffe einzusetzen, die es für Jahrzehnte verseucht und unbewohnbar macht. Ich würde also sagen, dass dies eine extrem unwahrscheinliche Möglichkeit ist, aber ich glaube nicht, dass ich sie hundertprozentig ausschließen kann“, erklärt der General. Er vertritt auch die Meinung, dass im Falle eines Einsatzes von Nuklearwaffen sich der Konflikt auf das Atlantische Bündnis ausweiteten könnte.

APA/APA/AFP/ANATOLII STEPANOV

Was den Fortgang des Krieges und das Gesicht eines möglichen „Friedens“ anbelangt, wagt Vincenzo Camporini einen vorsichtigen Blick in eine wenig verheißungsvolle Zukunft.

„Mit dem Wintereinbruch werden sich die bodengebundenen militärischen Operationen verlangsamen, sodass es keine besonderen Frontveränderungen mehr geben wird. Beide Armeen werden die Gelegenheit nutzen, sich neu zu formieren und zu organisieren. Die Möglichkeit eines Sieges der ukrainischen Armee – sprich eine Rückkehr zu den Grenzen von 2014 – sehe ich nicht. Die Front wird sich in den kommenden Monaten verfestigen und der Ukrainekrieg wird sich zu einem „eingefrorenen Konflikt“ an den Grenzen Europas wandeln. Es gibt weder eine militärische Lösung noch einen „Frieden“. Die Ankündigung von Referenden in den russisch besetzten Gebieten lässt die ohnehin schwierigen Verhandlungen für einen Friedensschluss in weite Ferne rücken. Für diese „Abstimmung“ gibt es weder eine Rechtsgrundlage noch eine internationale Kontrolle. Ich frage mich zum Beispiel auch, wer in einem Gebiet, aus dem Millionen Flüchtlinge geflohen sind, wahlberechtigt sein soll“, erläutert General Vincenzo Camporini.

Es ist ein ziemlich hoffnungsloses Lagebild, das der General zeichnet. Der Welt stehen schwere Monate bevor.

 

Von: ka

Kommentare

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18 Kommentare auf "“Warum die nukleare Option nicht ausgeschlossen werden kann”"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Faktenchecker
11 Tage 2 h

Unser General lässt sich von Putin Angst einflößen… ?

Hustinettenbaer
11 Tage 1 h

Oder wie Luther jetzt sagen würde: Aus einem verzagten Ar… kommt kein mutiger Furz.

N. G.
N. G.
Kinig
11 Tage 40 Min

Der Militär Fachexperte hat gesprochen! Richten wir uns danach!

Mikeman
Mikeman
Kinig
10 Tage 23 h

Experten,sind nicht mal organisiert im Notfall abzuhauen 😂,quaquraqua von A-Z so ist es ,leider.

Renras
Renras
Grünschnabel
10 Tage 23 h

@Faktenchecker, vielleicht solltesch du amol deinen Nickname ändern, bei deine sinnlosen Kommentare. Weil oans isch sicher: Fakten checksch du net….

Orch-idee
Orch-idee
Superredner
10 Tage 20 h

@renras.. 🤭🤣🤣

brunner
brunner
Universalgelehrter
11 Tage 2 h

So lange werden sie da drüben umerspinnen bis es wirklich zu einem Atomkrieg kommt….dann Gute Nacht

Faktenchecker
11 Tage 56 Min

Du willst es doch so.

Hustinettenbaer
11 Tage 2 h

Kommt mir bekannt vor. “Hinweise”, “Sorgen”, “Eskalation”, “Ich würde also sagen, dass dies eine extrem unwahrscheinliche Möglichkeit ist, aber ich glaube nicht, dass ich sie hundertprozentig ausschließen kann“. 🤪

Nach 2,75 Jahren Corona hab ich die Experten-Medien-Faxn dick und kann´s nicht mehr hören.

Faktenchecker
11 Tage 56 Min

Dann auf Wiedersehen.

Willi I.
Willi I.
Tratscher
10 Tage 21 h
Lieber @Hustinettenbär! Man sollte nicht ständig damit daherkommen wie es früher war…. Aber manchmal kommt mir dieser Gedanke einfach unwillkürlich und ich erinnere mich an die Erzählungen meiner Eltern wobei mein Vater im 1.WK aufgewachsen ist und im 2.WK zu den Waffen musste und meine Mutter welche die Not des 2.WK als Kind erlebt hat. Wir sprechen hier von wirklicher Not, die länger angedauert hat als die von dir zitierten 2,75 Jahre in denen wir eine Maske tragen und einige Zeit das häusliche Umfeld hüten mussten. Solche Aussagen wie deine spotten jenen die die Not erlebt haben UND (sieh dich… Weiterlesen »
Hustinettenbaer
10 Tage 19 h

Lieber Willi I.
hast Recht. Jammern ist (noch) auf hohem Niveau.
Ich zeterte, weil “Experten” uns 2,75 Jahre mit widersprüchlichen Sch…hausnachrichten im Stundentakt bombardierten. Wegen der wir uns stritten wie die Kesselflicker.
Und das Muster glaube ich wiederzuerkennen.

Look_at_Yourself
Look_at_Yourself
Universalgelehrter
11 Tage 3 h

                       
Gute Analyse.
Putin kann nur Eskalation. Der Krieg wird erst enden, wenn Putin weg ist.

Evi
Evi
Universalgelehrter
10 Tage 23 h

💣🕊️☮️🙏

Konnnixwoasnix
Konnnixwoasnix
Grünschnabel
11 Tage 1 h

Jo nor isch dor Boden af johrhunderte Verstrohlt, sem konnsch nor a nicht mit dem erlbertem Gebiet tian🤔

inni
inni
Universalgelehrter
10 Tage 11 h

Putin ist verzweifelt. Ein gewaltsames Ende steht ihm bevor … seine Person betreffend❗️

Waltraud
Waltraud
Kinig
9 Tage 22 h

inni
Was Putin bevorsteht, ist mir eigentlich egal. Was steht uns noch bevor?

Guri
Guri
Superredner
10 Tage 6 h

Putin ist kein normaler Politiker, er entspringt dem KGB, im Grunde ist er ein Mafia Boss und so handelt er . jeder Ausdruck von schwäche stärkt ihn in seiner Handlung . leider hat er ein nuklear Arsenal , was die Sache nicht einfach macht . jedoch sollte man ihn mit harter hand begegnen ,nur das versteht er wirklich

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